Spätmünchnerische Dekadenz

Teil einer pulsierenden Energie soll der Gast sein, so verspricht es das “Nektar” in Haidhausen. Und was wird geboten? Außergewöhnliches Essen, aber auch leichte Show-Kost – und ungewollte Einblicke in die Persönlichkeit der Mitspeisenden.

Nektar – alleine das Wort schon. Da werden Gedanken wach an köstliche Speisen, an römische Dekadenz, an ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Aber eben auch an die ziemlich verwässerte und verzuckerte hässliche Stiefschwester des Fruchtsafts. Die alles entscheidende Frage beim Besuch des gleichnamigen Restaurants in der Stubenvollstraße lautet also: Schöne Hülle, nichts dahinter?

So schlimm ist es dann doch nicht – das mal vorweg. Doch wer sich für das Nektar entscheidet, der muss wissen, dass er nicht in einem stinknormalen Lokal speist. “Teil einer pulsierenden Energie, die nur mit Dir aus sich heraus existiert”, solle der Gast sein, heißt es esoterisch-vielsagend auf der Internetseite. In der Realität besteht diese pulsierende Energie aus jeder Menge Pomp, einem Hauch Extravaganz, Hochgenuss – aber auch aus leichter Kost (dazu später mehr). Für einige Stunden geht der Gast eine Schicksalsgemeinschaft mit Menschen ein, die er unter normalen Umständen nicht getroffen hätte.

Bob zum Beispiel. Der androgyne und stark geschminkte Wächter des Kulinarik-Grals ist ganz in Schwarz gekleidet, seine dunklen Wimpern sind an diesem Abend bestimmt 20 Zentimeter lang und klimpern fröhlich, er trägt ein schwarzes Gestänge um die Schultern, das genauso gut aus einem Madonna-Video stammen könnte. Den einzigen Farbtupfer bildet das leuchtend rote Prosecco-Gemisch in Bobs Hand, an dem er regelmäßig nippt. “Prosecco ist mein Grundnahrungsmittel”, sagt Bob. Er umhätschelt und umgarnt, er führt zum reservierten Platz, bittet freundlich, man möge die Schuhe ausziehen und es sich bequem machen. Schließlich werde ab halb neun das Menü aufgetragen.

Der Gewölberaum ist ganz in Weiß gehalten, und den Abschluss bildet ein großer weißer Sofa-Komplex in U-Form. Kleine Tischchen stehen auf der Liegewiese bereit, Kissen en Masse, aus den Lautsprechern säuselt leise Musik. Es ist ein wenig eng auf der Liegewiese, etwa 20 Personen räkeln sich bereits darauf. Das Menü ist auf den ersten Blick nicht ganz billig: 49 Euro für drei Gänge, 56 Euro für vier Gänge – dafür aber bietet das Nektar Gratis-Einblicke in die Persönlichkeit der Mitspeisenden.

Rote-Beete-Eis auf Waltmeistergötterspeise

Das Publikum ist bunt gemischt. In der Mitte des Us hat eine Familie Platz genommen. Vor den Kindern stehen Gläser mit Fanta, die kümmern sich aber lieber um ihre iPhones. Die Mutter, gut gebräunter Teint, lange blonde Haare trinkt Wein, schmiegt sich an ihren Partner. In der einen Ecke sucht eine Gruppe von vier Frauen mittleren Alters nach der richtigen Sitzposition, eine Flasche Wein steht bereit. In der anderen Ecke fotografiert eine Gruppe von jungen Damen eifrig im Gewölbe herum. Die identischen T-Shirts im Glitzerlook deuten auf einen Junggesellinnenabschied hin. Neben uns sitzen zwei junge Frauen, die ziemlich laut lachen. Eine trägt Socken mit Comicfiguren. Das Publikum ist also bunt gemischt.

Als Appetizer wird ein Schälchen Tomaten-Parmesan-Mousse gereicht, dessen ansich feiner Geschmack allerdings von dem recht strengen Balsamico-Gelee verdrängt wird. Weiter geht es mit einem Tiramisu vom Kalbstafelspitz. Zwischen feinsten Fleischscheiben hat die Nektar -Küche eine feine Creme geschichtet. Umrahmt wird das Ganze von einem kleinen Kartoffelküchlein und – als Clou – einer Nocke von köstlichem Rote-Beete-Eis, gesetzt auf einen Spiegel Waldmeistergötterspeise. Nicht nur optisch – auch geschmacklich kann diese Vorspeise voll überzeugen.

