München macht sich locker

Die Hitze treibt die Menschen vor die Tür – auch nachts. Um Ärger vorzubeugen, gibt es strikte Regeln. Dabei zeigen die Erfahrungen: Es regen sich recht wenige auf.

Es könnte sich um die kürzesten acht Minuten seit Erfindung der Uhr handeln. “Bitte austrinken oder reinkommen, in acht Minuten ist Feierabend”, erklärt der freundliche Kellner. Sagt’s, geht und wird fast unmittelbar von einer deutlich nervöseren Kollegin abgelöst, die die Frist auf dreieinhalb Minuten verkürzt – bis einen Augenblick später zum sofortigen Aufbruch geblasen wird. Tische abräumen, Türen und Fenster zu, der Sommer endet um 23 Uhr. Die Angst ist groß vor den Nachbarn, die in den prachtvollen Altbauten des Münchner Glockenbachviertels residieren und ihre Nachtruhe notfalls mit behördlicher Hilfe verteidigen.

Deutschland liegt eben doch nicht am Mittelmeer, auch wenn die Temperaturen das an diesem Abend vorgaukeln. In Spanien ziehen viele Leute jetzt erst los, und man kann sich lebhaft vorstellen, was gerade auf den kulissenartigen Plätzen Italiens vor sich geht. Aber auch in München herrscht – vor dem Zapfenstreich – eine entspannte, nahezu entrückte Atmosphäre, wenn in den Gründerzeitstraßen der Innenstadt noch die warme Luft eines gerade zu Ende gegangenen Sonnentages steht.

Die Fenster der Wohnungen stehen offen, hier und da brennt Licht, und über die Gehwege wabert eine dezente Geräuschkulisse, die aus dem Raunen der Kneipengäste und leisem Gläserklirren besteht. Immer wieder ziehen Gruppen von Leuten vorbei, bei diesen Celsius-Werten will kaum jemand nach Hause ins Bett. Vor der “Cooperativa” an der Jahnstraße sind zwei Männer mit ihren Hockern auf einen Parkplatz ausgewichen, die Biergläser stehen kippgefährdet am Bordstein. An den Tischen ist nichts mehr frei, da muss man sich anderweitig behelfen.

Ohne das, was im Behördendeutsch Freischankfläche heißt, geht auch im kühlgemäßigten Mitteleuropa nichts mehr. Wer kein Freiluftangebot hat, kann seinen Laden im Sommer eigentlich zusperren. Weshalb selbst an sehr schmalen Gehwegen wie in der nahegelegenen Fraunhoferstraße kleine Tische und Stühle an die Hausfassade gequetscht werden. Das war nicht immer so. Inzwischen aber sind alle dabei, ob Kneipe, Restaurant oder absturztaugliche Bar. Eher schnieke Läden wie der Szene-Vietnamese “Monsoon” an der Hans-Sachs-Straße servieren ebenso im Freien wie die Bruchbudenkneipe “Geyerwally” an der Geyerstraße. Die Münchner sind südlicher geworden, seit Längerem schon. Weshalb man sich an Brennpunkten des Nachtlebens, und dazu zählen das Glockenbach- und das benachbarte Gärtnerplatzviertel, gar nicht mehr ohne Reservierung in einer Open-Air-Kneipe verabreden kann. Treffpunkt ist ein markanter Ort wie das Sendlinger Tor. Danach beginnt die Suche nach einem freien Plätzchen.

München hat sich in den vergangenen Jahren lockerer gemacht. In den Sommermonaten dürfen die Freunde warmer Abende nun zumindest an Freitagen, Samstagen und vor Feiertagen bis Mitternacht draußen tafeln. Das Bitte-austrinken-Spielchen verschiebt sich um eine Stunde. Soll die Sause noch länger dauern, muss man sich auskennen in der Stadt. Am Nachtleben-Klassiker schlechthin, der Leopoldstraße in Schwabing, darf man wie auch am Sendlinger-Tor-Platz bis drei Uhr früh die warme Jahreszeit begießen. Gleiches gilt für einzelne Bars an der Sonnen- und Schwanthalerstraße.

