Schicker Schichtbetrieb

Im Tresznjewski treffen heutzutage Studenten, Geschäftsleute und Wissenschaftler aufeinander, wo noch vor zwanzig Jahren die Münchner Zuhälter ihren Champagner schlürften. Berühmt wurde die Brasserie vor allem durch die Freizügigkeit einer jungen Kellnerin: Playmate Victoria Lauterbach.

Vielleicht ist das der eine, perfekte Moment, in dem Vorstellung, Beschreibung und Realität in eines zusammenfließen: An der Freischankfläche Ecke Barer- / Theresienstraße sitzt die Latte-Macchiato-Fraktion und nuckelt an ihrer lauwarmen Milch. Drinnen sitzen fünf ältere Damen vor Kuchentellern und erfreuen sich an dem, was man früher “Kaffeekränzchen” nannte. Die Sonnenbrillen-Typen am Tresen bringt ein Sprizz auf Touren, und hinten im Eck giggeln zwei – mutmaßlich – Studentinnen die Aufgeregtheiten des Tages ins Ohr. Mark Strickmann schaut sich um und sagt: “Du musst allen Leuten etwas bieten. Wenn du nur auf eine Szene setzt, dann ist die irgendwann mal weg, und dann stehst du da.”

Als das Tresznjewski in der Maxvorstadt vor bald 20 Jahren eröffnete, da hatte es einen unschlagbaren Standortvorteil: Sein Vorgänger, die Weinschatulle , hatte eine Konzession bis vier Uhr früh, was vielleicht auch daran lag, dass das für die Zuhälter nötig war, die sich hier die Zeit mit Champagner vertrieben, während sie auf ihre Frauen vom Straßenstrich in der Arcisstraße warteten. Die Erlaubnis zur Nachtöffnung war selten im Sperrstunden-München, sie ging auf das Tresznjewski über, und so konnten die damaligen Betreiber sicher sein, dass die Hütte voll sein würde, wenn die anderen Lokale schließen mussten.

Die Sperrzeitregelung ist schon lange passé, die Sperrgebiets-Regelung hat vor noch längerer Zeit die Prostitution aus der Innenstadt geschafft – das Tresznjewski gibt es immer noch. Seit 2008 ist Mark Strickmann Wirt. Er hat schon als Student hier gejobbt. Er berichtet nicht ohne Stolz, dass sein Lokal über mehrere Gruppen von Stammkundschaften verfügt: Morgens kommen die Frühstücker auf einen schnellen Espresso, mittags die Business-Luncher und die Studenten, die die Mensa über haben, auch Künstler, Wissenschaftler und Galeristen aus dem Pinakothekenviertel. Nachmittags gibt’s Kaffee und Kuchen, abends schließlich wird die Musik ein bisschen lauter und das Licht ein bisschen leiser – “huscheliger”, sagt Mark Strickmann.

Als Brasserie bezeichnet sich das Tresznjewski – das ist in Frankreich eine einfache Bierkneipe mit günstiger, aber guter Küche. Das Tresznjewski als einfach zu bezeichnen, trifft die Sache nicht ganz: Da ist schon Eleganz zu sehen, ein bisschen Art Deco, Toulouse-Lautrec-Plakate an den Wänden, dunkles Holz, die Wand des Tresen leuchtet gülden. Was die Speisekarte betrifft, so stimmt die Parallele zu Frankreich: Auch wegen der vielen Studenten unter den Gästen sind die Preise moderat, früher bekam man gegen Vorlage des Studentenausweises sogar ein besonders günstiges Gericht. Weil das dann aber auch Leute begehrten, die ausweislich des vorgezeigten Dokuments an der Volkshochschule studierten, hat Strickmann das Studi-Essen demokratisiert – nun kann es jedermann bekommen.

Was das Abend- und Nachtgeschäft betrifft, merkt Strickmann zum einen, dass er dann doch ein bisschen abseits der Vergnügungs-Hauptstraße in der Maxvorstadt liegt, zum anderen, dass er eben nicht mehr einer von wenigen ist, die offen haben, wenn der Großteil Münchens schläft. Eine weitere Attraktion ist dem Tresznjewski schon vor längerer Zeit abhanden gekommen: Einst arbeitete hier eine gewisse Viktoria Skaf, und als die im Playboy zeigte, was für gewöhnlich unter der Kellnerinnen-Schürze versteckt war, zudem noch im dazugehörigen Interview bekannte, wenn sie weggehe, gehe sie ins Tresznjewski , da standen sämtliche Stenze Münchens Schlange, um zu erfahren, wann denn das Playmate wieder Dienst hat. Heute hat Viktoria ihren Vornamen in Victoria geändert, ihren Nachnamen per Heirat in Lauterbach – als Frau eines berühmten Schauspielers hat sie es natürlich nicht mehr nötig, hinter dem Tresen zu stehen.

Bleibt noch die Frage, ob das Münchner Tresznjewski mit jenem gleichlautenden Etablissement in Wien zu tun hat, in dem einfaches Schwarzbrot mit delikaten Aufstrichen verkauft wird: Laut Auskunft von Strickmann wohl nicht, der Wiener Namensvetter schreibt sich außerdem deutlich anders, nämlich Trzesniewski. “Ich glaube, den Namen hat der Gründer einfach gestohlen”, meint der Wirt. Trotzdem kommt es gelegentlich vor, dass Touristen fragen, ob es hier diese leckeren Brötchen gebe. Gibt es nicht, sagt der Service dann. Aber Kuchen und günstige Speisen sowie gemischte Stammkundschaft zu jeder Tageszeit.



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