Champagner zum Dessert

Zwischendurch kommt Bob zur ersten Performance des Abends zurück – dafür hat er sich seines Gestänges und seinem Proseccoglas entledigt und sich ein schwarzes Kleid übergeworfen. Im Schlepptau hat Bob einen Käfig, in dem ein kleiner Vogel aus Stoff zirpt. Zu einer Disco-Variation der “Königin der Nacht” trippelt Bob nun so wild durch das weiße Gewölbe, dass selbst die iphone-Kinder von ihrem Telefon aufschauen.

Das getrüffelte Waldpilzrisotto, das bei der Vier-Gänge-Variante gereicht wird, haben wir ausgelassen, wir freuen uns lieber auf den Hauptgang mit dem verheißungsvollen Namen “Trilogie vom Rind an Rosenkohl-Carbonara”. Neben einem Rinderfilet ist eine Pastete mit Rindfleischsplittern drapiert und eine mit Rindfleisch gefüllte Teigtasche. Das Filet kann nicht bei allen Gästen überzeugen. Eine Teilnehmerin der Jungesellinnen-Feiergruppe lässt es mit der Bemerkung “zu hammelig” und “womöglich zu lange gelagert” zurückgehen – worauf die Bedienung aus der Küche die Information mitbringt, dass genau dies so gewollt sei. Dafür sei das Fleisch schließlich extra lange in Leinentüchern gelagert worden. Die Frau schaut nicht wirklich überzeugt.

Elvis mit losem Hosengürtel

Uns schmeckt der Hauptgang jedoch großartig. Das Fleisch ist zart, die gefüllte Teigtasche harmoniert hervorragend mit der Rosenkohl-Carbonara – und auch die Pastete kann überzeugen. Einzig der Soßenanteil ist ziemlich spärlich, was wahrscheinlich der Tatsache geschuldet ist, dass die Teller in der Hand gehalten werden oder auf dem Schoß stehen. Der kleine Tisch dient nur dem Abstellen der Gläser. Ach ja: Wir trinken einen Azeitao-Rotwein aus Portugal , das Glas für 6,50 Euro. Dazu gibt es eine Dreiviertelliterflasche Selters für sechs Euro.

Die Familie in der Mitte des Räkel-Us lässt sich schnell noch eine Flasche kommen. Denn mittlerweile ist noch ein befreundetes Pärchen aufgetaucht, mit zwei Frauen im Schlepptau. Die Gruppe setzt sich vor die anderen Gäste an den vorderen Rand des Sofa-Komplexes. Eine dieser beiden Frauen schafft es, innerhalb von zwei Minuten sieben Mal ihren Platz zu wechseln – immer begleitet von einem aufgeweckten Lachen, dessen Frequenz sich noch steigert, als die zweite Performance ansteht: Ein türkischer Elvis-Imitator mit einem sehr losen Hosengürtel betritt die Fläche, diese eher leichte Unterhaltungs-Kost belustigt vor allem die aufgeweckte Frau.

Den Abschluss des Menüs bildet eine äußerst wohlschmeckende Zitronengras-Crème Brûlée, die mit Waldfrucht-Joghurteis kombiniert wird. Als dekadente Begleitung empfiehlt die Abendkarte hierzu noch einen Champagner aus dem Jahr 1998, Palmes d’Or, die Anderthalbliterflasche für 360 Euro. Wir verzichten darauf und genießen weiter unseren Rotwein aus Portugal. Die Familie aus der Mitte der Sitzgruppe hat sich inzwischen, samt Anhang, verzogen. Auch die anderen Gäste brechen langsam auf, das Gelage endet.

Draußen vor dem Eingang steht ein Mann mit Glatze im T-Shirt und raucht. Sein Gesicht zeigt noch Spuren von Schminke. Er lächelt uns zu. Auch Bob hat Feierabend.

Restaurant Nektar, Stubenvollstraße 1, Telefon: 089/ 45911 311, Internet: www.nektar.de , geöffnet täglich ab 19 Uhr, Sonntags und Montags auf Anfrage; Reservierung wird empfohlen.