Kaviar in Fassbinders Stammkneipe

Rainer Werner Fassbinder soll fast jeden Tag da gewesen sein, Queen-Sänger Freddie Mercury feierte hier wilde Exzesse. Das Petit Café war lange Zeit die kleinste und kurioseste Gay-Bar Münchens. Nun hat die Künstlerkneipe in der Altstadt wiedereröffnet – und serviert nun auch edle Speisen.

Der Abend ist fast vorbei, als sich ein Gast plötzlich ans Klavier setzt. Er spielt und spielt und spielt, bis alle Gespräche in der kleinen Kneipe verstummt sind. Gerade noch hatte der Mann versucht, an der Bar einen “Fassbinder Sour” zu ordern – doch die Kellnerin hat zwar einen entzückenden französischen Akzent, Drinks machen kann sie aber noch nicht. Vor allem nicht diese Interpretation eines Whiskey Sour. Sie ist neu im Petit Café. Genau wie das Jugendstilklavier, auf dem der Gast nun improvisiert.

Das Petit Café, ein Kleinod zwischen Boazn, überteuerten Touristenabsteigen und dem Mandarin Oriental unweit des Marienplatzes, gibt es seit 1962. Die Fensterscheiben sind mit Efeu bewachsen und zusätzlich abgeklebt. Lange war das Café ein Geheimtipp in der Schwulenszene, die kleinste und wohl auch kurioseste Gay-Bar der Stadt. Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder soll fast jeden Tag hier gewesen sein, die Schauspielerin Barbara Valentin und Queen-Sänger Freddie Mercury feierten bei Mutti, dem ersten Besitzer, Exzesse.

Auch Gabriel Donida, Architekt, Künstler, Geschäftsführer eines exklusiven Reisebüros, Halb-Brasilianer, geboren in Kanada, aufgewachsen in Italien, war Stammgast. Als der Bar-Inhaber aus finanziellen Gründen schließen musste, hat er das Petit Café vor ein paar Monaten übernommen. “Was für ein wunderschöner Platz – ich konnte einfach nicht anders”, sagt Donida. Nun ist er von Sonntag bis Mittwoch mit Reisenden in der Welt unterwegs, von Donnerstag bis Samstag führt er in München die Kneipe. Aus Spaß. Die sei schließlich kein anonymer Ort, sondern ein Wohnzimmer für Freunde und Bekannte, für die Boheme.

Noch immer kommen viele der alten Gäste ins Petit Café, doch unter sie mischen sich inzwischen jüngere Münchner, um einen “Virgin Valentin” mit Ingwer und Orangensaft oder einen “Affaire Mercury” mit französischem Rhabarberlikör zwischen den Fotos der berühmten Stammgäste von einst zu probieren. Donida hat im Inneren fast alles so gelassen, wie es war – und so sieht die vollgestopfte Bar noch immer aus wie eine Filmkulisse aus längst vergangenen Tagen: Zahllose alte Fotos in noch älteren Rahmen zieren die schmucke Tapete, viele zeigen halb nackte Jünglinge. Dazwischen stehen Samtmöbel und runde Tische mit weißer Decke. Neu sind nur die Toiletten. Und das alte Klavier.

Bei Kerzenschein serviert Donida hier Café, Bier, Wein und Härteres. Dazu gibt es Käseplatte, Kaviar und sogar Foie gras. Dennoch ist das Petit Café kein abgehobener Laden – der Kaviar kostet unter 20 Euro, für Studenten gibt es Rabatt. “Jeder soll hier eine Chance haben”, sagt Donida. Die Party beginnt manchmal erst spät im privaten Kreis. Dann kann es schon mal vorkommen, dass ein Gast plötzlich am Klavier sitzt und laut zu singen beginnt. Oder die französische Kellnerin einen bittet, sich den Drink selbst zu mischen. Die Exzesse im Petit Café sind sicher weniger geworden, exzentrisch ist der Laden noch immer.