Punkrock statt Eros

Eigentlich denkt man bei italienischem Essen eher an Milva oder Eros Ramazotti. Doch das Santo Anger im Glockenbach beweist, dass es auch mit Punkrock schmeckt.

Fleißige Besucher des Cafés am Hochhaus im Glockenbachviertel wundern sich wohl schon seit einer Weile: An der Ecke gegenüber hat sich nämlich so einiges getan. Seit zwei Monaten prangt an der Hauswand der Blumenstraße 25 in geflügelten und behörnten Lettern der viel versprechend klingende Name: “Santo Anger – Punkrock Pizzeria”.

Die zündende Idee zur Taufe entstand beim Hören des letzten Metallica-Albums “Saint Anger”. Das Ergebnis klingt nun ein bisschen Italienisch , ein bisschen nach Rock und es würdigt die Namen der umliegenden Straßen Oberanger und Unteranger.

Doch was um Himmels Willen verspricht eine Punkrock Pizzeria? Das wollten wir genauer wissen. Beim Gedanken an den Stiefel am Mittelmeer singt unser Herz doch eher Milva und Eros Ramazotti. Italienischer Punkrock hingegen klingt aufs Erste in etwa so vertraut wie französischer Folk. Aber in diesem Fall geht es ja nicht ausschließlich um die Beschallung, sondern auch um leibliche Genüsse, die man sich dabei auf der Zunge zergehen lassen sollte. Wieso also nichts Neues ausprobieren?

Das dachte sich auch der Münchner Kneipier und Musikliebhaber Bernhard Steinweg, der die Pizzeria mit dem klangvollen Namen ins Leben rief. Sein Konzept: Das beliebte italienische Fastfood wird nun für Nachtschwärmer in gemütlicher Kneipenatmosphäre serviert. Doch das soll die Qualität auf keinen Fall beeinträchtigen: In der Küche hantiert ein echter Profi-Koch mit frischen Zutaten und sorgt dafür, dass im Santo Anger ein kleines, aber feines Repertoire an italienischen Gaumenfreuden geboten wird – nämlich Salat, Pizzas und Desserts.

Wir ordern Rucola-Salat mit Kirschtomaten und Parmesansplittern (für 5 Euro). Der ist frisch zubereitet, jedoch ist – wie gehabt beim “echten” Italiener – bezüglich des Dressings die Kreativität des Gastes gefragt: Die Komposition der Soße zum Grünzeug obliegt uns selbst, wobei die entsprechenden Zutaten natürlich bereit stehen.

Punkrock statt Eros

Die Auswahl für den Hauptgang ist mit acht Pizzen nicht besonders groß. Vielleicht ein Grund, wieso die Entscheidung für die Diavola (für 7,50 Euro) mit pikanter Salami, Oliven, Zwiebeln, Tomaten und Mozzarella leicht fällt. Die dampfende Hauptspeise wird zügig und schwungvoll geliefert und überzeugt vollkommen. Sie schmeckt wie schon ihr Name verspricht teuflisch gut: Der Boden ist hauchzart und knusprig, die Tomatensoße kündet von ihren Bestandteilen und Wurst und Oliven erinnern tatsächlich an den letzten Urlaub in der Toskana . Mit Zwiebeln und geschmolzenem Käse ergibt sich genau der Zusammenklang, mit dem echter Pizza-Hunger immer gestillt werden sollte.

Die beschränkte Auswahl ist Teil des Konzepts, erfahren wir bei einer Plauderei mit dem Wirt. Italienisches Fastfood mit Qualität soll hier eine fruchtbare Bindung mit Musik eingehen. Auch die Getränkekarte beschränkt sich demnach auf die gängigen Bier-Varianten und zwei Weine in weiß und rot.

Der Letztere (Rotwein 0,5l für 8,50 Euro) besteht die Probe aufs Exempel und vollendet unser Geschmackserlebnis mit der Pizza Diavola durchaus. Ein Montepulciano d’Abruzzo, der samtig und mild schmeckt. Gut zum Essen – für einen Abend im Ohrenbackensessel bei Kerzenschein und Goethe-Lektüre aber vielleicht ein bisschen zu unspektakulär.

Ein DJ sorgt für den richtigen Sound zur Pizza

Gehaltvoll und tragend ist dafür die musikalische Untermalung vom DJ. Sie fängt an mit den melancholischen Editors, mündet aber gegen Ende des Abends in gutgelaunte Swing und Rhythm & Blues-Klänge. Das passt wunderbar zur Entwicklung unserer Stimmung: Zuerst das hungrige, ja beinahe sehnsüchtige Warten auf die Pizza, welches kräftig belohnt wird und dann – nicht nur bei uns – in eine wohlige und satte Zufriedenheit umschlägt.

Damit diese nicht der Trägheit Platz macht, lädt die Musik ein zum Bleiben, Wohlfühlen oder Einstimmen auf weitere Stationen der Nacht. Verspricht der Namenszusatz “Punkrock Pizzeria” etwa eine Kombination aus leckerem Essen und “Samstagabend-in-der-Lieblingsbar” -Atmosphäre? Jedenfalls denken wir nicht ans Gehen und fangen stattdessen an, uns mit den Tischnachbarn zu unterhalten. Bei McDonalds passiert das eher selten.

Punkrock statt Eros

So gar nicht an Fastfood erinnert im Santo Anger auch der Service: Das Verlangen nach dem Ramazotti danach wird uns quasi von den Augen abgelesen. Und obendrein bietet die Bedienung auch optisch so einiges: ihre golden schimmernden Leggings werden das Gemüt eines jeden Modeliebhabers erhellen. Sie bilden einen warmen Kontrast zum modernen Grau an den Wänden. Dank dezenter Malereien vom Münchner Sprayer Señor B und der obligatorischen italienischen Tischdecken in rot-weiß wirkt Grau als Wandfarbe dennoch nicht kühl.

Nichts für zart Besaitete

Bei all dem Lob ist aber wichtig zu wissen, dass das Santo Anger nichts ist für musikalisch zart Besaitete. Je später der Abend, umso beherrschender ist auch die Kneipenatmosphäre. Und dazu gehören nunmal laute Musik und – Zigaretten! Ab 22.30 Uhr werden Spielkarten mit Nummern verteilt und der kleine Italiener wird zum Raucherclub. Das kostet zwar keinen Mitgliedsbeitrag, zwingt aber dennoch zum Passivqualmen. Gesundheitsbewusste Gäste sollten deshalb vorher Bescheid wissen.

Wer Lust hat auf Ausgeh-Stimmung beim Dinner, für den ist das Santo Anger aber vielleicht genau das Richtige. Zur Abrundung unseres italienischen Abends mit rockigen Seiten bestellen wir das finale Tiramisu (für 3,50 Euro). Es ist kühl, süß und schmeckt intensiv nach Kakao, zerläuft dabei ganz von selbst im Mund, dessen Winkel sich danach zwangsläufig nach oben verziehen. Der Showdown auf der Zunge, sozusagen.

Santo Anger, Blumenstr. 25, 80331 München . Geöffnet So bis Do 17:30 bis 1 Uhr, Fr und Sa 17:30 bis 3 Uhr. www.santoanger.de



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