Im Irrwitz überlebt

Gut, dass der Wienerwald den Zuschlag nicht bekommen hat: Vor 40 Jahren haben drei langhaarige Burschen das Wirtshaus Fraunhofer und sein Theater übernommen – und Kabarettgeschichte geschrieben.

Schaut man sich die Speisekarte an, dann wundert man sich fast, dass die Preise in Euro angegeben sind und nicht in D-Mark. Denn eigentlich hat sich da wenig verändert, optisch und von den Gerichten her, seit den Achtzigerjahren, als man erstmals hier gewesen ist, als junger Mensch. Freilich: Die vegetarischen Gerichte sind mehr geworden. Allein das ist schon extrem ungewöhnlich für eine urbayerische Wirtschaft. Normalerweise kann sich da der Vegetarismus gerade mal zwischen Rahmschwammerl und Kässpatzen austoben, mehr Entgegenkommen gibt es nicht. Außer halt im Fraunhofer. Dessen Wirt noch dazu eigentlich gelernter Metzger ist, wie schon sein Vater.

Das ist aber auch ganz typisch für dieses wunderschöne Wirtshaus in der Fraunhoferstraße: die selbstverständliche Verbindung von überlieferter Tradition und Moderne, ja Avantgarde, ohne je irgendein großes Gewese darum zu machen. Seit 40 Jahren ist das schon so, eigentlich sogar ein bisschen länger. Denn bereits 1974 kamen Beppi Bachmaier, Uwe Kleinschmidt und Werner Winkler aus dem damaligen Musikalischen Unterholz in der Hackenstraße hinüber an die Grenze des Gärtnerplatz- und Glockenbachviertels, um die seit 1775 bestehende Wirtschaft zu übernehmen.

Die Brauerei wollte eigentlich einen Wienerwald drinhaben. Vielleicht war damals Profit noch nicht alles, jedenfalls ließ sie sich dazu überreden, das Wirtshaus an drei langhaarige Burschen zu verpachten, die dort eine Kabarettbühne aufziehen wollten. Die wurde ein Jahr später auch tatsächlich eröffnet, und deshalb wird nun von Donnerstag an das 40-jährige Bestehen des Fraunhofer-Wirtshauses samt Theater gefeiert, obwohl man streng genommen heuer sogar dessen 240. Geburtstag begehen könnte.

Das Fraunhofer steht in jedem Reiseführer

In der Gaststätte merkt man davon wenig, wenn man sie am frühen Abend betritt. Noch sitzen kaum Gäste an den Tischen. Dafür sieht es, wenigstens in einer Hinsicht, ein bisschen aus wie bei Schumann’s: weil fast auf jedem Tisch ein Reserviert-Schildchen steht. Das ist inzwischen selbst an einem Montagabend notwendig geworden. Ab halb acht, acht kommen sie dann, oft gleich gruppenweise. Auch viele Touristen sind inzwischen darunter, das Fraunhofer steht ja in jedem Reiseführer als grundauthentisches, bayerisches Wirtshaus.

Ist ja auch klar. Vieles ist hier so geblieben, wie es wohl schon vor 100 Jahren war: die Holzvertäfelung, das Münchner Kindl mit den Keferlohern über der Schänke, und das Schild mit der Aufschrift in schrägem Deutsch: “Es wird gebeten, jeder selbst auf seine Garderobe zu achten. Der Wirt.” Die Durchreiche vor der Küche ist ein wahrer Hochaltar der Verehrung von Schweinshaxn, Leberknödln und inzwischen auch von gebratenen Auberginen mit Reis und Tomatensoße.

Am Zapfhahn steht mit verschränkten Armen der Schankkellner Hans und schaut dank seines Schnauzbarts so grimmig in die Runde, als ob das ganze Treiben im Gastraum Anlass für großen Grant sein müsste – bis man ihn dann beim Lachen ertappt. Im Kontrast dazu Harald, der Kellner, der einen auch im größten Trubel nicht vergisst und gute Laune massweise versprüht.

Mit dem Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn

Dies ist freilich nur ein Teil des Reichs, über das der Wirt Beppi Bachmaier seit 40 Jahren gebietet. Er ist übrig geblieben von dem Trio. Uwe Kleinschmidt ist längst gestorben, er war der quirlige Fantast mit den ausufernden Ideen. Der dritte, Werner Winkler, wollte mehr Varieté haben und macht bis heute die Drehleier in Haidhausen. Bachmaier aber blieb im Fraunhofer. An diesem Abend trifft man ihn im Hinterhaus, dort, wo das Theater ist und die Theaterkneipe Kulisse. Man muss dazu durch einen leicht unaufgeräumten Innenhof. Rechts geht es hinunter ins Werkstattkino, in dem seit 40 Jahren vieles läuft, was nichts mit Mainstream zu tun hat oder – grad mit Fleiß! – vor langer, langer Zeit mal schlechter Mainstream gewesen ist.

