Leben mit dem starken Strom

Das Gasthaus “Zum Unter’n Wirt” in Schöngeising liegt direkt an der Amper. Der Chef ist Fan der Elektromusik.

Der Wirt ist dieser Tage nicht im Haus. Er verbringt diese Augustwoche auf einem Segelboot in Kroatien und hat DJs, Köche und Barkeeper mit an Bord. Was nach purem Freizeitvergnügen klingt, ist für Thomas Braumiller Arbeit. Der Segeltörn ist die zweite Ausgabe der von ihm initiierten “Starkstrom Croatia Cruise”. Starkstrom? Schon mal gehört, vielleicht sogar schon mehrmals da gewesen. Das seit 2010 jährlich veranstaltete Elektro-Musikfestival findet auf der großen Liegewiese von Braumillers Biergarten “Zum Unter’n Wirt” in Schöngeising (Kreis Fürstenfeldbruck) statt. Der Törn ist sozusagen ein Ableger davon, bei dem dieselben DJs auf dem Meer auflegen, die sonst an der Amper am Pult stehen.

“Ich würde sagen, mit Starkstrom haben wir Schöngeising wieder auf die Landkarte gehoben”, sagt Braumiller, kurz bevor er zu seiner Segeltour aufbricht. Zehn Jahre lang war der Gasthof, der seit 1879 im Besitz seiner Familie ist, verpachtet. In dieser Zeit hat sich Thomas Braumiller ausprobiert: in einer Werbeagentur, als Zeltwirt auf dem Tollwood-Festival und in der Münchner Gastro-Szene. Doch 2005 zog es ihn zurück an den heimischen Herd.

Wenige Jahre später kam Starkstrom. “Elektronische Musik begleitet mich seit meiner Jugend. Das Festival war ein Versuch, jungen Leuten von heute den Biergarten näherzubringen”, sagt der 47-Jährige. Es hat funktioniert: Was mit etwa 300 Besuchern begann, zieht inzwischen jedes Jahr rund 1500 Elektro-Fans nach Schöngeising. Theoretisch könnten noch mehr kommen, aber Braumiller hat sich eine Grenze gesetzt: “Wir wollen nicht groß werden, sondern das kleine, feine Fest bleiben, bei dem man sich immer wieder trifft.”

Auch wenn im Unter’n Wirt sonst keine DJs auflegen, hat das Festival den Betriebsalltag geprägt: Viele Gäste hätten ohne die Veranstaltung womöglich nicht so bald erfahren, dass bei der Kirche am unteren Zipfel Schöngeisings ein ruhiges Natur-Kleinod liegt. Der Gasthof befindet sich in einer Sackgasse, deshalb fahren dort nur wenige Autos. Parkplätze für die Ausflügler gibt es dafür zahlreich.

In den Sommermonaten ist der Biergarten der beste und mit etwa 300 Plätzen auch der schönste Platz am Wirtshaus. Alte Kastanien stehen dort und auch Bambus, am Boden knirscht der Kies, dahinter erstreckt sich die große Wiese bis zur Amper. Der Fluss gehört zu Schöngeising wie der Untere Wirt selbst. “Ich habe in der Amper schwimmen gelernt, meine Kinder genauso und bei den nächsten Generationen wird es wahrscheinlich nicht anders sein”, sagt Braumiller.

Obwohl er auf die reinen Badegäste, die mal ein Getränk oder ein Eis konsumieren, eingestellt ist und für diese mitunter auch eine Dusche installiert hat, ist das Essen im Gasthof nicht zweitrangig. Die Speisekarte setzt sich großteils aus der Standard-Auswahl bayerischer Biergarten-Gerichte zusammen. Es gibt Schnitzel in diversen Variationen, zudem kalte Brotzeiten wie Wurstsalat oder Limburger und Salate. Für Vegetarier hat Braumiller, der mitunter selbst in der Küche steht, gegrillten Ziegenkäse in Rosmarinhonig eingeführt. Zu große Experimente passen jedoch nicht zu seiner Zielgruppe: “Wer zu mir kommt, will Hausmannskost. Da komme ich mit moderner Hipster-Küche nicht weit.”

Mit den Gratis-Räuberteller können die Kleinen von den Erwachsenen stibitzen

Braumiller musste aber auch Kompromisse eingehen. Sein Credo “Ein bayerischer Biergarten braucht keine Pommes” kam gehörig ins Wanken, als die Lobby der Eltern Pommes für die Kleinen forderte. Also gab er nach und passte sich an. Natürlich gibt es noch andere Kindergerichte, darunter den Gratis-Räuberteller. Und das geht so: Mit einem leeren Teller bewaffnet können die Kleinen nach Belieben von den Gerichten der Erwachsenen stibitzen. Damit die Eltern danach ihre Ruhe haben, ist am Rand der Wiese ein Spielplatz aufgebaut. Um diesen für kleinere Kinder interessanter zu machen, möchte Braumiller ihn bei Gelegenheit erweitern.

Wer zu spät kommt, bekommt von dem kulinarischen Angebot im Unter’n Wirt allerdings nichts mehr mit. Gerade am Sonntag kann es durchaus passieren, dass die Küche schon nach dem Mittagsgeschäft dicht macht.

Für die Tagesspecials, die auf Schiefertafeln angeschrieben werden, sollte man frühzeitig dran sein. Und noch früher für den Schweinsbraten. “Ich entscheide morgens, wie viel wir für den Tag produzieren. Wenn nichts mehr da ist, ist das nun mal so”, sagt Braumiller. Die Stammgäste wissen das schon. Statt ihr Wunschgericht zu bestellen, hört man sie deshalb häufig die mit einem Nicken antwortende Bedienung fragen: “Der Schweinsbraten ist schon aus, oder?” Was andere Lokale oft bloß zu bestimmten Zeiten im Jahr anbieten, gibt es im Unter’n Wirt immer – allerdings nur auf Vorbestellung. Zum Beispiel die ganze Ente mit Blaukraut und Knödeln. Soßen und Dressings sowie Spätzle oder Kartoffelsalat sind hausgemacht.

Industrielles versucht der Wirt möglichst aus seiner Küche zu verbannen. Einige Kräuter kommen aus dem Wirtsgarten. Sind die Äpfel reif, gibt es Apfelmus, das dann mit Reiberdatschi auf der Speisekarte steht. Thomas Braumillers 81-jährige Mutter Doris backt die Kuchen, für die nahezu jeder Schöngeisinger lobende Worte findet. Ausschließlich saisonal könne er allerdings nicht kochen: “Der Kunde verlangt das ganze Jahr über das komplette Sortiment. Da muss man sehen, wie man zurecht kommt.”

Was er kocht, kauft er dafür in der Umgebung ein: Die Eier kommen aus Oberlappach, die Kartoffeln aus Esting, der Salat aus Biburg. Beim Fleisch sieht es anders aus. “Wir sind zu groß, um uns von einem Regionalmetzger beliefern zu lassen”, sagt der Wirt. Er greife deshalb auf “Großmetzger seines Vertrauens” zurück, deren Fleisch zumindest von im Umland aufgezogenen Tieren stammt. Seit er den Gasthof übernommen hat, hat er den regionalen Aspekt verstärkt. Dieser findet sich sogar jenseits der Speisekarte wieder: Viele Starkstrom-DJs sowie die gesamte Technik für das Festival kommen aus der Gegend.