Sonniges mit ein paar Schattenseiten

Das “Maier zum Kirschner” in Rottach-Egern am Tegernsee steht für erstklassige Küche – mit überraschenden Aussetzern.

Ein Ausflug an den Tegernsee gleicht ja oft einer logistischen Herausforderung. Ferien-, Feier- oder Sonnentage gilt es am besten zu meiden angesichts der Blechlawinen, die sich regelmäßig ins oberbayerische Idyll aufmachen, das sich dann manchmal gar nicht mehr so idyllisch und traditionsgeprägt zeigt. Hat man sich aber aufgerafft und einen günstigen Tag erwischt, wird einem immer wieder schnell klar, warum es so viele Menschen an diesen Flecken lockt.

Auch gastronomisch bietet der Tegernsee viel Hochklassiges – für Tina von Norden gehört unbedingt das Maier zum Kirschner in Rottach-Egern dazu, ein Hotel und Restaurant, das seit fünf Generationen im Familienbesitz ist.

An schönen Tagen lässt sich in dem ehemaligen Lehenshof der Benediktiner-Abtei Tegernsee im prächtigen Garten unter großen Sonnenschirmen mit herrlichem Seeblick speisen. An weniger schönen Tagen wartet ein holzgetäfelter, bayerisch-behaglicher Gastraum, in dem seit Jahren dasselbe Stammpersonal anzutreffen ist – zu Hochzeiten verstärkt durch Saisonkräfte.

Eines unserer Kostprobenessen fiel in die spätsommerliche Hochsaison, und vielleicht ist das ein Grund dafür, dass die sonst stets tadellosen Erfahrungen diesmal mit Makeln versehen waren und sich das Maier zum Kirschner in dialektischer Form zeigte. Das begann mit dem Service, der zwischen Unbeholfenheit, dazu später mehr, und barocker Diensteifrigkeit – am Nebentisch: “Für den Herrn Direktor, wohl bekomm’s” – changierte. Das Sowohl-als-auch zog sich wie ein roter Faden durch den Abend.

Als erster Gang kamen vorzügliche hausgemachte Maultaschen an Blattspinat (15 Euro), die dem testessenden Halbschwaben sehr mundeten. Das Carpaccio vom Rinderfilet (18 Euro), das puristisch, aber von erhabener Qualität war. Als drittes das feine Thunfisch-Tatar (18 Euro), das mit einem Basilikumsorbet und diversen Saucen serviert wurde.

Die vierte Vorspeise hingegen, das Dreierlei von der Gänseleber (23 Euro), gefiel gar nicht. War die gebratene Leber noch ein schöner Starter, so waren die Terrine der Foie Gras mit Baumkuchen-Pyramide und das in Mandelblättchen gerollte und mit Armagnac-Pflaumen gefüllte Kügelchen ob der Alkoholbetontheit fast nicht zu genießen. Und auch am Tegernsee sollte bekannt sein, dass eine Foie Gras schwerlich mit Zwiebel- oder Olivenbrot eine kulinarische Allianz eingeht. Der bemühte, aber eben unbeholfene Service eilte von dannen und kam mit vier Scheiben in Butter ertränktem und gebratenem Toast wieder. Ungenießbar.

Bei den Hauptgängen konnte die Küche wieder überzeugen. Der perfekt gebratene, wild gefangene Steinbutt thronte auf einem hervorragenden Steinpilzrisotto (30 Euro), der Spanferkelbraten mit Kartoffelknödel und Blaukraut (19 Euro) war zart und geschmackvoll, wenn auch von einer Sauce begleitet, die nach nichts schmeckte.

Das riesige Filet vom Bachsaibling an Sommergemüse und Petersilienkartoffeln (23 Euro) war schön gebraten. Das Backhendl (19 Euro) stand mit Kartoffel-Feldsalat auf der Karte, es kam dann ein Kartoffel-Gurken-Salat zusammen mit einem nach Packung anmutenden Salat-Mix. Das Fleisch war exzellent; die Gemüse-Begleitung hatte dem Testesser, ausgerechnet ein Gurkenverächter, bei einem vorhergegangenen Besuch deutlich besser gefallen.

Moderne Interpretation eines Herrengedecks

Bei den Desserts erlebten wir leider wieder einiges Kritikwürdige. Das Buttermilch-Mango-Mousse (13 Euro) erinnerte an typische Dessertbuffets von Mittelklassehotels: sahnige “Paradiescreme” mit gelblich-süßer Fruchtsauce. Wir suchten das spannende Säure-Exotik-Spiel, aber fanden es nicht. Die Zwetschgenknödel mit Schokoladen-Eierliköreis (14 Euro) erfreuten geschmacklich, doch waren sie sehr auf Hausfrauen-Art präsentiert, nämlich drei Knödel in einem tiefen Teller.

Spannend klang eine moderne Interpretation eines Herrengedecks: Espresso, Grappa und Käsekucheneis für 13 Euro. Der nicht-dessertaffine Tester freute sich, doch leider war das Eis kristallin und nicht schmelzig, geschmackslasch und nicht käsekuchenopulent. Der Espresso war zwar so wie ein Espresso sein sollte, der Grappa hingegen (ohne Nennung oder Erläuterung der Provenienz) ganz schön rass.

Die Weinkarte im Maier zum Kirschner ist reich bestückt und weist einige Preziosen deutscher und österreichischer Winzer auf. Wir wagten uns bei unseren Besuchen an zwei Vertreter im eher unteren Preissegment: einerseits den Grauburgunder von Klaus Gundel aus dem Jahr 2014 (32 Euro) und andererseits den Morillon (steirisch für Chardonnay) von Stefan Potzinger (36 Euro), die uns beide zu kraftlos vorkamen. Großartig hingegen war der 2011er Chardonnay “Ried Hasel” von Hans Topf aus dem Kamptal. Mächtige Opulenz gepaart mit seidiger Geschmeidigkeit zeichnen diesen Wein aus, der allerdings auch 68 Euro kostet.