“Niemand kann allein sein”

Ein Besuch im Literaturhaus ist was für Schöngeister – oder auch nur mal was für Genießer schöner Genüsse.

Es ist ein schickes Ding. Keine Frage. Die “Brasserie Oskar Maria” im Literaturhaus am Salvatorplatz gibt sich mondän, weltoffen, schöngeistig. So wie wohl alle Restaurants , die in Deutschlands architektonisch wunderschönen Literaturhäusern residierten, sei es in Hamburg, Berlin oder Frankfurt am Main.

Angesichts der Tatsache, dass Schreiben in der Regel eine brotlose Kunst ist, könnte man auf den verwegenen Gedanken verfallen, diese Orte seien etwas für arme Literaten – und müssten irgendwie asketisch, spartanisch sein. Doch schon die piekfeine Adresse hinter der Theatinerkirche mit ihren edlen, teuren, exklusiven Boutiquen drumherum lässt diesen Gedanken zum Fehlurteil werden.

Das “Oskar Maria” ist ein Restaurant in einem hohen Saal, mit einer riesigen Fensterfront und einer verspiegelten Rückwand, in das man sich als Gast oder als Veranstalter nach Lesungen mit den Vortragenden begibt. Oder auch ein Ort mit einem Tick des Charmes von Kaffeehäuser anderer Jahrhunderte, an dem man die Schönen Künste auch einfach mal vergessen kann – und sich nur für die schönen Genüsse entscheiden kann.

Vor nun fast einem Jahr haben nach einen unangenehmen und für die Außenwelt fast nicht nachvollziehbaren Streit die Wirte gewechselt. Aus dem (ein paar Ecken weitergezogenen) “Dukatz” wurde das “Oskar Maria”. Benannt ist es nach – neben Thomas Mann – dem Säulenheiligen des Münchner Literaturbetriebs, dem Schriftsteller Oskar Maria Graf (1894 – 1967).

Verändert wurde seither wenig. Eine umfangreichere Speisekarte mit dem erfreulichen Faktum, dass die Preise nach unten gingen – was nicht heißt, dass diese jetzt niedrig wären. Auch blieb die Innenarchitektur von Uwe Kiessler erhalten. Lediglich die Trennung zwischen Restaurant und Café wurde aufgehoben. Und das vor einem Jahrzehnt von der amerikanischen Künstlerin geschaffene Oskar-Maria-Graf-Gesamtkunstwerk, das mit Zitaten auf dem Geschirr, den Lederbänken und auf den Steintischen vor dem Haus an den bayerischen Dichter erinnert, wurde auch auf die Bewirtungsbelege übertragen (“Niemand kann allein sein”).

Die Dinnersets aus Papier sind passend zur derzeitigen Ausstellung mit Sätzen aus Werken von Franz Kafka bedruckt, zum Beispiel aus “Das Schloß”: “Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefen Schnee.” Hätte man sich nichts zu erzählen, Kafka wäre mal wieder ein guter Anlass, um über das Leben an sich und im Allgemeinen zu sinnieren.

Empfehlenswert ist im Oskar Maria eine Vorbestellung. Hat man sich daran gehalten, wird der Eintretende galant zum Tischchen geleitet und dann ungefragt mit einem Dreiviertelliter Wasser sowie Brot mit Butter und Frischkäse versorgt. Dann bekommt der Gast eine überdimensionale, doch leicht unübersichtliche Karte in die Hand gedrückt, auf der sich nicht auf den ersten Blick erschließt, was nun Vorspeise und Hauptgang sein soll.

Wir fanden die richtige Rubrik dann doch und bestellten als Vorspeise eine Cerviche vom roh marinierten Blue Marlin (12,50 Euro). Wir wussten nicht, was eine Cerviche ist und bekamen eine Art dickes Carpaccio serviert, das den Gaumen zart begeisterte. Eine Erfüllung. Als zweite Vorspeise ließen wir ein halbes Dutzend Schnecken in Kräuterbutter kommen (8,50 Euro), angerichtet mit Spinat, die Lust auf mehr machten.

Das Mehr wurde zum Meer: Plateau de fruits de mer grillée, also Meeresfrüchte vom Grill (38,50 Euro pro Preson) in einer riesigen Schüssel. Garniert waren die Calamari, der halbe Hummer, die Jakobsmuscheln, Gambas und Krabben mit verschiedenen Salaten und grünem Spargel. Für eine Person eindeutig zuviel, aber einfach raffiniert – und vorzüglich. Dazu eignete sich ein staubtrockener, rheinhessischer Weißwein (22,80). Als zweites Hauptgericht gab es ein perfektes Rinderfilet mit Spargelcasonlette (23,50). Dazu hätte ein Rotwein gepasst, aber für Banausen reichte auch das Wasser – und ein wenig vom Weißen.

Im Anschluss waren wir so abgefüllt, dass gerade noch eine Crème Brulée (6,50 Euro) reinpasste. Die war auch hervorragend, obwohl wir uns da noch etwas mehr Abgebrühtheit gewünscht hätten.

Summa Summarum: Nicht allein gewesen – und wunderbar gegessen.