Revolution zum Frühstück

In Würde gealtert: Das Baader Café gilt als letzte Bastion der alternativen Intellektuellenszene in München. Heute sorgt vor allem das Frühstück für Geistesblitze.

Schon so manche mögliche Revolution wurde hier diskutiert. Noch immer zeugen davon die vielen Weltkarten an der leuchtend gelben Wand. Ausgeführt wurde – so weit bekannt ist – keiner der Pläne, vielleicht weil sich der Tag hier bei einem Milchcafé so gut vertrödeln lässt. Überhaupt hat das Baader Café nichts mit Deutschlands berühmtesten Terroristen Andreas Baader zu tun – und viel mit der Baaderstraße, die ihren Namen dem Mystiker Franz Xaver von Baader verdankt. Der wiederum versuchte zu beweisen, dass all unser Denken ein einziges Nachdenken ist.

Heute wirkt die Baaderstraße für Münchner Verhältnisse fast schon ein bisschen heruntergekommen. Hier gibt es sie noch, die rußverschmierten Fassaden, die nikotingelben Gardinen, die dunklen Hinterhöfe, die stinknormalen Läden – und das Baader Café. Die Geschichte der Kneipe beginnt Mitte der achtziger Jahre als das Glockenbachviertel noch ein verschlafenes Nest ist. Damals gibt es nur wenige alternative Szenekneipen in München , das Baader ist eine davon.

Hier treffen sich Homo- und Heterosexuelle, Studenten und Professoren, Künstler und Philosophen. So brechend voll soll es damals oft gewesen sein, dass man kaum mehr zur Tür hereinkam. Das Baader hinterlässt seine Spuren in der Münchner Musikszene – “Planet der Affen” auf dem “In Zeitlupe”-Album der Monostars ist beispielsweise nach dem Wandbild des Cafés benannt. Aber auch als Protagonist von Comics und sogar als Namensgeber im Sportbereich taucht das Lokal auf – noch heute zieren die Bar zahlreiche Pokale des Baader Cups, der damals unter Freizeit-Fußballmannschaften ausgetragen wurde.

Digitale und analoge Boheme

Von der einstigen Subkultur ist am Gärtnerplatz nur noch wenig geblieben. Inzwischen hat sich die Gegend zum In-Viertel gemausert, in dem man an manchen Abenden vor BWL-Studenten und Abiturienten nicht mehr sicher ist. Zum Glück liegt die Baaderstraße etwas abseits des Trubels. Zwar haben auch hier eine Lounge sowie eine Trinkhalle eröffnet, vom Jungdesigner-Chic, der in der Klenze- oder Reichenbachstraße herrscht, ist die Straße aber weitgehend verschont geblieben.

Und so ist es auch dem Baader Café gelungen, in Würde zu altern. Während die Laufkundschaft zum Gärtnerplatz strömt, kann man vor den großen Schaufenstern immer noch in aller Ruhe den Abend eröffnen und dabei dem guten Musikgeschmack des Personals lauschen. Mit der Zeit gegangen ist allein die Farbe an den Wänden – inzwischen dominieren lila und gelb. Auf einer der Weltkarten sorgt seit Beginn des Irakkriegs der schwarze Vogel des Münchner Künstlers Andreas Hofer für revolutionäre Impulse.

Zurecht gilt die Kneipe als letzte Bastion der alternativen Intellektuellen- und Künstlerszene in München, auch wenn sich heute die digitale Boheme mit Laptop und Palm ab und an neben der analogen auf den alten Holztstühlen niederlässt. Gesundheitsbewusster sind die Gäste ebenfalls geworden: Seitdem man erst ab 22 Uhr rauchen darf, wird mehr von dem legendären Schokokuchen und weniger von dem mindestens ebenso legendären Baader Jäger, eine hochprozentige Mischung aus Jägermeister und Fernet Branca, verkauft.

Sonst hat sich wenig verändert. Im Baader Café kann man noch immer den Tag vertrödeln. Neben dem altbewährten Baaderjäger sorgt vor allem das immer umfangreicher werdende Frühstücksangebot vom French Toast mit Ahornsirup bis zum kolumbianischen Breakfast Burrito mit Weizentortilla, das bis 16 Uhr serviert wird, für manch guten Geistesblitz. Ganz im Sinne von Baader übrigens, der einst sagte: “Alles Leben steht unter dem Paradox, dass, wenn es beim Alten bleiben soll, es nicht beim Alten bleiben darf.”