Pilgerort für den Sisi-Hype

Thomas Mann war da, Sisi verbrachte ihre Sommer hier – noch heute erinnert das Golfhotel “Kaiserin Elisabeth” in Feldafing an ein Grand Hotel vergangener Jahrhunderte. Ein leicht verblichenes Gesamtkunstwerk, auch in der Küche.

Wer sich dem Flair vergangener Jahrhunderte aussetzt, betreibt so etwas wie Seelenmassage. Sagt die Rechtsprechung. “Kulturhistorische Ressourcen”, heißt es etwas sperrig in diversen Urteilen, seien “ein unverzichtbarer Bestandteil der Lebensqualität.” Auf der alten Terrasse des Hotels Kaiserin Elisabeth in Feldafing kann man sich dem Wahrheitsgehalt dieses Satzes hingeben, unter einer weißen, kunstvollen Holzdecke, mit weitem Blick auf den Park, den Starnberger See und die Berge.

Schöner geht’s kaum, das wussten bereits die Ausflügler im 19. Jahrhundert, die zu diesem “bekanntesten Glanzpunkte” am See wanderten. Und das wusste auch Sisi. 25 Jahre lang logierte die österreichische Kaiserin mit großem Gefolge und Pferden jeden Sommer im Gasthof Strauch, wie das Haus damals hieß.

Mag sein, dass im Sisi-Hype unserer Tage das Hotel auch ein geeigneter Pilgerort ist. An fast allen Wänden hängen Bilder der ernsten jungen Elisabeth, die kaiserliche Suite und die gekachelten Stallungen existieren noch, jedenfalls in Ansätzen. Doch findet man im Hotel, das seit 1905 im Familienbesitz ist, mehr als Sisi-Devotionalien. Ein leicht verblichenes Gesamtkunstwerk ist es, eine Mischung aus Fin de Siècle, Dreißiger- oder Sechzigerjahre, zu der die Risse im Terrassenboden und die knarzenden Dielen ebenso gehören wie die Stühle im Restaurant oder der Salon mit Ohrenbackensesseln und Sitzgruppen, in denen viel Prominenz saß. Thomas Mann , rauchend, kann man sich dort gut vorstellen, das Hotel hat er einen “Fund” genannt.

Wie es sich gehört im Grand Hotel

Im Restaurant und auf der Terrasse stehen die weißgedeckten Tische weit voneinander entfernt, so wie es sich einst gehörte im Grand Hotel. Einige Tische sind dem Service vorbehalten, dort werden die Speisen angerichtet oder im matten, leicht verschrammten Hotelsilber gewärmt. Der grauhaarige Restaurantchef lief durch die Reihen und schaute, ob die Schar der Bedienungen gut funktioniert. Sie tat es, freundlich und schnell. Und natürlich bietet ein solches Haus eine ansprechende Weinkarte, die ordentlichen offenen Weine, ob Weißburgunder, Riesling oder Zweigelt, werden nicht in 0,1-Gläsern, sondern in Viertelliter-Karaffen serviert (5 bis 5,60).

Nach dem Feldafinger Menü-Buch der Kaiserin wird zwar im Alltag nicht gekocht, doch allzu modische Experimente am Herd sind nicht angesagt. Der Koch wird auch nicht vom Drang überwältigt, den Gästen ständig Neues aufzutischen, die kleine Speisenkarte hat sich in den vergangenen Wochen bis auf wenige Tagesempfehlungen nicht verändert. Bei den Suppen ließ sich Routine herausschmecken, bei der säuerlichen Tomatensuppe mit harten Croûtons oder der braven Grießnockerlsuppe (6 Euro).

Die Vorspeisen machten das wieder wett, der in Zucchinischeiben gewickelte, gebratene, cremige Ziegenkäse auf Feldsalat oder das hauchdünne Thunfisch-Carpaccio mit Rucola, gerösteten Pinienkernen und Wasabi (12,50 und 12,80). Nun ist es etwas seltsam, auf den Starnberger See zu schauen und Thunfisch zu essen. Doch Fisch aus dem See gab es selten, wobei Renke und Saibling nach Matjes-Art mit kunstvoll dekorierten Senf- und Sahnesaucen so fein waren, dass man sich fragt, warum für ein Fischgericht Meere geplündert werden müssen (15,80).

Eine Torte, die seit 20 Jahren auf der Karte steht

Die Küche versorgt neben dem Restaurant auch noch das Bierstüberl mit eigener Karte. Kutscher, Hofdamen und sogar die junge Elisabeth sollen in den beiden schönen Stuben gesessen haben, Sisis Konterfei und das von Ludwig II. hängen über der alten Holzvertäfelung an den Wänden. Das Bierstüberl ist am Abend oft ausgebucht, weil so mancher Ausflügler nicht fein tafeln, sondern beim Bier (die Halbe Tegernseer Hell 3 Euro) zusammenhocken und essen will, die feinsäuerliche Tafelspitz-Sülze mit leichter Remoulade zum Beispiel oder das gewaltige, panierte Feldafinger Schnitzel vom Schwein, kräftig mit scharfem Senf bestrichen (11 und 15,50).

Das Wiener Schnitzel im Restaurant konnte da nicht mithalten, fad und weich war das Fleisch unter der Panade (18,50). Das war an einem Abend, an dem in der Küche der Segen offenbar schiefhing: Das Rinderfilet mit Pfifferlingen (28) kam trocken auf den Tisch, der Tafelspitz lag spröde im Teller, garniert mit gummiartigen Spänen vom Meerrettich (17,80), die Bratkartoffeln schmeckten ältlich. Beim nächsten Besuch ließ sich alles verzeihen, das Entrecôte mit wunderbarer Schalotten-Senf-Kruste war zart und innen rosa (21) und beim Züricher Geschnetzelten mit Rösti umgaben Kalbfleisch und Champignons, beides schön angebraten, eine intensive Sauce (19,50).

Kaiserin Elisabeth schätzte, wenn sie beim Essen überhaupt zulangte, weniger das Fleischerne als das Süße. Vielleicht hätte sie die Eistorte gemocht, die ihren Namen trägt und vor allem aus sanftem Milcheis auf würzigem, dunklem Boden besteht (9,50). Vor bald 20 Jahren stand die Torte bereits auf der Karte, was darauf hindeutet, dass die Küche wohl irgendwann am Denkmalschutz teilhaben will.