Oase im Glockenbach

Irgendwie Berlin-mittig, aber total süß: So würde der typische Neubewohner des Glockenbachs wohl das L’Amar beschreiben. Doch das Bio-Gourmet-Restaurant ist anders als all die neuen, fluffigen Cafés im Viertel. Und das liegt auch an den sündhaft guten Schokotörtchen.

Die Zeiten, als die Pestalozzistraße noch zu einem Glasscherbenviertel gehörte, sind nun wirklich lange vorbei. Damals gab es auf halber Höhe der Straße, am sogenannten Holzplatz, ein öffentliches Pissoir, das man als heterosexueller Mann eher mied, es gab eine leidlich brauchbare Pizzeria und das William-Booth-Zentrum der Heilsarmee. Die Heilsarmee aber ist vor zwei Jahren weitergezogen nach Mittersendling, und es war auch höchste Zeit dafür. Denn die Pestalozzistraße liegt ja in einem In-Viertel, das schon so lange in ist, dass es bereits nahezu vollständig durchgentrifiziert wurde.

Man merkt das nicht nur an den exorbitant hohen Mieten, sondern auch an der örtlichen Gastronomie. Der typische Neubewohner des Viertels – Mitte zwanzig, nerdige Brille, iPad unterm Arm, Latte macchiato in der Hand – würde sie wohl so beschreiben: “Nette, fluffige Cafés, die in einen alten Gemischtwarenladen reingebaut wurden. Irgendwie Berlin-mittig, aber total süß! Gibt auch was Leckeres zu essen dort.” Wichtig auch: die ganzflächige Fensterfront, damit man gut gesehen werden kann, und das edle Ambiente, damit klar wird, wodurch man sich hier von Berlin unterscheidet.

Das L’Amar macht da keine Ausnahme. Warme Terrakotta-Farben an den Wänden, so dort nicht Regale stehen, in denen Wein- und Olivenflaschen lagern, und ein bisschen Krimskrams an der Theke erwecken den Eindruck einer gehobenen Trattoria. Der Name L’Amar, wird einem erläutert, bedeute im Italienischen den Zustand des Geliebtwerdens, in Hindi und Sanskrit beschreibe er das ewige Sein. Das ist ganz schön dick aufgetragen: Wenn man geliebt werden will, sollte man vielleicht nicht unbedingt ein Restaurant dafür aufsuchen, denkt sich Marcelinus Sturm.

Genug gelästert! Denn das L’Amar ist ja doch eine Oase unter all den neuen, fluffigen Cafés des Glockenbachviertels. Man versteht sich als Bio-Gourmet-Restaurant, in dem sich auch Veganer zu Hause fühlen können, und dieses Selbstverständnis findet sich auch auf der übersichtlichen Speisekarte wieder: jeweils vier verschiedene Vorspeisen, Pasta, Hauptgänge und Desserts, daneben einige Spezialitäten aus der Vitrine. Dazu ein Drei- und Vier-Gänge-Menü am Abend, wahlweise mit oder ohne korrespondierende Weine.

Die Preise dafür halten sich im Rahmen; das Drei-Gang-Menü mit Fisch und Weinen beläuft sich etwa auf 53 Euro, dafür stimmt der Gegenwert aber auch. Die Hauptspeisen kosten sonst einzeln um die 25 Euro, nur der vegetarische Gang ist günstiger.

Safranschaum und Petersilien-Pesto

Die einzelnen Gerichte aber sind durchdacht und mit viel Liebe (!) angelegt, etwa das “Ziegenkäse-Auberginen-Türmchen mit Petersilien-Pesto und Ofentomaten” (12,90), das durch seinen milden Geschmack bestach und das im Menü vorzüglich mit dem leicht herben 2011er Luminae aus dem Piemont harmonierte – gerade weil er einen schönen Kontrast bot. Das “Duett vom Fisch mit mediterranem Ofengemüse” (23,90), in unserem Fall vom schottischen Bio-Zuchtlachs und einer Mittelmeer-Dorade, war ein zartes Gedicht, das ein paar Tage später noch mit Blattspinat, Topinambur-Sellerie-Püree und Safranschaum verfeinert wurde. Wie im L’Amar überhaupt gerne variiert wird mit den Zutaten.

Auch mit dem Fleisch kennt man sich in der Küche wahrlich aus: Das Hähnchen-Supreme (22,90) war kräftig, aber genau richtig gewürzt und zugleich saftig wie ein Wiesnhendl; herrlich mürbe die Hähnchen-Sate-Spieße in Erdnusssoße (13,90), die anderswo ja gerne mal zu trocken geraten. Das Black-Angus-Entrecote (26,90) war perfekt blue rare gebraten; zu wünschen blieb nur übrig, dass der Service vorher gefragt hätte, wie man das gute Stück denn gerne wolle? Das war freilich nicht schlimm, das Personal ist ausgesprochen freundlich und könnte vielleicht höchstens etwas weniger Eile beim Servieren an den Tag legen.

Auch die Vegetarierin in Sturms Freundeskreis war sehr zufrieden, der Ayurveda-Teller aus verschieden zubereitetem Gemüse mundete hervorragend (15,90) und wäre dank des Soja-Joghurts mit Koriander sogar veganerinnentauglich gewesen. Kritisch wurde es jedoch beim lauwarmen Schokotörtchen mit Mango-Chili-Salat und Kokoskrokant (6,90): Es ist dermaßen überwältigend gut, dass man der Sünde der Völlerei nicht widerstehen kann.

Denn das muss man sagen: Die Portionen im L’Amar sind in aller Regel sehr großzügig bemessen, und einmal wäre Sturm beinahe schon vom gemischten Vorspeisenteller aus der Vitrine satt geworden. Es bleibt also wenig zu mäkeln, und so muss man festhalten, dass die Wandlung eines Viertels bisweilen durchaus auch ihre positive Seiten haben kann. Das L’Amar ist jedenfalls eine davon.