Robert Haas

In dieser Wirtschaft rutscht dem Gast öfter mal ein “Öha!” raus

Das liegt am Bayern-Kitsch in der Schlosswirtschaft Oberschleißheim, aber auch an der wechselnden Qualität der Gerichte auf der recht übersichtlichen Speisekarte.

Wo bitte ist Bayern so flach, so flach, als im unmittelbaren Norden Münchens auf Oberschleißheim zu? Sich ausgerechnet hier auf “authentisches Alpenflair” zu berufen, entbehrt nicht einer gewissen Kühnheit. Alpenflair, das ist ein mächtiger Holzbau, den man, “Alm” genannt, in einen der lieblichsten Biergärten Oberbayerns geklotzt hat.

Und zwar so, dass er die eigentliche Attraktion, die mit den Liebreiz dieses Ortes ausmacht, fast total verdeckt: das Schloss Schleißheim des Blauen Kurfürsten Max Emanuel, das man sonst unter den hohen Kastanienstämmen hindurch erspähte. Und eine gewaltige Schank mit Kassenhäuschen verdeckt auch die Flanke des Alten Schlosses, in dem einst die prominente Schlosswirtschaft mit sehr wechselhafter Fortune residierte.

Diese sollte eigentlich binnen drei Jahren totalrenoviert sein, die im barocken Umfeld eher alberne Alm, hieß es, sei ein Provisorium für drei Jahre. Die aber sind um, der Augenschein lässt im Alten Schloss keinerlei Bautätigkeit erkennen. Gleichwohl: Im hölzernen Inneren böte die Riesenhüttn noch mehr stimmige Atmosphäre, würde man sie radikaler vom ChiChi entsorgen.

Von einer gewissen Grattler-Mentalität zeugt, dass die “Alm” selbst mit inzwischen schön gealterten Schindeln gedeckt ist, der im gleichen Stil direkt anschließende Küchenbau aber mit Pappe. Rund um die Szene rattern Aggregate verschiedenster Dienlichkeit, die auch schon mal eine Abgasschwade durch die sommerheiße Idylle des Gartens ziehen lassen.

Der mit traditionsgemäßem Repertoire verköstigende, hochpreisige Biergarten folgt lobenswerter Weise der Tradition, dass die Gäste zum anständig gepflegten Hofbräu München ihre Brotzeit selbst mitbringen dürfen. Das Restaurant in “Alm” und abgegrenztem Gastgarten überrascht für einen höchst gesuchten Ausflugsort zunächst mit einer verblüffend kleinen Auswahl an Gerichten (sechs Vorspeisen, zwei Suppen, sieben Hauptgerichte), die, ergänzt meist durch ein, zwei Tagesbesonderheiten, die Hoffnung nähren, bei so schmalem Programm dürfe man besondere Sorgfalt und Qualität erwarten.

Und siehe, das Roastbeef in Kräuter-Knoblauch-Kruste mundete mit pikantem Aioli, dem Kren und, oh Wunder, tatsächlich einigermaßen röschen Bratkartoffeln, die wir auch zu der akzeptablen Tafelspitzsülze “an Champagnerdressing” (öha!) mit roten Zwiebeln bekamen. Geschmacklich sehr gelungen der Sommersalat im Sherry-Orangen-Dressing mit Beerenobstzutaten. Angesichts lieblos gigantischer Zuckermelonen- und Gurkentrümmer hieß es freilich, beherzt zum Messer zu greifen. Die Kaspressknödelsuppe kam uns recht durchschnittlich vor, die kalte Gazpacho mit Garnele hingegen erquickend in ihrer angemessenen Schärfe.

Das Wiener Schnitzel mit Brezenpanade (öha!) und Kartoffelrucolasalat gelang der Küche, wenn auch zu dick, respektabel. Das schweinerne Schloss-Schnitzel hatte eine gerade, angenehme Art, ohne dass der sprachliche Salto der “Speck-Röstzwiebel-Kren-Panade” geschmacklich wirklich nachvollziehbar gewesen wäre. Beim Schweinsbraten in Dunkelbierjus (öha!) gefiel uns besonders die knackige Schwarte. Brav das Saiblingsfilet vom Grill mit Rote-Beete-Schaum; einmal allerdings hatte dieser Teller schon so lange unter der Wärmelampe gedörrt, dass sich der Fisch barock aufbog und der Schaum zu Schaumstoff eingetrocknet war.

Was stünde einer Alm als Aprés nicht besser an als der Kaiserschmarrn? Es kam bei unserem Besuch ein Berg einer Art Dominosteine auf den Tisch, unten schwärzlich eingerußt, als hätte man eine Dämmplatte in Würfel geschnitten. Nur je zwei offene Weiß- und Rotweine, alle weit mehr als fünf Euro fürs 0,1-Glas. Wobei der Grüne Veltliner und der venetische Chardonnay, beide provozierend mittelmäßig für den Preis, stets bei 33 Grad im Schatten in einem spülmaschinenheißen Glas aufgetischt wurden. Zweimal war die Sauberkeit der Trinkgefäße zu beanstanden.

Was Wunder: Die Betreiber sind die jüngsten Wiesnwirte aus einer der beiden Able-Familien. Naturgemäß wird hier – in München allüberall zur Masche verkommen – in knielangen Lederhosen bedient, auch wenn der Ober noch so preußisch schnabelt.

Die Bedienung, durchwegs bemüht, aber phasenweise recht unaufmerksam, kassiert dann für die Vorspeisen gut über 15 Euro, für die Hauptspeisen zwischen 10 und 20. Reichlich Architektur und Gartenkunst, die einem das Herze hüpfen lässt, und der doch so schöne Kastanienhain sind die Wallfahrt nach Oberschleißheim allemal wert, die Beköstigung dort kommt jedoch über eine beiläufige Begleiterscheinung nicht hinaus.