Schnörkellos schlemmen

Der Einfachheit verpflichtet: Der “Blaue Bock” bietet seinen Gästen unprätentiös höchste Qualität. Wer nicht allzu sehr auf sein Portemonnaie achten muss, ist hier richtig.

Hans-Jörg Bachmeier begreift es als höhere Fügung, dass er mit seinem “Blauen Bock” in unmittelbarer Nachbarschaft zum Viktualienmarkt residiert. Denn die Parallelen zwischen der Edel-Einkehr gleich gegenüber von der Schrannenhalle und Münchens berühmtem Schlemmerfundus sind mehr als augenfällig: An beiden Adressen wird hohe Qualität möglichst schnörkellos dargereicht. Bei aller Nonchalance gilt freilich hier wie dort: Hohe Güte geht auf’s Portemonnaie. Der Blaue Bock darf zu jenen Gourmettempeln der Stadt gezählt werden, die sich höchsten Ansprüchen verpflichtet fühlen – und das hat eben seinen Preis.

Seine Philosophie beschreibt der Witzigmann-Schüler Bachmeier als “das Streben nach Einfachheit” – die spartanische Inneneinrichtung des “Blauen Bocks” gehört also zum Prinzip des Restaurants . Fest installierte Jalousien aus Weidenholz lassen auch am Tag wenig Licht in den Gastraum, dessen Kargheit bei allzu viel Helligkeit überdeutlich würde: “Wir haben hier bewusst sehr wenig Dekoration – die Konzentration soll auf das Gegenüber, das Essen und den Wein gelenkt werden”, erklärt Bachmeier.

Dezente Form der Gemütlichkeit

Trotz der knappen Ausstaffierung kommt in dem Restaurant allerdings eine dezente Form der Gemütlichkeit auf. Punktuelle Lichtspots bringen die beige abgedeckten Tische und die roten Samtsessel mit dem angestrebten Understatement zur Geltung.

Einfach und übersichtlich ist auch die Speisenkarte des “Lokals” – sie besteht aus genau zwei Seiten. Auf dem Aufschlagblatt wird von Montag bis Freitag stets ein vier- oder fünfgängiges Menü (54 beziehungsweise 63 Euro) angeboten, während auf der zweiten Seite prinzipiell vier Vorspeisen, zwei bis drei Zwischengerichte, vier bis fünf Hauptgerichte sowie vier Desserts zu finden sind. Am Samstag beschränkt sich der Blaue Bock auf ein vier- bis siebengängiges Menü (54 bis 86 Euro).

Die Qual der Wahl ist also nicht sehr groß und wir entschieden uns zum Entrée für ein “Parfait Foie Gras” (24 Euro) sowie einen “Salat Niçoise” (17 Euro). Zwei Klassiker also, die im “Blauen Bock” aber kreativ umgesetzt wurden.

Ein kühner Salat Niçoise

Die feine Gänsestopfleber war mit wunderbar krossem Pumpernickelbrot ummantelt und korrespondierte aufs Köstlichste mit gerösteteten Pistazien und einem zart vanilligen Rhabarber.

Bei der Komposition des Salat Niçoise geriet die Kreativität des Küchenchefs allerdings schon fast zur Kühnheit: Farblich sehr schön abgestimmt lagen da zwei marinierte Scheiben rohroten Thunfischs neben dem gelb-leuchtenden Dotter eines “konfierten” Eis, einer grünen “Oliventapenade”, sowie zwei jeweils kleinen Häufchen Kartoffeln und Bohnen.

Rein von seinen Ingridienzien her also ein traditioneller Salat Niçoise, der gleichwohl so gar nichts Konformistisches an sich hatte. Denn selbst für den experimentierfreudigen Esser prallten die Zutaten bei dieser Rohkost-Variante etwas unvermittelt aufeinander: Die naturgemäß aufdringliche Oliventapenade erschlug den zarten Geschmack des Thunfischs und auch das roh erscheinende Ei wollte nicht so recht in die Geschmackskomposition passen.

Bachmeier ist gleichwohl stolz auf seine “Eigen-Kreation”, deren Clou wohl im “konfierten” Ei liegt: Bei genau 60 Grad Celsius gegart, gerinnt das Eiweis und legt sich hauchdünn um den Dotter – das Ei bleibt also komplett. Ein Gag, der den geschmacklichen Purismus nicht ganz aufwog.

