Kleinster gemeinsamer Nenner: der Suff

Das Nachtbad in der Müllerstraße macht keinen Hehl daraus, was das Ziel eines Besuchs dort ist. Man darf hier sogar die Wände beschmieren.

Das Ziel ist klar: Ein Suff soll es werden. Mit diesem Versprechen ist das Nachtbad, die neue Bar an der Müllerstraße, vor ein paar Wochen an den Start gegangen. Nachlesen kann man das auf Facebook. Da werben die Betreiber mit dem perfekten “Suff-Soundtrack”, den man im Nachtbad auf die Ohren kriegt (es geht am Wochenende in Richtung Charts). Oder sie bezeichnen sich gleich als Botschaft des Rausches (“Embassy of Suff”) und posten den eigenen Status als “In einer Beziehung mit Suff”. Wer eine gediegene Atmosphäre sucht oder eine ausgefeilte Cocktail-Karte, der ist hier an der falschen Adresse.

Die Getränkekarte ist übersichtlich. Eine Seite, in Plastik eingeschweißt. Angeboten werden viele Flaschen (Champagner, Wodka, Gin, Whisky). Proll-Marken inklusive. Es gibt die üblichen Longdrinks (neun Euro), sie sind solide zubereitet. Es gibt Bier aus 0,33er-Flaschen (vier Euro). Und demnächst gibt es auch noch hauseigene Cocktails (9,50 Euro). Die Cocktails heißen “Arschbombe” und “Schwimmflügel”.

Was im Nachtbad wirklich zählt, das ist die Show. Und die fängt bei der Inneneinrichtung an. Spermien. Die sieht jeder Besucher des Nachtbads als erstes, wenn er durch die Tür tritt. Künstler haben sie an die Wand im Treppenhaus gemalt. Der Türsteher sagt: “Das könnten jetzt auch Kaulquappen sein.” Doch man soll sich da mal nicht täuschen lassen. Das ganze Nachtbad ist eine Anspielung auf den Vormieter, den Schwulen-Saunaclub m54. Viele Jahre war er in diesem Keller beheimatet.

Am unteren Ende der Treppe stehen noch die verkratzten Sauna-Spinde von früher. Daneben eine Badewanne und eine Fotokabine. Es gibt einen Jägermeisterraum, gleich neben der Garderobe. Er sieht aus wie eine Mini-Almhütte. Vom aufgeschlossenen Gast wird erwartet, dass er hier, am Beginn eines Abends, kurz einkehrt und möglichst schnell auf Betriebstemperatur kommt. Weiter hinten plätschert Wasser aus ehemaligen Saunaclub-Duschen in eine Abflussrinne. Die Decken sind unverputzt, die Lampen tauchen alles in ein puffrotes Licht. Jemand hat das Wort “Gay” an die Wand geschrieben. Und den Zusatzkommentar: “Ist nicht wahr”.

Überhaupt dürfen die Nachtbad-Besucher die Wände so beschmieren, wie es ihnen gefällt. Gute Sprüche werden eingerahmt und dürfen bleiben. Die langweiligen werden überpinselt. Nach nicht einmal sechs Wochen Barbetrieb sieht das Nachtbad bereits so aus, als gäbe es die Bar schon eine halbe Ewigkeit.

Das Ambiente erinnert mehr an einen Club. Es gibt kaum Sitzmöglichkeiten. Dafür einen Hufeisentresen und zwei riesige Partybereiche. Die Betreiber betonen aber, dass sie genau eines nicht sein wollen: Ein Club. Die Musik sei so eingepegelt, dass die Nachbarn in den oberen Stockwerken nicht gestört würden. Unten in der Bar trifft man Gäste, die man auch an der Sonnenstraße treffen würde. Alle sind willkommen. Sofern sie sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen können. Den Suff.