Im Gasthaus zur Mühle gibt’s mehr als Sau und Knödel

Es liegt an einem herrlich gottverlassenen Eck an der Isar, gleich neben Europas längster Floßrutsche – und allein die urigen Bedienungen sind einen Besuch wert.

Diese Gaudi ist kein Spaß. Vor allem nicht für die Belegschaft vom Gasthaus zur Mühle. Denn wenn zwischen 12 Uhr und 13 Uhr die Flöße, von Wolfratshausen kommend und also schon ein paar Stunden Alkoholausschank zelebriert habend, hier anlanden zum kurzen Stop mit Musik und weiterem Trank, wird es ernst – für die Passagiere bezüglich des Gleichgewichtssinns und für die Wirtsleut’ bezüglich der Logistik.

Wer sich das dann anschaut, wie an diesem herrlich gottverlassenen Eck, das per Auto nur über eine enge Forststraße erreichbar ist, die unterschiedlichsten gastronomischen Bedürfnisse der woher auch immer anlandenden Gruppen befriedigt werden, muss den Hut ziehen. Das ist Gasthauskultur in des Wortes wahrster Bedeutung. Und ein kalkulatorisch-organisatorisches Wunder.

Auf dem etwas erhobenen Teil des schattigen Biergartens sind die Floßmenschen aufgehoben und stören so nicht den Restbetrieb, weil sie – zack zack – mit Speisen und Getränken versorgt wurden. Ein letztes Doping vor dem Abenteuer, Europas längste Floßrutsche hier gleich nebenan zu meistern. Um den normalen Gast, oft Radler, noch öfter Spaziergänger, eher seltener Autofahrer, kümmert sich eine Mann- und Frauschaft urigsten Bedienungspersonals, jede und jeder für sich ein Original und zusammen die wohl bunteste Gastro-Familie entlang der Isar.

Weil der Ton durchaus burschikos ist (“Am besten, Ihr esst alle an Schweinsbraten, des is am einfachsten!”) und weil die Tischgarnituren reichlich Patina angelegt haben, sind die Erwartungen an Speis und Trank anfangs etwas reduziert. Ein nicht immer, aber sehr oft wunderbarer Trugschluss. Denn die Küche hat weit mehr zu bieten als Schweinsbraten, und man tut gut daran, auch mutige Entscheidungen zu fällen. Denn wer auch immer hier in der Küche steht, hat Lust auf und kann mehr als Sau und Knödel.

Der Veganer muss da durch

Natürlich gibt es zuerst (mit erstaunlicher Hurtigkeit) was zu trinken. Wein muss hier nicht sein, die Biere von Fischer’s, einem Anhang des Erdinger Weißbierkonzerns, schmecken vorzüglich und passen perfekt zum vornehmlich fleischlastigen Speisenangebot, auch wenn sich auf der täglich deutlich wechselnden Karte auch immer Angebote für Vegetarier finden.

Der Veganer muss halt da durch. Und wer, wie Iwan Lende einmal, einen späteren Sonntagabend zur Verpflegung wählt, muss der Tatsache gewärtig sein, dass die eine oder andere Köstlichkeit gestrichen ist. Schweinsbraten aber gibt es offenbar immer (10.80) – und immer so gut, dass selbst die professionellsten Nörgler das Adjektiv “ehrlich” wählen. Dass das “ofenfrisch” von der Speisekarte da dann eher ein Euphemismus ist, wird von Soße und Kartoffelknödel kompensiert (mittlerweile gibt es sehr brauchbare Vorprodukte, so dass man sich nicht mehr die Finger an der Reibe verletzen muss). Der Unterschied zum Spanferkel vom Grill (14.80) ist übrigens so marginal, dass man vom Grill nichts merkt.

Viel Salat steht zur Auswahl, wohl für gesundheitsbewusste Radler; der mit Schafskäse, Oliven und Zwiebel war eher eine deftige griechisch-bayerische Liebesheirat, der “Avocado-Rote-Beetesalat in Himbeerdressing mit Bratkartoffel und Spiegelei” (11,80) dagegen eine wahre Offenbarung dank feinst abgestimmter Nuancen. Ebenfalls zur Abteilung Wunder aus der Küche gehört das saure Ochsenfleisch (leicht angewärmt) mit Kürbiskernöl, hausgemachtem Bärlauchpesto, Zwiebeln und Bratkartoffeln (12.80).

Lendes Lieblingsmitesserin schwärmte noch tagelang davon. Zur totalen Völlerei mit Nachspeise kam es allerdings nie, weil die nicht angeboten werden, statt dessen gibt es Kuchen (3.50) und Haferl mit Kaffee , Tee oder – ja! – Malzkaffee. Vielleicht als Reminiszenz an die uralte Geschichte dieses Ortes, der ja schon 200 vor Christus besiedelt war, damals allerdings noch ohne Isarkanal und Floßrutsche.

Zur Rechnung setzt sich der Kellner mit an den Tisch

Keine Klagen, sondern ausschließlich Lob gab es ein andermal mit anderer Besetzung und anderer Speisekarte. Darauf lockte das Bürgermeisterstück vom Ochs mit Rahmspinat und Bratkartoffel (15.20), das Fleisch war, wie das ähnlich zubereitete Tellerfleisch, äußerst zart, der Spinat schmeckte nach Spinat, was auch nicht selbstverständlich ist, nur die Kartoffeln hätten fünf Minuten länger in der Pfanne vertragen.

Noch einmal zurück zum Tellerfleisch (10,20): Es wurde mit Kartoffelsalat serviert, und diesem sei die Note eins beschieden. Perfekt und nicht zu fest gekochte Kartoffeln, vollgesogen mit einer ebenso perfekten Mischung aus Brühe, Öl und Essig, dazu leicht pfefferig gewürzt, hier könnten die Frontline-Kochkünstler manchen Betriebsrestaurants lernen, wie das geht.

Zur Rechnung dann setzt sich die Bedienung (“rutsch a weng!”) an den Tisch, notiert nach Angabe Speis und Trank, zählt im Kopf zusammen (“drei im Sinn”) und reicht den Zettel dem Zahlmeister. Ja, auch das gibt es noch.