Im Paradies der Riesenschnitzel

Wer im Valley’s in Untersendling zum Essen einkehrt, der sollte am besten vorher erst einmal fasten – denn die Portionen sind riesig.

Es ist ja an dieser Stelle oft die Rede vom intensiven Abgang des Weines, davon, ob das Kartoffel-Trüffel-Carpaccio wirklich fein genug geschnitten ist und warum das Filet vom Weideochsen möglicherweise doch eine Minute zu lang in der Pfanne gelegen haben könnte. Aber es gibt auch eine Welt jenseits von zelebrierter Kulinarik, jenseits von Sommeliers und Sous-Chefs, jenseits von Amuse Gueule und nachfolgenden Sieben-Gänge-Menüs. Und leider dann auch jenseits von Bio. Eine Welt, in der es zu allererst darum geht, Menschen satt zu bekommen zu einem vernünftigen Preis, sowohl was den Wareneinkauf betrifft als auch deren Weiterverkauf an den hungrigen Kunden. In dieser Welt ist das Valley’s zu Hause, in Untersendling, in der Straße, von der es sich den Namen lieh.

Besser gesagt, es sind im Valley’s Menschen zu Hause, für die eine anständige Sättigung wichtiger ist als ein lukullisches Erlebnis. Und nach ein paar Besuchen in diesem Wirtshaus Ecke Aberle- und Valleystraße keimt der Gedanke, dass es davon nicht mehr genug gibt. Der Laden jedenfalls ist immer voll, sommers auch draußen auf der Freischankfläche, von wo aus man die Harley-Davidson-Maschinen bewundern kann, deren Besitzer sich immer gerne hier treffen und dem Lokal den dezenten Charme eines Biker-Treffs verleihen. Und weil man nach einer 500-Kilometerschleife auf einer Harley Hunger hat, gilt für die Küche als oberstes Gebot: viel!

Das geht schon beim Bauernsalat mit Peynirkäse, Zwiebeln, Oliven und Peperoni los, den Lendes Mitstreiter als Vorspeise zu dritt kaum schafften. Er wurde bis aufs letzte Blatt verputzt, was schon mal für ihn spricht. Auch Lendes Leberspätzlesuppe wollte ausgelöffelt sein, obwohl ein Blick auf andere Tische Schreckliches ahnen ließ: Teller in Wagenradgröße, gefüllt oft bis über den Rand. Und in der Tat: Als der Hauptgang, serviert von stets freundlich-burschikosem Personal mit vielen Bildern auf der Haut, auf dem Tisch stand, verdrehten Lendes Freunde die Augen vor Verzweiflung: Wer soll das alles essen?

Nun denn: Es wurde alles gegessen, manches, wie das zweite Wiener Schnitzel von diesem einen Wiener-Schnitzel-Teller, halt tags darauf zu Hause. Die Kalbsspitzen mit Röstkartoffel schmeckten beim ersten Besuch zwar etwas langweilig, der zweite Versuch wurde dann als Treffer notiert. Das geschnetzelte Zwiebelfleisch hätte man vielleicht besser als nicht geschnetzelt und dafür als Zwiebelrostbraten aus Hoher Rippe oder Entrecote geordert, aber die Soße war, obgleich mit ziemlicher Sicherheit industriell gepimpt, recht schmackhaft. Eher desaströs dagegen war die Fajita mit Käse und Gemüse aus der Tex-Mex-Ecke. Ein echter Mexikaner hätte den Koch zur Strafe wohl mit einer gepanschten Flasche Tequila abgefüllt – ein Klumpen Käse, umgeben von laschen Tortillas und langweiligem Gemüse.

Aber das Valley’s bezieht ja seinen Namen nicht vom “Valley of Mexico”, sondern von Valley bei Miesbach, weswegen der Schweinsbraten, den Lende beim nächsten Mal bestellte, nicht nur deutlich besser schmeckte, sondern in die Kategorie “hervorragend” eingeordnet gehört. Diesmal gedachte man, der Überfüllung des Magens zu entgehen, in dem man den dankbarerweise angebotenen “kleinen Krustenbraten” bestellte. Das “klein” bedeutete: “nur” ein Monsterkartoffelknödel und drei richtig große Stücke Fleisch (aus Schulter und vom Halsgrat, wenn nicht alles täuscht), mit recht knackiger Kruste obendrein. Für knapp zehn Euro, unglaublich!

In einem Lokal, das als eines von zwei Fischgerichten gebackenes Fischfilet mit hausgemachtem Kartoffelsalat anbietet, ist es ein Wagnis, nach dem zweiten zu greifen, dem Zanderfilet vom Grill mit Petersilkartoffel und Kirschtomaten-Zitronenbutter. Doch siehe da: Das Filet kam, nur in Mehl gewendet, einfach perfekt aus der Pfanne, fest im Biss und voll mit kräftigem Zandergeschmack. Und die angereicherte Butter bewies: Der Koch kann wirklich kochen und müsste, vielleicht wenn er mehr Zeit hätte, nicht auf Hilfsmittel aus der Industrie zurückgreifen.

Nun trinkt man in einem Wirtshaus, in dem junge Leute aus einem nahen Sportzentrum, müde Schwimmer vom Südbad und Restbestände originaler Münchner aus den Genossenschaftsbauten außenrum einkehren, mehr Bier als Wein. Der Zweigelt war trotzdem angenehm kräftig, der Veltliner dünn wie so viele, die wirklich guten sind ja auch im Einkauf recht teuer. Das Bier vom Maierbräu in Altomünster ist zurecht berühmt, vor allem in der hopfigen Version Bockerlbier.

Und wenn’s dann ans Bezahlen geht, braucht man keinen Schnaps zur Schockbehandlung. Die Hauptgerichte kosten zwischen 13 und 17 Euro, die Mittagskarte bietet zum Einheitspreis von 6,50 Euro 16 Gerichte. Und am Montag ist Schnitzeltag, was bedeutet, dass man am besten schon ab Samstag fastet.