Rote Beete und Pasta

Antipasti, Saltimbocca und Crema Catalana: In der Trattoria Seitz im Lehel wird mit Stolz nach italienischer Gastronomenkunst gekocht.

Als Großstadtmensch genießt es Weinberger bisweilen, die Einsamkeit in der Masse zu suchen. Als er wieder einmal in dieser Edward-Hopper-Stimmung ziellos durchs abendliche Lehel streifte, da stand er plötzlich vor einem Ecklokal – seltsam bekannt und trotzdem neu. Hinter der großen Glasfront lag ein moderner Gastraum mit schwarzen Lederstühlen und -bänken vor weiß gedeckten Tischen. Ein paar Gestalten verloren sich noch an den Tischen, ein Kellner war zu sehen mit weißem Hemd, roter Schürze und Krawatte. Eine Nachtbar war dies zwar nicht wie im berühmten Hopper-Bild, sondern ein italienisches Restaurant. Aber auch Nighthawks haben Hunger, und so kehrte Weinberger ein.

Mit der Einsamkeit war es dann sogleich vorbei, was jedoch kein Schaden war. Denn in der Trattoria Seitz, die von außen eher Kühle ausstrahlt, bleibt niemand flüchtiger Besucher. Ein jeder darf sich als Gast fühlen, der von erfahrenen Kräften umsorgt wird nach allen Regeln der Gastronomenkunst – aufmerksam und kompetent, beachtet, aber nicht beobachtet, freundlich, doch niemals servil. Denn wer hier arbeitet, ist stolz auf das, was er auftischen kann. Und das meist völlig zu recht. Preiswert ist das nicht, doch den Preis wert: Vorspeisen liegen bei 10 Euro, Nudelgerichte zwischen 8 und 11 Euro, Fleisch und Fisch zwischen 17 und 21 Euro sowie die Desserts bei 5 bis 6 Euro.

Frischen Trüffelduft in der Nase

Ihren Anspruch unterstreicht die Küche gleich bei den Gemischten Vorspeisen, die weit mehr bieten als der sonst bisweilen aufgetischte Antipasti-Mist aus Wurst und Käse und Artischocken. Hier locken roher Lachs und Tintenfisch, Vitello Tonnato, Rindercarpaccio und als weiterer Höhepunkt ein gerösteter Mozzarella auf Rucola mit honigsaurem Dressing. Den gleichen Standard halten, klein und fein, die Wachteln auf Polenta. Alle Vorspeisen werden, ebenso wie die Pasta, auch als halbe Portion angeboten. Das ist durchaus empfehlenswert, weil so Platz bleibt für mehrere Gänge.

Auf die Nudeln jedenfalls sollte niemand verzichten, schon gar nicht an jenen Abenden, an denen man schon beim Betreten des Gastraums von Trüffelduft umfangen wird. Ob Tagliolini mit schwarzem oder Linguini mit weißem Trüffel – eine Portion davon ist fast ein Muss. Doch auch bei den bodenständigen Spaghetti Carbonara zeigt der Koch seine Kunst.

Mit reichlich Trüffel verfeinerte er auch das Saiblingsfilet auf frischem Blattspinat, das neben seiner Qualität auch in der gebotenen Menge zu überzeugen wusste. Vom gegrillten Thunfisch dagegen hätte man sehr gern noch mehr gegessen, nicht nur, weil er nach mehr schmeckte, sondern auch, weil gar so wenig davon auf dem Teller zu finden war.

Rote statt blaue Beeren und ein Überraschungscoup

Wer es gern üppiger mag, der ist gewiss besser bedient mit dem Hirschrücken – ein kapitales und dennoch butterweiches Stück Fleisch, präsentiert in einer dicken, dunklen Rotweinsauce und mit einem bunten Beilagenteller aus Bratkartoffeln plus knackigem Gemüse. Beim Saltimbocca bildeten Parmaschinken und Salbei den ideal-krossen Kontrast zum zarten Kalbfleisch. Und auch die gegrillte Rinderlende war von feiner Qualität, leider jedoch war sie halbkalt. Auch das kommt vor, wenn der Laden voll ist, was vor allem am Wochenende nicht selten ist, weil sich dann hier feiernde Großfamilien, verliebte Paare und Partygänger mit späteren P-1-Ambitionen treffen.

Doch wer ist schon immer ohne Fehl und Tadel? Spätestens beim Dessert ist man wieder versöhnt und wird verwöhnt zum Beispiel mit einem saftigen Tiramisu oder auch einer herrlichen Panna Cotta, auch wenn die mit Blaubeeren avisiert und kommentarlos mit Erdbeeren serviert wurde. Am Ende gelang der Küche sogar noch ein Überraschungscoup: eine Crema Catalana, die scheibchenweise als von Karamellkruste umrahmtes Sorbet aufgetischt wurde. Ein Hochgenuss, und dazu gab es sogar Blaubeeren.

Ziellos streift Weinberger nur seltener durchs Lehel. Es zieht ihn seit jenem ersten Abend immer wieder hinter die hohen Scheiben der Trattoria Seitz.

Trattoria Seitz, Seitzstr. 12, Telefon 23 23 26 49. Geöffnet von Montag bis Freitag 11.30 bis 23 Uhr und am Samstag von 18 bis 23 Uhr. www.trattoria-seitz.eu