Im Wohnzimmer von Haidhausen

“Es is so gmiatlich wie dahoam”: Ins Simplicissimus kommen die Nachbarn nicht nur wegen des Bieres – Stammgäste werden mit herzlichen Umarmungen begrüßt.

Es gibt sie noch, die gemütlichen Ecken in Haidhausen, in denen nicht jeder schnelllebige Trend durchrauscht und das Viertel rasant verändert. Am Beginn der Balanstraße, beinahe im Schatten von St. Wolfgang, geht es noch beschaulich zu. Dort, wo in den späten Achtzigerjahren Veronika Fitz in einer BR-Serie die Hausmeisterin Martha Haslbeck spielte. Schräg gegenüber dem damaligen Drehort befindet sich ein Wirtshaus, in dem sich auch Marthas Exmann Josef alias Helmut Fischer wohlgefühlt hätte. Wer die dunkle Holztür des Simplicissimus öffnet, betritt eine Art Wohnzimmer des Viertels.

Auf dem langen Tresen stehen meist üppige Blumensträuße in Vasen, dahinter ist die Bar mit allerhand Nippes bestückt: Plüschhasen, ein Nussknacker und eine kleine Buddhabüste, dazu Postkarten aus aller Welt. Kein Wunder, dass man hier keinen bärbeißigen Barkeeper hinterm Tresen antrifft, sondern zwei Schwestern, die ihre Stammgäste mit herzlichen Umarmungen begrüßen. Und davon hat der Simplicissimus viele. 80 Prozent der Besucher sollen Stammgäste sein, die regelmäßig in das Augustiner-Lokal kommen, nicht allein wegen des Bieres.

“Es is so gmiatlich wie dahoam”, sagt Wiggerl, einer der langjährigen Stammgäste. Er ist nebenan aufgewachsen und kennt das Lokal schon aus Kinderzeiten. “Des war mal a ganz a verruachte Kneipen”, erzählt er am Tresen. Früher, da gab es im damaligen Dorfner Hof noch einen Straßenausschank, wo die Nachbarsbuben Krüge mit Bier für die Väter holten und als Belohnung heimlich einen Schluck nahmen.

Das ist lange vorbei, und verrucht ist die Wirtschaft natürlich auch nicht mehr. Die beiden Wirtinnen, die aus Sachsen-Anhalt stammen, haben den Simplicissimus vor neun Jahren übernommen. Mit ihnen wechselte auch das Publikum. Heute treffen sich hier Piloten und Musiker, eine Richterin zählt ebenso zu den regelmäßigen Gästen wie ein LKA-Beamter, ein Zahnarzt sowie eine Gruppe reiferer Herren aus Australien, Neuseeland und Irland, die die Liebe zum Rugby und natürlich zum Augustiner-Bier eint.

Bier (3,40 Euro das Helle, 3,60 das Weißbier) wird hier mit Abstand am häufigsten bestellt, lediglich fünf Prozent der Gäste trinken Wein, etwa den Veltliner (5,30 für 0,2 Liter) oder den Zweigelt (5,80), die beide von einem Weingut im Kremstal stammen. Cocktails werden in dem Lokal im Altmünchner Stil so gut wie nicht verkauft, im Winter dagegen schwören vor allem die reiferen Damen unter den Gästen auf den selbst gebrauten Apfelpunsch oder den heißen Eierlikör wahlweise mit Whiskey oder Rum.

Gutes Bier, bodenständiges Essen

Zum bayerischen Wirtshaus gehört natürlich auch eine bodenständige Küche mit täglich wechselnder Karte. Vor allem die riesigen Schnitzel haben einen guten Ruf über Haidhausen hinaus. Trotzdem ist der Simplicissimus im Gegensatz zum berühmten Namensvetter, dem Alten Simpl in der Türkenstraße, vor allem unter Haidhausern bekannt.

Den Namen hat sich angeblich vor vielen Jahren ein früherer Wirt des Lokals erstritten, dessen Großvater beruflich etwas mit der legendären Satirezeitschrift zu tun gehabt haben soll. Doch im Simplicissimus an der Balanstraße geht es weniger bohemehaft als vielmehr bodenständig zu. Hier schauen die Nachbarn gern auch mal vorbei, wenn das Lokal offiziell geschlossen hat – falls im Wohnzimmer noch Licht brennt.