Alessandra Schellnegger

Orientalische Gemischtwaren

Im “Kismet” treffen sich Liebhaber orientalisch-vegetarischer Küche. Sie bekommen in dem Restaurant in der Löwengrube feine Vorspeisen – der Rest hinterlässt einen gemischten Eindruck.

Das türkische Wort “Kismet”, ursprünglich ein aus dem Arabischen stammender Begriff, bedeutet so viel wie Los, ein dem Menschen von Gott zugeteiltes Schicksal. Das klingt so bedeutungsschwer, daher gleich zu Beginn eine Klarstellung: Der Besuch im gleichnamigen Münchner Restaurant geschah aus ganz freiem Willen, es war keine höhere Fügung im Spiel.

Im übrigen gehört das Lokal in der Löwengrube nicht zu den Orten, an die man wie von ungefähr gelangt. Laufkundschaft gibt es eher wenig in der schmalen Straße, die vom massigen Präsidiumsgebäude der Münchner Polizei dominiert wird. Aber nächtliche Passanten dürften schon aufmerksam werden auf das Haus mit der Nummer zehn: Die Lichterkette zwischen zwei Bäumen, innen flackern im Halbdunkel Kerzen, der “Kismet”-Neonschriftzug in Absinthgrün – das macht neugierig. Ist hier das orientalische Chill-Out-Stüberl für überarbeitete Streifenbeamte?

Begehrte Adresse für Vegetarisch-Orientalisches

Natürlich ist alles vollkommen harmlos, das Kismet hat sich zu einer begehrten Adresse für orientalisch vegetarisches Essen entwickelt. Unter der Woche kann es vorkommen, dass Tische leer bleiben, aber an den Haupttagen von Donnerstag bis Sonntag, wenn auch die Bar in Betrieb ist, herrscht meist quirliger Betrieb in den minzgrün aufgemöbelten Räumen einer ehemaligen Bäckerei. Die Stimmung unter den Gästen – Hipster-Volk aller Altersklassen, Frauencliquen, Touristen – war bei jedem Besuch fröhlich, alles redet und plaudert beim Tafeln, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Und liegt vielleicht auch an der begehrten Vorspeisenplatte (25 Euro), die als Silbertablett mit Schalen und Töpfchen auf vielen Tischen thront: Wenn die ganze Runde von gemeinsamem Geschirr isst, macht das bekanntlich sofort gute Laune.

Mit den Vorspeisen, ob einzeln oder in der großen Variante, ist man im Kismet gut bedient. Die sämige, aber nicht sahnig opulente Rote Beete Mousse mit Ziegenfrischkäse (5,50 Euro), die fein gewürzte Paste aus Kichererbsen, gerösteten Pinienkernen und Berberitzen (5,50) oder die wunderbar knusprigen Börek-Stangen, dünn zusammengerollter Filoteig mit Frischkäsefüllung (7,50): Jede der arabischen Kleinigkeiten ergab ein eigenes Mini-Gericht, das Fladenbrot dazu war leicht geröstet.

Feine Vorspeisen

Und das geraspelte Weiß- und Rotkraut als Beigabe verlor durch leichte Nuancen von Koriander und Zimt jede kohlartige Bodenständigkeit. Die gefüllten Fladenbrote mit Thymianpaste und Sesam (4,50) oder Auberginen und Tomaten (5,00) sind in appetitlich feine Streifen geschnitten. Dazu aus der Bar im ersten Stock – vom Tresen kann man den Polizisten in den Büros vis à vis fast in die Schreibtischschubladen luren – ein Drink wie “Beirut Punch” aus Rum, Muskat und Honig mit Zitronengarnitur (10,50), und ein leicht nostalgisches Orient Express-Gefühl stellt sich von selber ein.

Bei den Hauptspeisen ist die Auswahl übersichtlich. Man wählt zwischen Tajine, den aus Nordafrika stammenden Schmorgerichten im charakteristischen Tongefäß, und Thali, Schalen mit verschiedenen Curries, die aus Indien stammen – hier nimmt man es im Kismet mit geografischen Grenzen nicht genau. Das verbindende Element sind die intensiven Aromen. Das funktionierte bestens bei einem Tajine aus Auberginen, Tomaten, Zwiebeln und Ziegenkäse (17,50). Weniger gelungen war leider die Variante mit Kichererbsen und gegrilltem Käse (16,50). Die Hülsenfrüchte wirkten, als stammten sie aus der Dose und wollten sich partout nicht mit dem Paprika-Gemüse zu einem homogenen Ganzen vermischen – ob da die Zutaten wirklich lange zusammen im Tontopf schmurgelten? Das Stück Grillkäse dazu gummiartig und zäh – das machte wenig Freude.

Die Nachspeisen – Kismet

Die Thali – drei verschiedene Curries mit Raita, Chutney und Kokossambal – waren allesamt wunderbar anzusehen. 19,50 Euro sind aber doch ein stattlicher Preis dafür. Die Linsen und der Spinat im (arg flüssigen) Kokossud mundeten. Schier ungenießbar war bei einem Besuch indes das Curry aus gewürfelten Kartoffeln, da hatte die Küche zu viel frischen Koriander beigemischt, der in solchen Fällen für einen seifigen Geschmack sorgt. Vergessen machte den Ausrutscher der kunstvoll angerichtete Wildkräutersalat mit Ziegenkäse, süßlichem Dressing und Walnusskernen, eingerahmt von papierdünnem Papadam-Brot (14,50).

Vertane Chancen waren die Desserts, die sich auf der Karte so poetisch lesen: Rosenduft, Honigaroma – doch die “karamellisierten Orangen” ließen jedes Karamell vermissen, zusammen mit Ziegenjoghurt, Pistazien und Honig (6,50) ergaben sie einen hübschen Frühstücksteller. Orientalische Süßspeisenkunst sieht anders aus. Der Blätterteig-Klassiker Baklava (7,50) war schön feucht, mit reichlich Pistazien bestreut – aber ob die Rosenmarmelade als Unterlage den Genuss der zuckersüßen Nachspeise wirklich erhöht? Weniger wäre mehr gewesen. Aber so hat’s die Küche gewollt. “Kismet”, will heißen: Da ist nichts zu machen.