Kochkunst statt Currywurst

Paris im Münchner Bahnhofsviertel? Mit französischer Kochkunst wertet das Délice la Brasserie den Fast-Food-Tempel auf.

Die Bahnhofswirtschaft hat ja nicht den allerbesten Ruf, hierzulande jedenfalls. In Paris dagegen, wo bekanntlich das gute Essen erfunden wurde, locken in und um die großen Bahnhöfe oft denkmalgeschützte Prunksäle wie der berühmte Train Bleu, das Mollard oder das Terminus Nord. Viele nennen sich Brasserie, auf gut bairisch: Bräustüberl, weil der Reisende halt meist eher ein schnelles Bier braucht als ein ruhiges Glas Wein.

Nun ist München nicht Paris, und über den hiesigen Hauptbahnhof schweigt die Scham. Kulinarisch prägen Kebab-Läden, Hamburger-Bratereien und Pappbecherkaffee das Bahnhofsviertel. Luxus? Ach ja, gleich am Südausgang steht ein neobarocker Prachtbau, einst errichtet als königlich bayerisches Hauptpostamt, heute das Sofitel Bayerpost, Ableger der Fünf-Sterne-Premiummarke des französischen Hotelmultis Accor. Das Restaurant nennt sich kokett Délice la Brasserie, doch eine Warnung vorweg: Eine Brasserie im Pariser, gar im bayerischen Sinne sollte hier besser niemand erwarten.

Nach zwei Minuten ist die Wärmflasche da

Es fängt damit an, dass sich das Hotel der Umgebung nicht gerade einladend öffnet. Draußen versucht ein dichte Baumhecke, die Zumutungen der Gegend fernzuhalten. Auch drinnen fällt die Tür zum Délice nicht gleich ins Auge. Durch einen schmalen Gang geht es an der offenen Küche vorbei in einen in dunklen Tönen gehaltenen Raum, dessen enorme, durch Deckenspiegel noch betonte Höhe daran erinnert, dass in diesen Hallen einst Briefe sortiert wurden.

Der Service ließ bei unserem ersten Besuch – da waren fast alle Tische besetzt – etwas länger auf sich warten. Dafür wurde anderntags die stets verfrorene Mitesserin gleich gefragt, ob es ihr zu kühl sei, man drehe gerne an der Heizung. Sie scherzte etwas von “Wärmflasche” – prompt war zwei Minuten später eine da.

Die Speisekarte ist wortkarg. Die Gerichte sind ein Erlebnis

Für Laufkundschaft auf dem Weg zum Zug freilich hat das Haus nicht den jungen Anton Gschwendtner von der haubenbelobten Konkurrenz im Bayerischen Hof abgeworben. Es geht darum, im Wettbewerb der hochpreisigen Häuser der Stadt auch in der Küche mitzuhalten. Das verrät auch die Karte. In ihrem oberen Teil begnügt sie sich, wie es derzeit etwas alberne Mode ist, betont wortkarg die Ingredienzen der Gerichte vorzustellen. So hieß es etwa: “Hecht / geröstete Zwiebeln / Melisse”. Dahinter verbarg sich ganz Wunderbares: ein Quader aus dem Filet des Fischs, so auf den Punkt gegart, dass er in der Tat und nicht nur so als Redensart im Mund zerschmolz, umgeben von einem Schaum aus intensiven wie dabei doch dezenten Röst- und Zwiebelaromen.

Das Worttrio “Pulpo/Sauerkraut/Mangalitza Speck” verwies auf Stücke eines Krakenarms, lauwarm und perfekt fest im Biss, die sich verblüffend harmonisch in die überraschende Kombination mit dem kräftigen, von Sahne gebändigten Geschmack des Sauerkrautes und der milden Würze des Wollschweineschinkens fügten, erstaunlich einfach und erstaunlich einfallsreich. Vom Hirschsattel wiederum kamen zwei superzarte, vom Roten ins Rosige schimmernde Stücke auf einen mit leuchtend grüner Rosenkohlcreme bestrichenen und mit intensiv fruchtig-saurem Rotweinbirnenjus betupften Teller, auch das ein Erlebnis.

Am Ende fühlt man sich fast wie in Paris

Aus den vorspeisengroßen Portionen (zu je 17 Euro) kann sich der Gast selber ein Menü mit Überraschungspotenzial zusammenstellen – oder fürs Hauptgericht unter den dicken Strich schauen, der sich quer über die Karte zieht. Dort bietet sie Traditionelles wie ein Boeuf Bourgignon. Es erwies sich als mustergültig, zart und doch nicht zu weich geschmort, mit einem cremigen Kartoffelbrei daneben (27 Euro). Und es gibt Steaks, nicht irgendwelche, sondern vom Charolais-Rind, oder nicht ganz alltägliche Cuts wie Hanging Tender oder Tomahawk aus Amerika oder Australien. Unser Entrecôte bestand aus bestens gereiften Fleisch und war auf den gewünschten Punkt rosig gegrillt. Nun ist ein Steak ein typisches Brasserie-Gericht – es kann freilich nicht jene gaumenkitzelnde Kreativität vermitteln, die man für (inklusive Beilagen) knapp 50 Euro in einem Spitzenrestaurant dann doch erwartet.

Dagegen war das Mittagsgericht, ein zartes Hirschgeschnetzeltes mit kleinen Steinpilzen und schön kartoffeligen Mini-Gnocchi mit 19 Euro durchaus preiswert, zumal dazu noch ein großes Glas eines mehr als ordentlichen Nuits Saint Georges gehörte. Die Weinkarte ist übersichtlich, aber gut sortiert, die Kalkulation wie beim Chardonnay aus Südafrika mit 16,50 Euro fürs 0,2-Liter-Glas etwas üppig ausgefallen. Aber in einer Brasserie zählt ja auch das Bier: 7,20 Euro für die Halbe Paulaner – da fühlt man sich schon fast in Paris.