New Yorks Meatpacking District im Westend

Lachsforelle aus dem Lech oder Fleisch vom Tegernsee: Die Westend Factory hat sich spezialisiert – und überzeugt.

Wenn man sich einen Ort im Westend aussuchen würde, den man sich als Münchner nicht zwingend zum Verweilen aussuchen würde, ist es die Westseite des Heimeranplatzes: freier Blick auf den Mittleren Ring, oben surren S-Bahnen, unten schnaufen Busse, das Areal ist bis auf wenige Hundebedürfnisflecken betoniert. Reporter von außerhalb, die zum Beispiel über die benachbarte Abendzeitung berichten, nutzen oft die Formulierung “hier im Industriegebiet”. Man kann es ihnen nicht verdenken.

Aber, das gilt für das Westend vielleicht noch mehr als für andere Viertel: Es lohnt sich auch hier ein zweiter Blick. Zum Beispiel in das Sheraton Westpark. Aber nicht in den Teil mit dem Marmor und der braunen Auslegeware, sondern in die “Westend Factory”, die zwar zum Hotel gehört, sich aber als eigenständiges Restaurant sieht. Seit Oktober 2016 wird hier von Küchenchef Sven Segler “Steak & Fish” serviert, so die Eigenwerbung, der Schwerpunkt liegt aber auf dem Fleisch, was die Einrichtung unterstreicht: Die Fenster sind mit Gitterpaneelen bestückt, Sichtbeton, Stahl und Holz dominieren das Interieur, die einseitige Speisekarte wird auf dem Klemmbrett gereicht – es soll industriell wirken und neben dem Arbeiterviertel Westend wohl an den New Yorker Meatpacking District erinnern, wie das Fleischlokale so machen.

Jedes Essen startet mit einem halben Laib Brot samt Dip, beim ersten Mal waren Walnüsse im Brot, beim zweiten Besuch Kürbiskerne. Beides köstlich, beides noch backwarm. Serviert wird auf einem Brett mit einem Messer zum Selberschneiden – und Teilen. Die Essfabrik ruft das Sharing-Prinzip durchweg aus: Alles wird in die Mitte des Tisches gestellt, jeder nimmt sich. Zum Beispiel von der kalt geräucherten Lachsforelle aus dem Lech (9 Euro) als Vorspeise, begleitet von Kräuterseitlingen, die es mit ihrem kräftigen Aroma gut mit der Forelle aufnehmen können. Fein war das, aber auch nur bedingt aufregend.

Angetan waren wir aber sehr vom gebrannten Ziegenkäse (8 Euro), der karamellisiert mit einem duftigen Tomaten-Papaya-Salat versehen war, dazu Koriander in genau dem richtigen Maß und wildem Spargel, der mit seiner Getreidenote einen schönen Gegenpunkt bildete. Den Spargel-und-Erdbeeren-Salat (9,00) mit Büffelmozzarella und Basilikum vergessen wir schnell. Die Zutaten mit den Geschmacksnuancen süß und sauer und milchig schwammen in einem See aus weißem Balsamico-Essig umher, ein Ganzes wurde nicht daraus.

Die Hauptspeisen stimmten uns dann wieder sehr vergnüglich. Zum Beispiel das Stück vom Färsen-Roastbeef aus dem Tegernseer Tal (29,00), das wir bei beiden Besuchen bestellt haben und das in seiner Saftigkeit und Zartheit nicht nur von einem besonderen Gefühl in der Küche, sondern auch bester Qualität kündete. Wir bestellten medium , was beim ersten Mal auch so an den Tisch kam, beim zweiten Besuch aber ein rottriefendes rare war.

Das Fleisch ist im Fokus

Das Fleisch war gleichwohl perfekt, in jedem Zustand, das Laguiole-Messer glitt mühelos durch das Stück, das hier aber eher die Einsteigervariante ist. Wer mag, kann an dem Abend zu zweit auch ein Porterhouse Steak (600 Gramm) für 78 Euro wählen. Begleitet wurde unser Roastbeef von einem eher konventionellen Salat aus lauwarmen Penne mit klassischem Pesto, ein anderes Mal von Feldsalat mit roten und gelben Cocktailtomaten, die sehr fruchtig waren.

Wir bestellten nach einem grüßend aus der Küche gelieferten sehr süßen Feigensorbet neben der Färse noch das Saiblingsfilet (22,00) von Familie Andrä vom Starnberger See, sehr zart, sehr frisch. Die Vegetarierin wählte den gegrillten Halloumi (14,00), dem nichts vorzuwerfen war, der aber an diesem Tag keine rechte Lust der Küche an Veggie-Gerichten erkennen ließ.

Wir waren zweimal derart satt, dass an ein Dessert nicht zu denken war, in der Regel gibt es zwei davon: Crumble oder Kuchen (5,00) und Käse von der Schönegger Alm (9,00) in Oberstdorf. Die Portionen waren bei unseren Besuchen üppig dimensioniert, zwei Vorspeisen und eine Hauptspeise für eine Person hätte auch für eine Familie mit zwei Kleinkindern gereicht.

Positive Überraschung bei den Getränken

Wasser aus der Leitung, auf Wunsch gesprudelt, gibt es kostenlos und wohltemperiert, was uns erfreut, zu oft haben wir in letzter Zeit erlebt, dass gutes Mangfaller nach ominöser Filterung nur gegen teures Geld kredenzt wird. Die Weine kommen fast alle aus dem Umkreis von 400 Kilometern, also Deutschland, Österreich, Italien, offen für fünf Euro das Achtel und acht Euro das Viertel.

Interessanter, zumindest für uns, ist hier das Bier. Jeden Monat steht ein anderes Craft Beer auf der Karte, oft aus der Region, zusätzlich sind andere Biere im Angebot, etwa “High Diver” (5,50 für 0,33 Liter) von Next Level Brewing aus Wien, ein fruchtiges Pale Ale, das vornehm bitter, solide malzig und sowieso nach Erdbeeren und Gras schmeckt.

Wunderbar ist die Terrasse, die zwar an der Auffahrtsrampe zum Hotel liegt, sich aber durch eine geschickte Einfriedung mit Beerensträuchern, Kräutern und Blumen nicht so anfühlt. Der Service ist aufmerksam, selbst, wenn man drinnen (etwa 20 Tische) wohlklimatisiert sitzt und draußen (noch einmal so viele Tische) zuweilen ein Grillabend startet, bei dem es Fleisch mit viel Beiwerk für 29,90 Euro gibt und alles besetzt ist. Zunehmend von Nachbarn. Die anderen dürfen gern weiter über den Heimeranplatz lästern, dann bleibt immer Platz hier für uns.



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