Beppi Bachmaier hat derzeit einen kleinen Teil der Kulisse abtrennen lassen, “da ist jetzt unser Wiesnbüro drin”. Auch in diesem Jahr hat er wieder den Zuschlag bekommen für sein Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn. In der Kulisse wird jetzt das Programm gemacht, werden die Reservierungen aufgenommen und die Einsatzpläne geschrieben. “Im Sommer ist im Theater weniger los”, sagt Beppi, “da geht das. Außerdem war das früher schon mal ein Büro. Da hat sich der Uwe um die Buchhaltung gekümmert.” Dann lacht er, denn Uwe war kein Liebhaber dieser Materie.

Anekdoten aus 40 Jahren Theater

Mit den Anekdoten aus 40 Jahren Theater könnte man Bücher füllen. Mit die schönste hat Wolfgang Nöth verursacht. Der spätere Hallenbetreiber von der Unterföhringer Theaterfabrik bis zum Riemer Flughafen und dem Kunstpark Ost hat nämlich im Fraunhofer angefangen und kümmerte sich unter anderem ums Kabarettprogramm. Er kniete sich einmal ziemlich rein, um den berühmten Helmut Qualtinger aus Wien an die kleine Münchner Bühne zu locken, und endlich stimmte Qualtinger dann zu: “Jo eh, na komm i mit’m Karl Kraus!” Qualtinger meinte sein Programm mit Texten von Karl Kraus , aber Nöth buchte in Erwartung eines Duos zwei Zimmer im Vier Jahreszeiten.

Solche Geschichten gibt es eine ganze Menge, und man ahnt schon, warum Beppi Bachmaier heute nicht mehr leicht aus der Ruhe zu bringen ist: Er hat einfach schon eine ganze Menge Skurriles erlebt. Und wenn neuer Irrwitz dazukommt, ist das ja vielleicht auch ganz interessant. Was Neues eben. Im Fraunhofer wurde Kabarettgeschichte geschrieben, viele große Namen haben hier begonnen. Sigi Zimmerschied, Bruno Jonas , der Zither Manä, die Guglhupfa.

Luise Kinseher finanzierte sich hier ihr Studium als Bedienung, heute kommt sie gelegentlich zum Schafkopfen her und auch mal für einen Auftritt: zum Beispiel am 30. Juni im Rahmen des kleinen Festivals zum Geburtstag. Hier entstand die Fraunhofer Saitenmusik, ein Volks- und Weltmusikprojekt rund um den Harfenisten Richard Kurländer, das heute längst zu den berühmtesten Ensembles auf diesem Gebiet zählt. Hier erfand der Mundartdichter Helmut Eckl vor 20 Jahren den “Literarisch-satirisch-musikalischen Frühschoppen”, der am 28. Juni zum 150. Mal stattfindet. Genauso alt ist der Poetenstammtisch, den Eckl zusammen mit Beppi Bachmaier und Fritz Liebl ins Leben rief, um an die Tradition des Musikalischen Unterholzes anzuknüpfen.

Zwischen bewahrender Tradition und umstürzlerischer Kreativität

Über die Jahre hinweg ist das Fraunhofer sowieso viel mehr geworden als ein einfacher Veranstaltungsort. Besonders das Theater hat etwas recht Familiäres. Hier kann es schon passieren, dass man mal mit Sigi Zimmerschied bis vier Uhr früh beim Wein sitzen bleibt. Oder sich beinahe dankbar die Tiraden vom anderen Hans im Fraunhofer anhört. Der kommt hörbar aus dem Fränkischen, ist Beleuchter und Bühnentechniker. Seit ungefähr 30 Jahren schimpft er gerne und ausgiebig, dass er das ganze Theater satthat und die ewigen Sonderwünsche ganz bestimmt nicht mehr lang mitmacht. Man ahnt aber, dass er vermutlich auch die nächsten 40 Jahre noch mitmachen würde, wenn es irgendwie ginge.

Beppi Bachmaier hört sich so etwas gelassen an und schmunzelt. Ohne sein Personal wäre das Fraunhofer nicht das Fraunhofer, nicht diese besondere, selbstverständliche Mischung aus bewahrender Tradition und umstürzlerischer Kreativität. Wenn gerade keine Vorbereitungsarbeiten für die Wiesn laufen, dann setzt er sich an den Wirtstisch gleich rechts an der Eingangstür und schaut dem Treiben in der Gaststube zu. Viele Junge sind hier, das ist schön, der Nachwuchs ist in jeder Hinsicht wichtig für so ein Theaterwirtshaus.

Der Wirt ist auch immer noch neugierig, was so von den Jungen kommt. Das ist auch der Grund, warum es hier so viele vegetarische Gerichte gibt. Denn Bachmaiers Sohn hat Koch gelernt, ausgerechnet in einem veganen Restaurant. Da war es dem Beppi dann sozusagen wurscht, dass er selber Metzger gelernt hat. Da trat der alte Leitspruch des Fraunhofer in Kraft: “Das probieren wir jetzt einfach aus.” Und damit kann man leicht einmal 40 Jahre überbrücken.