Schnörkellos schlemmen

Als umso aromenreicher erwiesen sich die Hauptspeisen. Wir wählten aus Testgründen ein Fleisch- und ein Fischgericht und beide wurden den hohen Ansprüchen des Blauen Bocks mehr als gerecht. Das ” Bayerische Ochsenfilet” (34,90 Euro) ließ einem schon vor dem Essen das Mund im Wasser zusammenlaufen, war es mit dem dazu gereichten Knoblauch doch kreativ garniert. Das Fleisch erwies sich als überaus zart und à point geraten.

Der Blaue Ochse fühlt sich den Produkten der Region verpflichtet, und insofern harmonierte der “Bayerische Ochse” gut mit dem eher in der asiatischen Küche beheimateten Pak-Choi-Gemüse (Senfkohl). Seine Könnerschaft belegte der Küchenchef auch mit dem “Bretonischen Seeteufel” (29,00 Euro), dessen sekundengenau gleichmäßig gegartes Fleisch in einem spiegelglatten See grüner Bachkresse schwamm. Der Geschmack war umwerfend und harmonierte perfekt mit den Artischocken.

Raffinierte Kirschen

Der Dessertnachschlag bestand schließlich aus einer Käseauswahl (16,50 Euro) und einem Honigmus mit Balsamico-Kirschen und Vanilleparfait (12,50 Euro). Der Käseteller wird im Blauen Bock in zwei Größen angeboten und wir wählten die Größere, die jedoch auch noch recht klein daher kam. Dafür bewiesen die drapierten Häppchen, welche Geschmacksdichte in besonders ausgereiften Käsen wohnt.

Das noch etwas gelungenere Finale dieses Dinners bestand nach übereinstimmender Meinung der Testesser aber im Honigmus: Umhüllt von einem luftig-leicht gebackenen Marzipanröllchen hielt das Mus elegante Zwiesprache mit den raffiniert süß-sauren Balsamico-Kirschen. Schade allerdings, dass das Vanilleparfait noch etwas zu stark durchgefroren war – es konnte so seinen Schmelz nicht voll entfalten.

Insgesamt ist der Blaue Bock ein Gourmettempel, der bei sehr kleinen Abstrichen auch höchsten Ansprüche gerecht wird. Erfreulich ist dabei, dass die Steifheit vieler Nobel-Restaurants hier fehlt. Unauffällig, freundlich und dennoch kompetent kümmert sich das Personal um die Gäste, wobei die insgesamt angenehme Lässigkeit zuweilen in kleine Nachlässigkeiten umschlug, die in dieser Preisklasse abgestellt werden sollten: Einmal wurde die Wasserflasche unerreichbar weit weg auf dem Fensterbrett abgestellt und bei leeren Gläsern nicht mehr nachgeschenkt, dann wieder wurde die Serviette nach dem Hauptgang abgeräumt und für den Nachtisch keine neue gebracht.

Zudem kam der Verdacht auf, dass die Aufmerksamkeit der Servicekräfte je nach Zeche auch unterschiedlich sein kann: Dem Nebentisch, an dem eine größere Gruppe teuerste Weine orderte, wurde spürbar mehr Dienstbarkeit zuteil als den vergleichsweise genügsam trinkenden Testessern.

Edelste Tropfen

Die nutzten nämlich das begrüßenswerte Angebot des Blauen Bocks auch offene Weine auszuschenken. Der vollmundig schwere “Brunello di Montalcino” (2003) für 7,50 Euro pro Glas war eine vorzügliche Empfehlung des Sommeliers. Der zuvor georderte österreichische “Cuvee Phantom 2005” vom Weingut Kirnbauer K&K (7 Euro) wurde dabei anstandslos zurückgenommen, nachdem er die Testesser zunächst nicht restlos zufrieden gestellt hatte.

Wer im Blauen Bock Flaschenweine ordert, dürfte auf der knapp 200 Positionen umfassenden Weinkarte wohl immer genau das Richtige finden. Edelste Tropen wie der 1986 Chateau Mouton Rothschild (1050 Euro/Flasche) oder der 2000 Montrachet Grand Cru (1450 Euro) dürften kaum einen Wunsch offen lassen.

Nach dem vielen guten Essen und Trinken kam der finale Prosecco-Grappa genau richtig: Zart im Abgang und nirgendwo ein Brennen. Die Qualität im Blauen Bock stimmt eben.

Blauer Bock, Restaurant Bar, Sebastiansplatz 9, 80331 München, Tel.: 089/45222333, Mo – Sa 12.00 – 14.30 und 18.30 – 01.00 Uhr, Sonn- und Feiertage geschlossen, Küche jeweils bis 22.30 Uhr