Im Niemandsland

Untergiesing und Harlaching – das ist wie Feuer und Wasser. Die Harlachinger Einkehr liegt zwischen den höchst unterschiedlichen Stadtvierteln und ist ziemlich bodenständig.

Hier huldigen sie den Löwen, dort den Bayern . Hier leben sie in Mietskasernen, dort in Villen. Hier schauen sie Fußball im Premiere-Stüberl, dort beim Private-Viewing. Das Schicksal wollte es, dass man Giesinger und Harlachinger verwaltungstechnisch zwangsverheiratet hat, ihre Stadtteile wurden zum Bezirk Nummer 18 vereint.

Wo die Ausläufer des einstigen Arbeiterviertels auf die grünen Straßenzüge zwischen Isarhochufer und Perlacher Forst stoßen, und wo die Karolingerallee in einer scharfen Kurve die verschiedenartigen Stadtteile trennt, steht trutzig, wie auf Niemandsland, die Harlachinger Einkehr: Ein traditionsreiches Ausflugslokal, wo die Stadtbewohner bereits Mitte des 19. Jahrhunderts kühles Bier tankten.

Vorübergehend war die Gaststätte wenig frequentiert, eine Zeitlang sogar geschlossen, die Gebäude verfielen. Vor einem knappen Jahr öffnete die Einkehr wieder – und nun vereint sie gewissermaßen den Charme von Giesing und Harlaching. Das Gebäude wurde fein herausgeputzt, die Räume hat man hübsch renoviert, in den Biergarten tönt das Trompeten der Elefanten (Wappentier der Einkehr) aus dem nahen Tierpark herauf.

Solide Mittelstandskost

Wer die harten Biergartenstühle scheut, kann sich im gemütlicheren Lounge-Bereich in Korbsesseln niederlassen. Freundliche Bedienungen rennen herum und schwächeln selbst dann nicht, wenn wie an Pfingsten oder Muttertag alle Tische besetzt sind. Vielleicht liegt es an diesem kleinen praktischen Gerät, in das die Kellner – ganz nach chinesischer Sitte – Nummern eingeben und per Enter-Taste abschicken? Nummer 732 für den Schweinebraten, zehn für’s Weißbier. Doch wehe, die Bedienung hat eine Ziffernfolge nicht parat oder vergisst, sie einzugeben – dann kann es passieren, dass der Gast vergeblich auf Spargel oder Salat wartet.

Wer Harlachinger Preise gewöhnt ist, wird in der Einkehr angenehm überrascht sein. Vom Niveau her orientiert man sich eher an Giesing, hier kostet kein Hauptgericht mehr als 18 Euro. Und wer mit großem Hunger kommt, den erwartet sogar ein Menü für knappe elf Euro. Kulinarische Höhenflüge darf man dafür freilich nicht erwarten, das Lokal bietet eher solide Mittelstandskost. Doch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.

Im Niemandsland

Angenehm ist zudem, dass der Koch exotische Abenteuer meidet und stattdessen auf bodenständig-bayerische Kost setzt: Der Schweinsbraten hatte eine wunderbare Kruste und eine Sauce, der nicht jegliches Fett entzogen worden war. Der Zwiebelrostbraten mit seinem leicht rosa Kern war perfekt gebraten, das saftige Schnitzel von einer lockeren Panade umgeben. Nur den Tafelspitz fanden wir zu trocken, und die Käsespätzle schmeckten, als seien sie aus der Packung.

Wer braucht schon Mousse?

Dass Spare Ribs als Spezialität verkauft werden, passt zwar nicht wirklich zum bayerischen Ambiente. Ein dereinst in München stationierter GI soll dem Vater des Wirts ein Geheimrezept aus Hawaii verraten haben. Das ist aber zumindest eine hübsche Geschichte, und die saftigen Spare Ribs mit einer scharfen Sauce ließen geschmacklich nichts zu wünschen übrig.

Wer es lieber leichter mag, kann bunte Salate mit diversen Beilagen – etwa Schweinefilet oder Scampi – wählen. Die Vorspeisen sind, ganz nach bayerischer Tradition, vor allem Suppen. Auch bei den Nachtischen ist die Auswahl eher klein. Aber wer braucht schon Mousse, wenn er schön lockere Apfelkücherl serviert bekommt?

Während der Fußball-Europameisterschaft bietet die Harlachinger Einkehr eine Großbildleinwand und lockt mit der Maß Bier, Spezi oder Wasser für vier Euro. Die Stimmung dabei ist, trockene Witterung vorausgesetzt, mindestens so prächtig wie bei der 150-Jahr-Feier Ende Mai. Als damals die Paul-Würges-Band mit ihrer Mischung aus Rock’n’ Roll und Heimatlied aufspielte, kannten viele kein Halten mehr. Da schwofte man im ballonseidenen Trainingsanzug auf dem Biergartenkies. Und die Harlachinger konnten erleben, was Giesinger Lebensfreude ist.