Mal abgesehen von Orten wie der Müller- und Sonnenstraße, an denen zumindest an Wochenenden das Nachtleben nicht mehr raunt, sondern tobt: Im Großen und Ganzen laufen die Münchner Gelage unter freiem Himmel ohne allzu exzessive Auswüchse ab. Unter der Woche ist es nach elf sehr schnell sehr ruhig auf den Straßen.

Ohnehin lässt sich die große Angst der Wirte vor ihren Nachbarn nicht aus der Beschwerde-Statistik ablesen. In Münchens Mitte, dazu zählen neben der Altstadt auch Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel sowie die ebenfalls für Freunde der Nacht interessante Maxvorstadt, gingen im vergangenen Jahr gerade mal 70 Beschwerden bei der zuständigen Bezirksinspektion ein. Mokiert wurde vor allem Lärm durch lautes Reden, Raucher vor dem Lokal und geöffnete Türen und Fenster. Im Osten, wozu auch der Kneipen-Brennpunkt Haidhausen gehört, sind es um die 30 pro Jahr. Im Norden mit Schwabing 20 pro Monat.

Interessanterweise zählt der szenetechnisch eher unterversorgte Süden mit 150 bis 170 Anwohneranrufen pro Jahr zu Münchens Beschwerdeführern. Es ist wohl wie immer: Wo es normalerweise ruhig ist, fallen Störer eher auf als in Quartieren mit urbanem Grundrauschen. Deshalb ist Lärm in Solln etwas anderes als in der Maxvorstadt. Und dort wird er wiederum anders beurteilt als in Barcelona oder Rom. In München werden die Wirte bei Beschwerden von den Behörden kontaktiert, es drohen Lärmmessungen und ein Bußgeldverfahren. Besorgniserregend ist die Lage offenbar nicht. Ganze zwei Straf-Kürzungen bei der Öffnungszeit wurden in den vergangenen Jahren verhängt. Kein einziger Gastronom büßte lärmbedingt seine Konzession ein.

Der Sommer in München kann so schön sein

Der Gärtnerplatz, ein auch bei Touristen bekannter “Hotspot” mitten im Szeneviertel: Auf den Stufen des spätklassizistischen Theaterbaus wird gemütlich getrunken, das begrünte Rondell ist schwarz von Menschen. Hier wird ohne Gastro-Konzession gefeiert, mit mitgebrachten oder in den nahen Lokalen gekauften Getränken. Die Stimmung ist entspannt, die Kulisse schon fast mediterran. In der Corneliusstraße pinkelt ein Mann zwischen zwei elektrische Schaltkästen. Nicht jeder benimmt sich immer so, wie er sollte.

Weshalb die Stadt München speziell auch an diesem Platz ein Team einsetzt, das zwischen Wirten, Club-Betreibern, Feiernden und Anwohnern vermittelt. Sobald es Probleme gibt, suchen die Mitarbeiter des beim Sozialreferat angesiedelten “Allparteilichen Konfliktmanagements” (Akim) das Gespräch mit den Beteiligten. Es gibt Pläne, die Abteilung durch die Gründung einer “Fachstelle für nächtliches Feiern” nochmals aufzumöbeln.

Dass sich die Münchner ihre eigene Kneipe im Freien schaffen, ist nicht nur ein Gärtnerplatz-Phänomen. Vor dem Plattenladen “Optimal” an der Kolosseumstraße sitzen sich vier Männer nach Wirtshausmanier auf öffentlichen Bänken gegenüber. Ohne Tisch, das Bier müssen sie in der Hand halten. An der Klenzeschule, nicht weit vom Gärtnerplatz entfernt, bevorzugt eine Gruppe Jugendlicher den Sitzkreis auf dem Gehweg. Die Luft riecht verdächtig würzig. In der Fußgängerzone der direkt anschließenden Altstadt spielen gleich mehrere Musiker, die Passanten klatschen und tanzen. Sommer in München . Er kann so schön sein.