Das Restaurant hat verschiedene Bereiche, in einem davon schmücken asiatische Schirme die Decke. (Foto: Stephan Rumpf)

In der Höhle des Drachen

Das “Enter the Dragon” hat kosmopolitische Coolness, es ist laut, hektisch und hipstermäßig eingerichtet. Die Küche macht vieles richtig – aber nicht alles.

Es gibt Lokale, die spalten die ausgehfreudige Münchner Gesellschaft wie es sonst nur die Wiesn zu schaffen vermag. Das Enter the Dragon, ein Mega-Gastro-Komplex am Lenbachplatz mit Restaurant, Streetfood-Ableger, Bar und Club, ist eines davon: Einer der schönsten und coolsten Läden der Stadt, sagen die einen. Für die anderen ist es überteuert, die Portionen zu klein, der Service chaotisch. Es schreit also danach, getestet zu werden.

Durch den Windfang geschritten, steht der Gast unter dem roten Neon-Schriftzug “Enter the Dragon” und sieht sich um: Das Restaurant ist nach allen Regeln der Hipsterkunst schön gemacht – viel Industrielook, viel Samt, viele Pflanzen – und in verschieden gestaltete Bereiche unterteilt. In einem sitzt man unter einer mit asiatischen Schirmen verzierten Decke, in anderen auf samtgepolsterten Bänken, oder vor der Bar unter übergroßen Glühbirnen und Kletterpflanzen.

Wirklich hübsch. Allerdings überkommt einen unwillkürlich das Gefühl, auf der Internetseite eines Influencers gelandet zu sein, auf der mehr oder weniger gekonnt Werbeartikel platziert sind. Die Neonschrift auf der bepflanzten Wand wirbt für einen Botanical Gin. Das Streetart-Bild wirbt bei genauem Hinsehen für Kräuterschnaps. Auf dem Weg zur Toilette hängt aus Metall gesägt der Schriftzug einer japanischen Spirituosenmarke. Ja, die Pacht mag teuer sein, aber in dieser Penetranz wirkt das etwas unwürdig für einen Laden, der augenscheinlich Wert auf Stil legt. Es würde nicht weiter verwundern, wäre das Toilettenpapier mit einem Schnapslogo bedruckt.

Vornehmlich vietnamesisch ist die Speisekarte bestückt. Die Preise sind nicht das, was man unter Schnäppchen versteht, aber bei der Lage am Lenbachplatz und im Münchner Vietnamesen-Vergleich auch nicht übermäßig teuer. Wer mit der Hoffnung auf romantisches Kerzenlicht und Stoffservietten in das Drachenimperium spaziert, wird enttäuscht, aber dafür gibt es viel zu schauen. Allzu geräuschempfindlich sollte man nicht sein, die Tische stehen eng, der Service ist immer auf den Beinen. Reservierungen werden im Stakkato vergeben, die Gäste sind irgendwo zwischen Ende 20 und Mitte 40, ordentlich gestutzte Bärte, sorgfältig betonte Lippen, mit Partner oder Freunden da.

Der Service ist bemüht und freundlich

Wir starten mit einer der Vorspeisenplatten (“Dragon”, 17,90 Euro pro Person). Der Service, der bei unseren Besuchen immer bemüht und freundlich ist, weist noch darauf hin, dass man die Chilis im Papayasalat nicht mitessen sollte, falls man es nicht zu scharf mag. Die um den – ob mit oder ohne Chilis etwas laschen – Salat gruppierten Rollen und Röllchen sind von wechselnder Qualität. Die Sommerrollen etwa mit banal-neutraler Huhn-Füllung lagen wohl schon länger in der Küche herum, fein ausbalanciert hingegen die vietnamesischen Frühlingsrollen mit Garnelen-Tintenfisch-Füllung.

Leider muss man die beigefügte Fischsauce beinahe trinken, um sie als solche zu identifizieren, so mild ist sie. Das mag empfindlichen europäischen Gaumen entgegenkommen, es beraubt aber viele Gerichte um ihren typischen Geschmack; sie verhält sich zu üblicher Fischsauce in etwa wie ein 0,1-Prozent-Fett-Joghurt zur griechischen Variante. Die vegetarische Reisnudelschale mit Tofu (16,90) zum Beispiel: Es mangelt ihr nicht an Kräutern und Gemüse, aber sie schmeckt leicht fad, weil diese essenzielle Geschmackskomponente kaum auszumachen ist.

Über jeden Zweifel erhaben hingegen ist der im Tontopf geschmorte Seeteufel mit Dill, mit Frühlings- und Lauchzwiebeln als Beilage und einem Hauch Kurkuma (22,90). Als Dessert gönnen wir uns Mango Sticky Rice (8,90); der Sticky Rice ist zwar sehr asiatisch quietschgrün eingefärbt und schön klebrig, schmeckt aber leider kaum süß, null nach Kokosmilch.

Ein anderes Mal entdecken wir einen Pomelosalat mit der knusprigen Hühnerhaut (14,90), die in Südostasien ein beliebter Snack ist: die fruchtige Säure der Pomelo hat zusammen mit Chili und der herzhaften Knusprigkeit der Hendlhaut Suchtpotential. Die in Tempura gebackenen Butterkrebse (15,90) wären vielleicht mit weniger Tempura noch feiner gewesen, es empfiehlt sich aber trotzdem eindeutig, Vorspeisen einzeln zu bestellen statt eine der Platten.

Die Bun Bo Hue Reisnudel-Rindersuppe (9,90) ist ein wärmendes Mittagsgericht mit Chilipaste, aber ihr fehlt noch eine deftige Note. Auch wenn wir erleichtert sind, dass augenscheinlich nicht, wie im Originalrezept, Klumpen von Schweineblut in der Suppe schwimmen. Die Teller mit den Zutaten für die Reispapierrollen zum selbst rollen quillt beinahe über vor frischen Kräutern und appetitlich angerichteten Gurkenstreifen, Sprossen und Reisbandnudeln, besser wird es nicht. Nur die Sauce zum Dippen ist etwas zu schwer für die am Zuckerrohr gegrillte Garnelen- und Tintenfischpaste (19,90).

Vieles klappt sehr gut in der Küche, aber manches wirkt nicht ganz zu Ende gedacht. Hier und da mangelt es dem Drachen an etwas, trotz unbestreitbarer kosmopolitischer Coolness. Schwer zu sagen, ob an mehr Detailverliebtheit oder schlicht an etwas Herzblut. Das Manko lässt sich unten in der Bar mit einem exquisiten Cocktail betäuben. Zumindest bis das Karaoke-Krakeelen anfängt und die Nacht ins Trashige abgleitet.