Sissi im Barbieland

Augen zu und träumen: In der Waldfee gibt es Gerichte der österreichischen Küche in nahezu vollendeter Ausführung. Das Design des Restaurant in Schwabing wirft allerdings so manche Frage auf.

Was immer es auch war: Selbst ein Marihuana-Fan wie Hans Söllner hätte wohl einen Heidenrespekt vor dem, was der Gastro-Designer geraucht hat, bevor er das Interieur des Restaurants Waldfee zu entwerfen begann. Kühn wäre noch ein arger Euphemismus angesichts des Durcheinanders, das Wände und Raum dem Gast beim Erstbesuch ins Auge schlagen.

Silbern eingewickelte Äste, dito diverse Krickerl von Gämsen und ähnlichem Getier, auch mal ohne Folie in natura, dazwischen Schwarz-Weißbilder von Kaiserin Elisabeth oder Peter Alexander , welche unter Umgehung der sonst üblichen Farben Rot-Weiß-Rot auf die austriakische Provenienz der Küche verweisen sollen; dazu schöne, mittelschwere Holztische, die so gar nichts mit dem Kitsch an den Wänden zu tun zu haben scheinen, und eine Außenbemalung, die von Lendes Kollegen aus diversen Medien fast unisono als “barbiefarben” gezeichnet wird. Nun gut, wer in der Occamstraße als Wirt sein Glück versucht, muss sich in dieser Touristen-verseuchten Ecke Schwabings ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Aber die Küche tät’s doch auch, so gut wie sie ist.

Sprizz-Varianten mit hohem Gewöhnungsfaktor

Es war Sommer, als Lende und Co. ein paar Mal nach Schwabing zogen, um diesem Österreicher die Aufwartung zu machen. Und um es vorwegzunehmen: Es war jedesmal eine große Freude, und man lernte schnell, das schräge Ambiente zu ignorieren, was auch daran lag, dass die Bedienung schon bei der telefonischen Anmeldung von dieser typisch österreichischen Fröhlichkeit war, der gerade wir manchmal etwas zurückhaltenden Bayern so gerne erliegen. Eine Eigenschaft übrigens, die ganz offenbar auch auf das teils nichtösterreichische Personal übergegriffen zu haben scheint. Kann man diesem die freundliche Frage nach einem Aperitif abschlägig bescheiden? Nie und nimmer, noch dazu die Sprizz-Varianten mit Melone oder Ribisel (= Johannisbeeren) einen gefährlich hohen Gewöhnungsfaktor bieten.

Nun aber: An ihren Suppen sollt ihr sie erkennen! Und da war’s dann schon um Lendes Tisch geschehen. Man wird ja von manchem bayerischen Gasthof gerade suppentechnisch nicht immer verwöhnt (ähnlich dem Begleitsalat) und hat sich deswegen in den (Gott sei dank immer mehr werdenden) Ösi-Lokalen der Stadt Labsal verschafft. Aber die Suppen hier! Eine mit den berühmten Frittaten (übrigens der gleiche Wortstamm wie bei den Pommes frites) sowie eine mit dem für Norddeutsche doch eher schwierigen Wort Kaspressknödel. Schmeckte schon die Einlage jeweils frisch und auf den Punkt kräftig, so war die Essenz von einer schier umwerfend ehrlichen Intensität. Einziger Nachteil: Man isst alles auf und blockiert, gerade mit dem Kaspressknödel, Platz für nachfolgende Speisen.

Natürlich muss das Wiener Schnitzel vom Kalb herhalten, ein Gericht, das in Österreich schon des Namens wegen als Botschafter wienerischen Zentralismus’ nicht überall gleiche Zuwendung erfährt. Hier aber, jenseits der Grenze, wird es zum papierdünnen Gedicht, eingepackt in eine so wohlschmeckende Panade, dass sich die Frage nach der Zubereitung in der Pfanne von selbst verbietet. Die Röstkartoffel dazu könnten allerdings etwas mehr Zeit dortselbst vertragen.

Die Nachspeisen sind ein Gedicht

Auf den Punkt mürbe und perfekt gewürzt war der Zwiebelrostbraten, das Pfeffersteak von ebensolcher Konsistenz, wenn auch etwas zu sehr (oder zu früh?) gesalzen. Die Schlutzkrapfen, gefüllt mit Spinat, Tomaten und Speck und überzogen mit grob geriebenem Parmesan, hoben sich angenehm von mancher Südtiroler Variante ab, bei der oft arg viel Butter verschwendet wird. Das Fiakagulasch, also das des Pferdefuhrwerklenkers, hätte eine Spur mehr Paprika vertragen, auch auf das zugehörige Wiener Würstchen könnte Lende gerne verzichten, was er dann auch tat. Von außerhalb des österreichischen Kanons her kommt der Ochsenburger, garniert mit raffiniert frittierten Pommes. Die Amerikanerin in Lendes Gefolge wirkte sehr glücklich damit.

Der Grund dafür, dass Lende hier etwas hurtig durch die Hauptspeisen galoppiert, liegt am Rest, an den Nachspeisen, also an Kaiserschmarrn und Salzburger Nockerl. Ersterer wurde nicht, wie so oft, als fluffiges Etwas mit Puderzucker serviert, sondern fast als süßer, in Rauten zerrissener Auflauf mit karamellisierten Mandeln drauf – eine Variante, die vieles aussticht. Und die Nockerl? Wer jemals sich daran selbst versucht hat, weiß, wie kompliziert deren Zubereitung ist. Hier war sie nicht nur gelungen, sondern zum Reinlegen gut.

Natürlich trinkt man hier Wein. Es gab keine großen Ausreißer, aber der weiße Zweigelt war eine angenehme, leichte Überraschung. Und das Preisniveau? Nicht nur angesichts der touristischen Umgebung mehr als fair. Summa summarum: Holla, die Waldfee!