Schmausen wie ein Feldherr

In München ist man ja eher Schickes gewohnt. Beim Griechen “Lucullus” in Untergiesing, liebt man es rustikal und bürgerlich. Nicht nur was die Einrichtung angeht. Auch die Portionen sind nichts für zimperliche Mägen.

Lucullus – der Feinschmecker. Das griechische Lokal in Untergiesing ist nach einem römischen Feldherren benannt, der es verstand, sich reichlich Gaumenfreuden zuzuführen. Wenn man einen ersten, flüchtigen Blick in die Gaststätte wirft, mutet das Lucullus allerdings weniger wie ein Tempel kulinarischer Köstlichkeiten an. Kegelkneipe ist das erste was einem in den Sinn kommt.

Auf unnötigen Schnickschnack, der vom Wesentlichen – dem Essen – ablenken könnte, wird hier verzichtet. Bis auf die obligatorische Kerze auf dem Tisch und eine Gitarre an der Wand, hat man sich um Dekoration im Restaurant wenig Gedanken gemacht. Ein Besuch im Lucullus dient in erster Linie dazu, satt zu werden, und das für wenig Geld.

An lauen Abenden kann man draußen sitzen und dort die griechischen Spezialitäten genießen. Hinter dem Lokal gibt es einen kleinen Biergarten in Hinterhof-Optik, der durchaus seinen Charme hat. Rankenpflanzen wuchern über den Köpfen der Gäste und zur fortgeschrittener Stunde erhellen Glühbirnen den verwinkelten Platz. Nach kleinen Bistrotischen sucht man vergebens. Große Teller brauchen schließlich viel Platz und so ist der Hof schlicht mit Bierzeltgarnituren bestückt.

DasLucullus ist auf gut Deutsch “proppenvoll”. Gerade an einem warmen Samstagabend hat man ohne Reservierung kaum Chancen, einen Tisch zu bekommen. Seit 1987 gibt es den Griechen im Süden Münchens und er hat sich einen Namen gemacht. Viele der Gäste kommen immer wieder gerne. Vassilios ist Chefkellner seit der Eröffnung vor über zwanzig Jahren und sieht das Lokal als zweite Heimat für die Besucher: “Sie sollen sich hier wie zu Hause fühlen.”

Die Kellner wickeln jede Bestellung aufmerksam und vor allem schnell ab. Nach drei Minuten bringt der Chef persönlich die Getränke. Auf den ersten Gang wartet man nur rund eine viertel Stunde.

Nicht mehr Schmatzen nach 22 Uhr

Zur Vorspeise entschieden wir uns für ein Pikilia – eine typische Mischung griechischer Appetitmacher: gebackener Schafskäse, Oliven, panierte Zucchini und verschiedene Dips: Natürlich Tsatziki, eine würzigen Feta-Paste und eine Creme aus Fischeiern. Im Lucullus wird alles frisch zubereitet. Eingelegte Weinblätter aus der Konserve gibt es hier nicht. “Wenn schon echt Griechisch, dann muss das auch alles frisch sein”, sagt Siafarikas, der Bruder des Besitzers.

Schmausen wie ein Feldherr

Die Portionen sind mehr als üppig. Bereits nach der Vorspeise drückt der Magen gefährlich gegen das Zwerchfell. Unter normalen Umständen, würde man genau jetzt aufhören zu essen. Aber kapitulieren, ohne ein Hauptgericht zu kosten, wäre fatal.

Auf der Tageskarte sind fast zwanzig Gerichte gelistet. Von den Standards wie Souvkali und Gyros bis hin zu gegrillten Calamares bleiben keine Wünsche offen. Eine Tafel weist darauf hin, dass man ab 22 Uhr aus Rücksicht auf die Nachbarn lautes Schmatzen unterlassen soll. Die Gastgeber glauben scheinbar, ihr Essen sei so gut, dass man mit genüsslichen Kaugeräuschen Ansiedler aus dem Schlaf reißen könnte. Und damit haben sie auch recht. Beschwert hat sich zwar keiner, dennoch ist das Essen im Lucullus wirklich ein Schmaus. Auf die optische Präsentation sollte man hingegen nicht so viel Wert legen. Wie bei allem im Lokal wird auch bei den Gerichten ein eher spartanischer Stil gepflegt.

Salat ohne Dressing

Schnörkellos und unverziert werden riesige Portionen aufgefahren. Lachssteak, Pangasius-Filet, Tintenfischringe und Sardinen gesellen sich auf der Fischplatte zu einen Berg Salat. Leider fehlt hier das Dressing. Allerdings stehen stehen dafür auf jedem Tisch Olivenöl, Balsamicoessig, Salz und Pfeffer. Der Fisch ist knusprig gebacken und trieft nicht vor Fett.

Wer lieber Fleisch mag, ist mir der butterzarte Lammhaxe gut beraten. Gemüse und Kartoffeln, die dazu gereicht werden, würden alleine schon reichen, um satt zu werden.

Zum Dessert hat man die Wahl zwischen echtem griechischen Joghurt mit Honig und frischen Früchten und kleinen Mokkatiramisu-Bällchen auf passierten Himbeeren. Beides nicht zu süß, aber schlicht zu üppig. Wem ein ganzes Menü zu viel ist, kann jedes Gericht praktischerweise halbieren.

Für insgesamt knapp 50 Euro können sich im Lucullus zwei Erwachsene einen drohenden Magendurchbruch anfuttern. Ein Liter griechischer Landwein ist in diesem Preis schon inbegriffen. Passend zum Ambiente wird der nicht in gläsernen Karaffen serviert, sondern in verbeulten, roten Alubechern, die ein an Bergsteigerthermoskannen erinnern. Darin bleibt das Getränk angeblich länger kühl.

Wem es bei einem Restaurantbesuch in erster Linie um ein gepflegtes und schickes Ambiente geht, ist im Lucullus an der falschen Adresse. Dort fühlt sich der wohl, der einfach gemütlich mit Freunden preiswertes und gutes Essen genießen und dabei richtig satt werden will. Und wenn man ehrlich ist: Das ist ja der eigentliche Sinn eines Restaurantbesuchs.