Man kann hier Nachmittage bei Tee und Kuchen vertrödeln - oder mittags und abends die begrenzte Zahl an preiswerten Gerichten genießen. (Foto: Stephan Rumpf)

Multikulti-Küche mit Wohlfühlfaktor

“Über den Tellerrand” heißt das Café im Bildungszentrum Einstein 28. Hier kochen Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam – und das gelingt sehr gut.

Der Mensch ist Mensch, weil er lernt und dafür in die Volkshochschule geht. Sanskrit für Einsteiger, Klöppeln für Fortgeschrittene, ja sogar “Glück!” im Praxisworkshop – es gibt so gut wie nichts, was sich in Münchens kommunaler Weiterbildungsanstalt nicht studieren ließe. Kochen natürlich auch: schnelle Küche für Singles, selber Wursten für Teenager oder ein finnisches Weihnachtsmenü – die Volkshochschule lehrt’s, und der Volkshochschüler lässt sich das Gelernte anschließend durch den Magen gehen. Über den Geschmack urteilen die Mitschüler.

Am Max-Weber-Platz – mehr dazu in Kurs Nummer J135810 “Max Weber und die moderne Massendemokratie” – hat Münchens Volkshochschule sich ein neues Lernhaus gebaut und dorthinein einen Ort gesetzt, an dem Schüler und Nichtschüler essen und trinken können, auch ohne lernen oder gar selbst kochen zu müssen. Über den Tellerrand heißt das Café im noch recht neuen Bildungszentrum Einstein 28. Allerdings muss man schon wissen, dass es hinter der gelben Altbaufassade steckt. Das Werbebanner am hohen Fahnenmast vor dem Haus fällt, weit über Augenhöhe, wohl nicht jedem Passanten auf. Aber der Eintritt ins Foyer des Hauses lohnt sich.

Im hinteren Teil des hellen, dank holzverkleideter Wände doch warmen Raums gruppieren sich weiße Stühle um weiße Tische, bunte Kissen leuchten auf grau gepolsterten Wandbänken, ein breites Regal offeriert Lesestoff für lange Kaffeehausstunden, aus den Lautsprechern säuselt unaufdringlich leise mal Jazz, mal Orientalisches. Im Sommer, der in diesen Klimakrisenzeiten schon mal bis Ende Oktober dauert, lässt es sich auch im weiten Hinterhof vor quietschbunter Kunst am Bau angenehm sitzen.

Das Café ist Teil eines Projekts, das sich dem Austausch von Menschen mit Fluchterfahrung und den schon länger hier Eingesessenen verschrieben hat, und zwar auf Gaumenhöhe sozusagen. Flüchtlinge und Beheimatete betreiben es gemeinsam, die Karte, auf ein Holzbrett geklemmt, beschreibt das alles, Auszeichnungen hat es auch schon gegeben, doch der Erfolg des Gutgemeinten entscheidet sich am Ende doch an einer Frage: Ist es auch gut?

Um es vorwegzunehmen: Ja, weitgehend sogar sehr gut. Natürlich lassen sich hier beim Tee aus frischer Minze und geschältem Ingwer und bei gutem, selbstgefertigtem Kuchen Nachmittage vertrödeln oder die beim Yoga-Kurs verlorenen Kalorien mit einem Falafelsandwich und selbstgemachter Hibiskus-Limonade wieder auffüllen. Aber interessant wird es vor allem, wenn man sich aufs richtige Essen einlässt.

Breit ist das Angebot nicht: Wein etwa gibt es einen Weißen, einen Rosé, einen Roten, alle aus dem Badischen. Schulmäßige Kreideschrift preist auf Tafeln die Suppe, die Pasta, den Nachtisch der Woche an. Es gibt täglich wechselnd zwei Mittagsgerichte, die abends allerdings alle schon aufgegessen sein können, und dazu ein paar Standards auf der Karte. Das meiste davon, nicht alles, holt seine Inspiration aus den Heimatländern derer, die da kochen, aus Syrien, Afghanistan, Afrika.

Mit Kümmel und Koriander etwa weckte die kräftige Linsensuppe die Erinnerung an die Souqs von Aleppo aus Zeiten, da die syrische Stadt noch nicht in Trümmer geschossen war. Die Blumenkohl-Apfel-Suppe in der Woche zuvor war dagegen sehr hiesig, aber in ihrer cremig-zarten Harmonie aus süß und sauer wirklich sehr fein.

Die Falafel wiederum gehören mit zu den besten, die Gudmund zwischen Bayern und Bagdad gegessen hat, und in die Dips dazu würde er sich am liebsten reinlegen: die Muhammara, diese nussige, leicht scharfe, leicht süße Creme aus Paprika, Walnüssen und Granatapfelsirup, die mit Granatapfelkernen bekrönte Auberginenpaste Baba Ghanoush oder das herrlich cremige Hummus. Von diesem lässt sich hier auch ein großer tiefer Teller bestellen, bedeckt mit scharf gewürztem Lammhack – dieses Hamshuka, aus Israels Küche hervorgegangen, mag nun nicht ein Produkt höherer Kochkunst sein, ein Wohlfühlgericht ist dieser Kichererbsenbrei allemal. Und richtig gut war das geschmorte Hühnerbein, bedeckt mit einer dicken, fruchtig-scharfen Gemüsesoße, in der Mandarinen, Fenchel und Senf sich zu einem sehr spannenden Ensemble verbanden. Und die süße Würze des Orients zog sich auch durch den safrangelben afghanischen Reis mit seinen Rosinen, Karotten und den geschmorten, nicht wirklich ganz zarten Lammfleischstücken.

Nicht alles gelang: “Flüchtlinge aus Italien gibt es hier ja wohl nicht”, mäkelte eine Mitesserin, als sie die Spaghetti Bolognese um ihre Gabel wickelte, dabei die Tatsache missachtend, dass Spagbolo natürlich in allen Ländern der Welt außer Italien zu Hause sind und oft auch so schmecken, wie sie es hier taten: die Nudeln jenseits von al dente, das Ragù eher fad. Den Wohlfühlfaktor minderte das kaum, dazu wurden Gudmund und seine Mitesser stets zu gut gelaunt, hilfs- und erklärbereit bedient.

Was das ganze kostet? Es ist ausgesprochen und überraschend günstig. Für die meisten Gerichte gelten drei Preise, je nachdem, was das Portemonnaie hergibt. Doch selbst auf der höchsten Preisstufe, die ein Gast wählen kann, kostet nichts mehr als elf Euro.

Adresse: Einsteinstraße 28, 81675 München | Telefon: 089/89081965 | info@ueberdentellerrand.cafe | Montag bis Samstag 8.30 bis 22 Uhr