"Spätestens in einem halben Jahr gehen viele pleite"

Die Zwangsschließungen treffen die kleine Gastronomie ganz besonders hart. Einige Lokale und Restaurants werden den Lockdown nicht überleben.

Wie viele von denen, die jetzt zusperren mussten, werden wohl nicht wieder aufsperren, wenn es dann soweit ist? Bis zum 4. Mai wird sich nicht viel tun, das scheint seit Mittwoch klar zu sein, die Gaststätten bleiben weiterhin geschlossen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) deutete an, dass das auch noch bis Pfingsten so bleiben könnte.

Bei Restaurants und Bars denken Krisenstäbe derzeit mehr an Seuchenherd denn an Küchenherd. Menschenansammlungen sind nun mal gefährlich. Covid-19 gefährdet aber nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Existenz vieler Gewerbetreibender und speziell vieler nicht nur kleinerer Betriebe der Gastronomie und der Hotellerie. Dass selbst Ketten wie Vapiano oder Maredo kurz nach den ersten Schließungen Insolvenz anmelden mussten, liegt zwar sicher nicht nur am Virus. Aber es war wohl der letzte Auslöser. Der bayerische Hotel- und Gaststättenverband wandte sich am Mittwoch mit einem Brandbrief an die Staatsregierung und forderte dringend einen Rettungsfonds.

"In der Friah sperr ma auf, und auf d'Nacht sperr ma zua", so beschreibt in den "Münchner Geschichten" von Helmut Dietl der Volksschauspieler Karl Obermayr sein auf 40 Jahre angelegtes Wirken als Wirt des St.-Anna-Ecks. Diese routinierte Tristesse dürfte der Wahrheit vieler kleinerer Wirtschaften, Lokale und Restaurants recht nahe kommen. Jedenfalls näher als die Vorstellung breiter Schichten der Gesellschaft, in der Gastronomie könne man heute leicht die schnelle Mark machen. Man denkt an die Promiwirte und Großgastronomen aus den Klatschspalten der Boulevard-Presse und schließt daraus: Bei Vierfuchzig für die Halbe und zwölf Euro für den Burger wird man in Nullkommanix reich und zieht sich dann mit Mitte Fünfzig auf die Seychellen zurück.

Der Großgastronom Christian Schottenhamel ist nicht nur Wiesnwirt im ältesten Festzelt auf dem Oktoberfest und Wirt der Menterschwaige und des Nockherbergs, sondern auch Münchner Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Nach dem Klischeebild wäre er jetzt eigentlich reif für die Seychellen. Stattdessen macht er sich große Sorgen. Nicht um sich und sein Geschäft, obwohl er schon die Starkbierzeit auf dem Nockherberg absagen musste und aus dem ursprünglich ersatzweise geplanten Maibockfest "jetzt natürlich auch nix wird".

Momentan plagt ihn eher die Lage seiner Branche. Von zwei oder drei Lokalen wisse er, die bereits jetzt endgültig schließen mussten. "Viele haben halt eine sehr dünne Kapitaldecke", sagt er, "die leben sozusagen von der Hand in den Mund." Zwar habe die Regierung schnelle Hilfen zugesichert: "Aber so schnell geht es halt in der Praxis doch nicht, weder bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau noch beim Kurzarbeitergeld." Auch Letzteres müsse der Kleinunternehmer ja erst einmal vorstrecken, und allein damit stünden viele schon vor dem finanziellen Aus.

Noch ist davon wenig zu merken. Radelte man an Ostern durch die Stadt, so konnte man etwa Charles Schumann im Hofgarten in der Sonne sitzen sehen, gerade so, als ob er seine geschlossene Bar bewachte. Die Brasserie L'Atelier in der Westenriederstraße ist zwar schon leergeräumt, auch das Nomiya in Haidhausen und die Österia in der Au haben sang- und klanglos zugemacht. Alle drei mussten sowieso schließen, wollten aber zuvor eigentlich noch große Abschiedsfeste feiern. Vermutlich sind die Betreiber ohnehin froh, dass sie jetzt nicht noch weitermachen müssen.

