Öl für die Kehle

23 Jahre alter Rum aus Peru oder Guatemala – für entsprechende Preise: Die Bar Roosevelt im Lehel will dem Zuckerrohrschnaps zu dem Ansehen verhelfen, das er verdient. Die Beratung ist erstklassig – im Gegensatz etwa zur Homepage.

Rum – das ist für viele Deutsche immer noch so ein Zeug, das man in großen Flaschen aus Österreich mitbringt, um im Winter etwas in den Tee schütten zu können. Dass der braune Fusel aus dem Nachbarland aber mit Rum ungefähr so viel zu tun hat wie die Pampe auf der Tiefkühl-Pizza mit echtem Käse, das wissen die wenigsten. Daran etwas zu ändern – das versucht seit ein paar Jahren eine kleine Bar im Lehel, das “Roosevelt”.

Die Karte ist in der Tat beeindruckend: An die 20 Seiten mit verschiedenen Rumsorten sind zu durchschmökern, und wer dachte, Rum komme halt aus Jamaika oder aus Kuba, der wird hier eines Besseren belehrt: In Peru wird Rum destilliert, auf Guadeloupe, auf Hawaii, den Westindischen Inseln. Wie Öl steht der Centenario Zacapa aus Guatemala im Glas, nur einmal dran gerochen, schon ist klar: Guter Rum braucht die Konkurrenz von Cognac oder Whisky nicht zu scheuen.

Der Centenario zum Beispiel hinterlässt auf der Zunge einen angenehmen Rauch-Geschmack, und weil er 23 Jahre alt ist, sind die Fusel-Aromen fast ganz verschwunden. Wer einmal davon gekostet hat, diese Mandel- und Karamell-Aromen, der wird sich nur mehr angewidert abwenden, wenn in billigeren Bars industrielle Massenware in Cocktails und Longdrinks gekippt wird – Fruchtsaft zum Rauschträger zu machen ist der einzige Zweck dieser Übung, mit Genuss und Geschmack hat das nichts zu tun.

Im “Roosevelt” hat die gehobene Art der Rum-Verkostung natürlich ihren Preis: Elf Euro kosten zwei Zentiliter des Zacapa, 13 das Pendant aus Peru, und für den Mulata aus Kuba, deutlich jünger, sind immer noch neun Euro zu bezahlen. Aber es geht ja nicht um schnelles Betrinken: Auf den Freilufttischen vor der Bar sitzen, dem erstaunlich lebhaften Sommerabend-Treiben im Lehel zuzuschauen, ein Glas Wasser für den Durst und ein Glas Rum fürs Glück vor sich zu haben – das verleiht dem Leben ganz auf die Schnelle einen Hemingway-Moment.

Die Beratung im Roosevelt ist ausgesprochen fachkundig, und der Wirt verrät, dass er einige seiner Rumsorten demnächst auslaufen lassen und durch neue ersetzen wird – dem Publikumsgeschmack zuliebe, aber auch, um mal wieder etwas zu verändern. Das ist ehrenwert, wenn auch weniger nötig als beim Internet-Auftritt der Bar , der wahrscheinlich schon vor zehn Jahren als grottig gegolten hätte. Dass dort steht, die Bar öffne um 17 Uhr, obwohl sie das erst eine Stunde später tut, ist ein Ärgernis, aber ein geringes im Vergleich zu dem grauenvollen Design, das so überhaupt nicht passt zu den eleganten Getränken, die auf den Gast hinter der Theke warten.

Sonst gibt es über das “Roosevelt” nicht viel zu sagen – die Einrichtung lässt keine spezielle innenarchitektonische Richtung erkennen, das Publikum bringt eine angenehm nachbarschaftliche Note herein, der Service ist angemessen und unaufdringlich. Mehr braucht eine Bar auch nicht, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Rum unter die Leute zu bringen – dieses Zeug, das viel mehr ist als das, was man winters in den Tee schüttet.



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