“Ratten und Mäuse sind im ganzen Stadtgebiet verbreitet”

Die Zahl der Gaststätten, die wegen Schädlingsbefall vorübergehend schließen mussten, hat stark zugenommen – vor allem in der Münchner Innenstadt.

Viele Münchner Gaststätten haben momentan ein Problem mit Mäusen und anderem Ungeziefer. 28 Lokale in der Stadt mussten in diesem Jahr schon vorübergehend von Amts wegen geschlossen werden – 2018 waren es lediglich fünf gewesen, im Jahr davor vier Gaststätten. Um die 300 Fälle werden jedes Jahr normalerweise registriert, dass Lokale aber deswegen vorübergehend geschlossen werden müssen, ist selten der Fall. Schädlingsbefall ist damit heuer mit weitem Abstand der wichtigste Grund für die behördliche Schließung von Gaststätten. Aus anderen Gründen wurden bislang nur acht Lokale geschlossen. Jüngstes Beispiel ist das Hackerhaus in der Sendlinger Straße. Dort hatte das städtische Kreisverwaltungsreferat im September und Oktober bei drei Kontrollen Mäusebefall festgestellt und Auflagen verhängt. Kurz vor Beginn des Oktoberfests war die Traditionsgaststätte sogar einen Tag lang ganz geschlossen, um die Mängel zu beheben.

Ungewöhnlich ist das eigentlich nicht, viele Lokale in der Stadt haben Probleme mit Ungeziefer und Mäusen. Besonders in der Innenstadt scheinen sie sich aber in letzter Zeit zu häufen. Bekannt wurden etwa 2017 Fälle bei einer Filiale der Kette Dean & David im Tal und in einem Dönerladen an der Sonnenstraße, wo lebende Mäuse gesichtet wurden, ebenso im Jahr zuvor in einer Bäckereifiliale in der Lindwurmstraße. Die Kochschule von Alfons Schuhbeck blieb ebenso wenig von Mäusebesuch verschont wie das Augustiner Stammhaus in der Neuhauser Straße oder das Stadtcafé am St.-Jakobs-Platz.

“Ratten und Mäuse sind im ganzen Stadtgebiet verbreitet”, verlautet aus dem städtischen Referat für Gesundheit und Umwelt, “sie nutzen die ihnen dort gebotenen Nist- und Nahrungsmöglichkeiten.” Als “Kulturfolger des Menschen” siedelten sich die Tiere eben bevorzugt dort an, wo Menschen lebten und wo sich Nahrung finden lasse, beispielsweise auch in den Freizeit- und Erholungsflächen der Innenstadt. “Durch unachtsames Wegwerfen von Speiseresten und Lebensmittelabfällen sowie das Füttern von Tauben oder Wasservögeln werden natürlich auch Ratten angelockt”, so das Umweltreferat. Und wo sich besonders viele Menschen aufhielten, würden Ratten und Mäuse vermutlich auch stärker wahrgenommen. Eine Tendenz für ein erhöhtes Ratten- und Mäuseaufkommen in der Innenstadt sei für das Referat aber nicht erkennbar.

Das Kreisverwaltungsreferat, das für die Lebensmittelüberwachung und damit auch für die Gaststätten zuständig ist, sieht ebenfalls kein dramatisches Ansteigen der Nagerpopulation. “Schädlinge in Lebensmittelbetrieben kommen immer wieder vor”, sagt Pressesprecherin Petra Weber, “in den letzten Jahren ist bei den Kontrollen der Lebensmittelüberwachung in München jedoch ein stärkerer Schädlingsbefall festzustellen.” Die Stadt kontrolliere “je nach Risikobewertung” alle sechs bis 36 Monate, insgesamt gehörten in München nicht weniger als 25 000 Betriebe in den Bereich der Lebensmittelüberwachung, darunter eben auch die 3500 Gaststätten. Ganz schön viel Arbeit für lediglich 45 städtische Lebensmittelkontrolleure. Trotz dieser hohen Zahl gilt aber: Wer einmal auffällt, kommt natürlich öfter dran.

So erging es auch dem Hackerhaus. “Es wurden erhebliche Hygienemängel und Mängel bei der Schädlingsbekämpfung festgestellt”, hieß es vom Kreisverwaltungsreferat über die ersten Kontrollen. Wirt Paul Pongratz führte das auf die Pflasterarbeiten in der Sendlinger- und Hackenstraße zurück, als die Straßen zur Fußgängerzone umgestaltet wurden: “Da kamen sie verstärkt. Aber jetzt geht’s wieder.”

Dass Ratten und Mäuse durch Bauarbeiten aufgeschreckt werden und sich neue Unterkünfte suchen, kommt häufig vor und erklärt auch ein bisschen, warum man gerade rund um das Sendlinger Tor und hinter dem Marienplatz, wo die zweite Stammstrecke gebaut wird, besonders viel Ärger mit Schädlingen hat. Obendrein siedeln sich Mäuse und Ratten gerne an U- und S-Bahnhöfen und in alter Bausubstanz an, weil sie dort viele Rückzugsmöglichkeiten finden.

Die Wirte in der Innenstadt sind sich der Problematik durchaus bewusst, auch wenn die wenigsten darüber sprechen wollen. Wie übrigens auch die größeren Unternehmen der Schädlingsbekämpfungsbranche – in dem Metier weiß man: Die Kunden schätzen Diskretion. Der Sprecher der Münchner Innenstadtwirte äußert sich jedoch. “Wir am Frauenplatz haben zwar bisher kein verstärktes Aufkommen festgestellt”, sagt Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt, aber als Sprecher weiß er auch: “Die Wirte haben ganz allgemein ihre Aktivitäten verstärkt.” Zweimal im Jahr mit dem Kammerjäger durch das Lokal zu gehen, genüge natürlich nicht, manche Kollegen treffen sich gar einmal die Woche mit ihrem Kammerjäger, um zu besprechen, was man tun kann. Eigenkontrolle nennt sich das, dazu sind die Wirte sogar verpflichtet. Und schließlich wollen sie ihr Lokal auch nicht vorübergehend schließen müssen – oder schlimmstenfalls gar ihre Konzession verlieren.



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