Viele machen aber weiter, haben etwa auf Speisen zum Abholen und Lieferdienst umgestellt. Auch wenn damit bei weitem nicht die Umsätze zu erzielen sind, die es zum Überleben bräuchte. Schottenhamel nennt es "verzweifelte Aktionen, um über die Runden zu kommen". So etwas bringe im besten Fall zehn Prozent des vorherigen Umsatzes. Damit könne man zwar Flagge zeigen, aber nicht überleben.

Manche lassen es deshalb gleich sein. Etwa Dominik Käppeler vom Showroom, dem "kleinsten Sternerestaurant Münchens". Die Küche ist zu klein, bei acht Leuten ließen sich die Abstandsregeln gar nicht einhalten, manche Beschäftigte haben Kinder aus Risikogruppen. Der Showroom hat es ohnehin nicht leicht: Im vergangenen Jahr stand er zeitweise unter Insolvenzverwaltung. Er war da gerade wieder herausgekommen, als Corona kam. Käppeler sagt: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Aber er berichtet auch von Ärger mit der Versicherung. Wie viele andere Gastronomen auch. Zwar haben sie oft eine Betriebsschließungsversicherung mit Seuchenschutz – nur zahlen die Versicherungen nicht. Mal heißt es, wie etwa bei der Helvetia, es liege ja "keine konkrete Betroffenheit des Betriebes durch eine Krankheit oder einen Krankheitserreger vor", dann wieder, Covid-19 sei im Versicherungsumfang nicht ausdrücklich erwähnt, deshalb zahle man nicht.

Man könnte so etwas auch miese Tricks nennen. Aber selbst die Soforthilfe aus dem bayerischen Wirtschaftsministerium hat so ihre Tücken. So haben sich die Bedingungen dafür schon mehrmals über Nacht geändert, berichten Wirte. Und man kann bei ihr auch keine Personalkosten, etwa für Azubis oder Mini-Jobber angeben – Personengruppen, die wiederum vom Kurzarbeitergeld nicht erfasst sind.

Die Politik verweist da gerne auf die Hausbanken und staatliche Förderkredite. Aber Schottenhamel und sein Kollege Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt und Vorsitzender der Innenstadtwirte, sagen da: "Spätestens in einem halben Jahr, wenn die ersten Kreditraten fällig werden, gehen viele pleite." Denn die Umsätze, die jetzt weggebrochen sind, werden ja nicht nachgeholt. Niemand isst das Schnitzel, das er jetzt im Wirtshaus nicht bekommt, im Herbst zusätzlich. Und der Wirt kann dann ja auch schlecht das Doppelte dafür verlangen.

Nicht viel anders als bei den Krediten ist es auch mit Steuer- und Pachtstundungen. Klingt erst mal ganz gut, aber auch gestundete Summen müssen irgendwann bezahlt werden. "Das ist dann die zweite Welle des Tsunamis", sagt Lemke. Viele Kollegen, schätzt er, werden "nach Corona" nicht schnell genug wieder ausreichend Umsatz machen können, um ihre Verbindlichkeiten zu bedienen.

Überhaupt scheint vielen Gastronomen erst langsam zu dämmern, vor welchen gewaltigen Schwierigkeiten sie stehen und dass viele von ihnen die Krise nicht überstehen werden. Die wenigsten haben so viel Glück wie Ulrike und Massimo Simone von der Osteria da Massimo bei der Borstei. Ein Ehepaar, Stammgäste, überreichte ihnen einen Umschlag mit ihrem gesamten Urlaubsgeld als Finanzspritze – "weil wir heuer eh nicht wegfahren können."

Und manche Nischengastronomen haben mit Problemen zu kämpfen, die sich andere Kollegen aus der Branche nur wünschen würden. Thomas Leidner und Kathrin Karl vom Katzentempel in der Türkenstraße zum Beispiel. Ihre vegane Küche hat natürlich zu, sie werben um Unterstützung durch T-Shirt- und Gutscheinkauf auf de.gofundme.com und haben die sechs Katzen, die sonst im Café zum Ergötzen der Besucher herumlungern, unter sich aufgeteilt. "Ich habe jetzt drei in meiner Wohnung", sagt Leidner, "die langweilen sich furchtbar ohne die Gäste. So viel kann ich mit denen gar nicht spielen."