Stephan Rumpf / Stephan Rumpf

Italienische Küche, ganz authentisch

Das Grappolo ist schon seit fast 30 Jahren sehr beliebt bei Stammgästen – für alle anderen ist es ein Geheimtipp.

Wenn ein Lokal, das auffällig günstig liegt und seit fast 30 Jahren höchst beliebt ist, in der SZ-Kostprobe bislang nicht vorkam, muss es von seinen Stammgästen hermetisch vor Neugierigen abgeschirmt worden sein. Man könnte also von einem Geheimtipp reden. Und man müsste den, der das Geheimnis lüftet, eigentlich als Verräter bezeichnen. Aber wenn man selber einmal in diesem Lokal gespeist hat, dann wird man aus Überzeugung zum Verräter. Denn die Sorgfältigkeit, mit der hier italienische Speisen zubereitet werden, und der Verzicht auf alle modischen Anleihen haben breite Öffentlichkeit, ja hohes Lob verdient.

Um nach dieser Einleitung den zu erwartenden Zustrom zu begrenzen, seien zuerst die entschiedenen Nachteile des Lokals aufgezählt. Das Grappolo, das von der Universität wie von der Kunstakademie in Sekundenschnelle zu erreichen ist, war anfangs nur ein Art Tagesbar, in der vorbeischaute, wer schnell mal einen Kaffee oder ein Glas Wein trinken und etwas aus der Vitrine verzehren wollte. Entsprechend beiläufig sieht das Lokal auch heute noch aus. In dem schmalen Raum, der vom langen Tresen dominiert wird, sind an der Wand und in den Ecken winzige Tische und unbequem hohe Barhocker zusammengedrängt. Da sich die ehemalige Wein-Bar aber schon seit längerem zur Trattoria gemausert hat, in der man mehrgängige Menüs zu sich nehmen kann, wird es, wenn alle Personen am Tisch etwas zum Essen und Trinken vor sich haben, regelmäßig extrem eng. Und auch draußen auf dem Gehsteig der Adalbertstraße herrscht pure Platznot. Aber solche räumlichen Mängel können die Freude über das, was Küche und Keller zu moderaten Preisen an Authentischem bieten, nicht trüben. Ja manche Gäste werden sich durch das beengte Ambiente vielleicht sogar an schöne Abende in Italien erinnert fühlen.

Der Koch im Grappolo weiß, wie die Klassiker der regionalen Küche Italiens schmecken müssen und zu welcher Jahreszeit sie am besten passen. Er richtet die täglich wechselnde Speisekarte ganz nach dem Tagesangebot des Markts aus. So gab es in den letzten Wochen immer mal wieder ein Pastagericht mit schwarzen Trüffeln. Da diese sommerliche Variante der Trüffel, anders als die brünstig riechende weiße Herbsttrüffel, ihren Eigengeschmack nur preisgibt, wenn sie kurz angeköchelt wird, muss in diesem Fall der buttrige Sugo die Geschmacksbasis liefern, auf der sich dann die frisch gehobelten Späne entfalten können (13,90 Euro).

Im Grappolo beherrscht man diese Kunst bestens. Und auch alle anderen Pasta-Gerichte können überzeugen. Besonders gelungen wirken die feinen Sugo-Kreationen, die der Koch mit den Fischen des Tages zaubert. Sowohl die im Mund dahinschmelzenden Würfel von Wolfsbarsch und Knurrhahn (9,60) als auch die kluge Kombination von Jakobsmuscheln und Fenchel (11,80) können sich mit dem, was in gehobenen italienischen Restaurants zu sehr viel höheren Preisen geboten wird, jederzeit messen. Und auch auf den herzhaften Safran-Risotto mit Salsicce (9,60) wird man gerne wieder zurückgreifen, wenn er mal wieder angeboten wird. Unter den Antipasti muss das Kabeljau-Carpaccio mit eingelegten Pfifferlingen (11,90) besonders hervorgehoben werden. Die fast durchsichtigen dünnen Scheiben des Fisches erwachen in der leicht angeschärften Vinaigrette zu einem intensiven zweiten Leben.

“Triglie alla Livornese” ist eines der beliebtesten Fischgerichte Italiens. Wenn es in München frische Triglie (Rotbarben) gibt, kann man sich im Grappolo auf diese Spezialität freuen. Die Fische werden entweder ganz oder filetiert in einer Sauce gegart: Diese aus geschälten Tomaten, Knoblauch und Petersilie gekochte sämig-saftige Masse kann man als die geschmackliche und farbliche Apotheose der Tomate feiern. Zusammen mit dem weißen Fleisch der Fische jedenfalls ergibt sie eine Komposition von schönster Natürlichkeit.

Konventioneller wird die Küche des Grappolo bei Hauptgerichten aus geschnetzeltem Schweinefilet oder Kalbslende. Aber die “Scaloppine di pollo al limone” – dünne Scheiben von der Hühnerbrust mit wunderbar cremiger Limonensauce -, oder das “Nodo di vitello”, das Kalbskotelett mit seinem kleinen Fettrand, können das Niveau, das Antipasti und Paste vorlegen, gut halten. Zu erwähnen ist auch, dass die Beilagen zu den Hauptgerichten – halbierte kleine Kartoffeln, die kurz angebraten wurden, und beißfestes Gemüse – stets wie frisch gemacht wirken.

Beim Wein kann man sich auf die Entdeckungen, die das Grappolo-Team im Süden Italien, vor allem in den vinologisch unterschätzten Abruzzen, gemacht hat, bestens verlassen. Die uralte, in den letzten Jahren lustvoll wieder kultivierte Rebsorte Passerina liefert einen leicht aromatischen Weißwein mit feinen Säurespitzen, der wie geschaffen ist für heiße Sommer.