Im Herzen des Bierparadieses

Im Aushängeschild von Münchens ältester Brauerei, der Augustiner Bräustuben, gibt es natürlich alle Varianten der Bier-Erzeugnisse. Dazu: viele kulinarische Höhen, leider aber auch ein paar Tiefen.

Den Charme der Landsberger Straße beschrieb einst die Spider Murphy Gang in einer Liedzeile treffend: “Zwoa, drei Schnoin stehn am Straßnrand und friern.” Rotlichtgewerbe und Autohäuser von der Schwanthalerhöhe bis hinaus nach Pasing gibt es auch heute noch. Wer nicht bloß auf der Durchfahrt ist, sucht entweder einen neuen Wagen oder ein spezielles Vergnügen. Nein, schön ist die Landsberger Straße wirklich nicht, aber ein Gebäude sticht aus dem architektonischen Einerlei heraus: Der prachtvolle Backsteinbau der Augustiner-Brauerei.

Der Gebäudekomplex ist seit dem Jahr 1857 im Besitz von Augustiner, und auf dem Gelände gibt es noch heute eine Tennenmälzerei: In 40 Meter langen und zehn Meter breiten Räumen wird die keimende Gerste auf einem Kalksteinboden ausgelegt und alle acht Stunden gewendet. Ein platz- und zeitaufwendiges Verfahren ist das, das sich nur noch wenige Brauereien leisten. Die meisten Großbetriebe haben längst auf vertikale Mälzereien – in Kasten- oder Turmform – umgestellt. Bei Augustiner ist man sich aber sicher, dass die Biere so gut schmecken, weil das am Boden liegende Malz Raum zum Atmen bekommt.

In der Tat hat gerade das Vollbier – wegen der Farbe der Etiketten auch “Grüner August” oder liebevoll “Gustl” genannt – zahllose Fans. Ein Marketingmann der Brauerei hat einmal die Frage, weshalb Augustiner auf Werbekampagnen verzichtet, mit lässigem Selbstbewusstsein beantwortet: “Wer viel Bier trinkt, trinkt Augustiner.”

Damit das so bleibt in Zeiten, in denen überall Craft-Beer-Marken aus dem Nichts auftauchen, investiert Münchens älteste Brauerei zwar auch nach 500 Jahren Reinheitsgebot nicht in Werbung, wohl aber in den laufenden Betrieb: Die Schankkellner werden neuerdings intensiv in Bierkunde geschult. Etliche in die Jahre gekommene Augustiner-Wirtschaften werden herausgeputzt, und am Wörthsee westlich von München baut die Brauerei gerade das legendäre Strandbad mit Schwemme komplett neu auf.

Ein gutes Bier zu den deftigen Gerichten

In München gibt es für die treuesten Anhänger der Marke natürlich nur einen wahren Treffpunkt, die Augustiner Bräustuben. Sie sind im historischen Gebäude zur Landsberger Straße hin untergebracht und unterteilt in eine traditionelle Gaststube und zwei Säle. Der große Saal beeindruckt mit schönem Tonnengewölbe, an den langen Tischen staunen Touristengruppen über einen von der Decke hängenden halbierten Sudkessel. Was hier getrunken wird, muss nicht länger besprochen werden: Die Halbe Helles für günstige 2,65 Euro kommt gut gekühlt aus dem Holzfass und geht runter wie Öl.

Die Wirkung des Bieres mildern die deftigen Gerichte, die aus der offenen Küche herausgereicht und von den Bedienungen und Kellnern flott serviert werden. Dass das Speisenangebot nicht auf die Ansprüche von Vegetariern und anderen verdächtigen Asketen zugeschnitten ist, liegt auf der Hand. Hier geht es rustikal zur Sache. An der Essensausgabe türmen sich Schweinshaxen, in großen Tiegeln simmern Soßen vor sich hin, der Knödelvorrat ist beachtlich. Und wie steht es um die Qualität?

Um herauszufinden, was die Küche der Großgaststätte taugt, wurde ein Kostproben-Team zusammengestellt: ein Niederbayer, ein Oberbayer und ein Schwabe – also aufgrund ihrer Herkunft ausgemachte Experten für Schweinernes, Knödel oder Spätzle. Eines vorweg: Der Niederbayer war mit dem Gebotenen rundum zufrieden, der Oberbayer fand nicht alles gut, und der Schwabe erlebte einen kompletten Reinfall. Das ging schon bei der Maultaschensuppe (3,20 Euro) los. In der kräftigen Brühe lag nur ein halbes Exemplar, das wässrig schmeckte und neben Brät auch undefinierbare Gemüsestücke enthielt – die gehören, befand der regionale Kenner, nie und nimmer in eine Maultasche.

Das Hauptgericht, eine Herausforderung

Die Leberknödelsuppe (3,40) hingegen mundete ausgezeichnet, im Teller lag ein schmackhafter, nicht zu fester Knödel, der glücklicherweise auch nicht übergroß war. Denn die Hauptgerichte erwiesen sich portionsmäßig als Herausforderung. Zum Beispiel der Spanferkelrücken, solo (13,95) oder im mächtigen Schmankerlpfandl neben einem Viertel von der Schweinshaxe liegend (13,50). Einmal war der Rücken derart trocken, dass man mit dem Messer schwer säbeln musste.

Beim nächsten Besuch, diesmal machte der Niederbayer die Probe, kam er butterzart auf den Tisch und war, wie die Haxn, ein Genuss. Die krachend knusprige Kruste überzeugte in beiden Fällen, die Kartoffelknödel dazu waren nicht mehr als Durchschnittsqualität. Als etwas süßlich erwies sich der begleitende Krautsalat. Und das zu den zarten Scheiben vom Ochsenbackerl in kräftiger Rotweinsoße (10,80) servierte Blaukraut war leider arg zerkocht.

Das Beste kommt zum Schluss

Keine Freude bereitete der Zwiebelrostbraten (15,90), der sich als eine zähe und flachsige Angelegenheit erwies. Auf der relativ dünnen Entrecôte-Scheibe, in der Speisekarte als “gereift” angepriesen, thronte ein Berg matschiger Zwiebeln. Wieder hatte es den Schwaben getroffen mit diesem Gericht, bei dem allenfalls die begleitenden Spätzle als ordentlich durchgingen. Als ausgezeichnet empfand die Runde ausgerechnet eines der beiden vegetarischen Gerichte auf der Karte: Die Rahmschwammerl zu den angebräunten Serviettenknödel-Scheiben (8,90) waren fein gewürzt.

Für ein Wirtshaus dieser Dimension bemerkenswert gut gelangen die Nachspeisen. Sie brauchen Zeit und Sorgfalt in der Küche, an beidem mangelt es manchmal in Großgaststätten. Nachdem schon der Apfelstrudel (4,40) ohne jeden Tadel war, erntete “Omas Rohrnudel” (4,95), ebenfalls mit Vanillesoße serviert, begeisterten Zuspruch. Die Mehlspeise mit zuckrig-braunem Butterrand war innen locker wie eine Dampfnudel.



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