In Pasing tut sich was

Wo früher die Einfahrt zu einer Chemiefabrik in Pasing war, findet man heute das Restaurant Essence. Der Küchenchef veredelt französische Gerichte und holt sich dafür Anregungen aus dem Mittelmeerraum, der Region und aus Asien.

Draußen in der Vorstadt hat sich allerhand getan. Pasing etwa war so eine Vorstadt und ist heute Stadtteil. Mit eigenem Rathaus, eigenem Marienplatz und eigenem Bahnhof. Dort, am Bahnhof, stand einst auch die Chemiefabrik Weyl, die in den Achtzigerjahren jedoch weichen musste. Der damalige Oberbürgermeister Erich Kiesl, forsch wie er war, wies hier ein Wohngebiet aus, und die ersten Blocks standen schon im Rohbau, als man merkte, dass man auf einer chemischen Zeitbombe baute.

Es folgten Abriss und Bodensanierung, mehrere Meter tief wurde die Erde abgetragen. Heute stehen am Weyl-Gelände ein Teil der Pasing Arcaden, was eine andere Art von Bodenverseuchung mittels Shopping Malls darstellt, und schicke, neue Wohnungen. Rein gastronomisch gesehen ist das aber ein echter Gewinn.

Rund um den Bahnhof gibt es in Pasing seit Jahrzehnten nur den Burger King , der schon vor 30 Jahren die Bahnhofsrestauration übernommen hat, und etwas weiter nördlich den Luisengarten. Der ist allerdings ein Juwel von einem bayerischen Wirtshaus mit allerbester Hausmannskost und gehört mitsamt seiner Wirtsfamilie und der Speisekarte längst unter Denkmalschutz gestellt, weil es so etwas sonst kaum mehr gibt, erst recht nicht in der Großstadt.

Aber wir wollten ja von der neuen Zeit reden. Die begegnet uns dort, wo einst die Einfahrt zur Chemiefabrik war, in Gestalt des Restaurants Essence. Schon der Name verrät: Hier hat man es mit gehobener Gastronomie zu tun. Drinnen sieht man das, was sich Immobilieninvestoren unter Eleganz vorstellen, aber die Innenarchitekten haben es geschafft, aus Sichtbeton das Beste herauszuholen und einen Gastraum von nobler Zurückhaltung und stilvoller Nonchalance zu schaffen.

Es gibt eine Lounge neben dem Gastraum und eine hübsche kleine Terrasse zum Innenhof hin, von der aus man sommers in hellerleuchtete Panoramafenster von großzügig geschnittenen Yuppie-Appartements blicken kann. Falls deren Bewohner schon aus der Kanzlei nach Hause gekommen sind und das Licht angemacht haben, versteht sich.

Man kann ihnen nur raten, so sie denn Wert auf exzellente Küche legen: Geht öfter mal in der Nachbarschaft essen! David Zoll, Küchenchef im Essence, versteht nicht nur sein Handwerk, sondern stößt bisweilen gar in den Bereich der Kunst vor.

Auf der Grundlage der gehobenen französischen Küche lebt er seine Kreativität mit Anleihen vom Mittelmeer, der Region sowie Asien aus. Dies mündet etwa bei den Vorspeisen in ein Rindertatar mit gebackenem Wachtelei und körnigem Pommery-Senfeis (13,90 Euro), das beispielhaft zeigt, was man aus einem eigentlich recht banalen Gericht an Köstlichkeit machen kann, wenn man erstklassige Zutaten verwendet und sich etwas einfallen lässt. Ähnliches darf man von der klassischen Bouillabaisse von Edelfischen in Safransud mit Sauce Rouille (als kleine und große Portion zu 8,80 und 16 Euro) sagen: Die Zutaten sind perfekt aufeinander abgestimmt, jede ist herauszuschmecken, ohne im Gesamteindruck aufdringlich zu werden.

Kaninchen und Gambas kommen perfekt gegart auf den Tisch

Überhaupt der Fisch im Essence: Hier lebt die Küche ihre Stärken höchst lustvoll aus. Der bayerische Saibling im Ganzen (22,50), am Tisch filetiert, war ein zartes Gedicht und ergänzte sich perfekt mit dem sautierten Blattspinat und den Bratkartoffeln (die hier selbstverständlich “Risoléekartoffeln” heißen). Das Filet vom schwarzen Heilbutt unter Estragonkruste (20,80) stand dem in nichts nach, die glasierten Zuckerschoten und das dazu gereichte Rote-Bete-Risotto sorgten für Kontrast und Harmonie gleichermaßen – die einen knackig-bissig, das andere zart schmelzend.

Und die Fleischgerichte? Sowohl die rosa gebratene Honig-Ingwer-Entenbrust (19,80) als auch das gegrillte Medaillon vom Rinderfilet (26,50) waren auf den Punkt gebraten, der Blaukrautstrudel zur Ente genauso kross, wie man ihn sich wünscht. Als Experiment empfanden Sturm und seine Mittester den Kaninchenrücken, mit Gambas gefüllt, in Lavendeljus auf Tomatenbulgur und Artischockencreme (21,50) – Kaninchen und Gambas, die geraten auch besseren Köchen leicht einmal zu trocken, und das dann gleich im Doppelpack? Doch keine Spur davon. Beides kam perfekt gegart auf den Tisch.

Das ist beachtlich, auch wenn kritisch angemerkt werden könnte, das Ganze sei vielleicht ein bisschen arg gekünstelt und verspielt. Tatsächlich erliegt die Küche gelegentlich der Neigung, mit ihrem Können zu prahlen, so wie der Service manchmal ein bisschen salopp auftritt. Aber ist das wirklich schlimm? Spätestens bei den formidablen Desserts, etwa der Crème brûlée von der Tonkabohne (5,50) oder dem Haselnussparfait mit lauwarmer Schokoladensauce und Safran-Quitten (8,50), schiebt man solche Gedanken rasch wieder beiseite. Zieht man noch die Preise für Drei-, Vier- und Fünfgangmenü in Betracht (zu 39, 47 und 58 Euro), ist man sowieso wieder mit allem gründlich versöhnt.