Am Schönsten ist's draußen, aber der Sommer ist ja vorbei. Deshalb hier ein Blick in die Innenräume des Punto Di Vino. (Foto: Stephan Rumpf)

Speisen wie Gott in Norditalien

Das “Punto di vino” beim Sendlinger Tor ist ein italienisches Restaurant, wie man es sich in München nur wünschen kann – und das schon seit Jahrzehnten.

Hier speist man mitten im Leben. Auf dem Bürgersteig gegenüber versucht ein schwitzender Vater, für seine Tochter einen E-Scooter freizuschalten. Auf der anderen Seite der Straße parkt ein SUV so ein, dass man an lustige Youtube-Einpark-Schnipsel denkt, das Geschlecht der Person am Volant sei hier ignoriert. Außerdem kommt gerade das Amuse Gueule auf den Tisch, angemachtes Rindertartar auf gebratener Zucchini, ein Gruß aus der Küche, der Freude macht. Dass der Streifen auf dem Trottoir vor dem kleinen italienischen Lokal Punto Di Vino, welches laut Adresse noch zur Sendlinger, realiter aber in der Herzog-Wilhelm-Straße liegt, ziemlich schmal ist, stört vielleicht die Fußgänger, weniger aber die hier speisenden Gäste. Zumindest jene nicht, die auch beim Speisen gerne gucken, was in der Welt außenrum so los ist. Hier ist das wie Fernsehen, nur bunter.

Seit mehr als 20 Jahren ist das Punto Di Vino am tobenden Touristenhotspot Sendlinger Tor zu Hause, wie ein kleiner, aber sehr widerstandsfähiger Fels in der Brandung, unauffällig, aber eben präsent. Und wer den Titel des Restaurants als “Punto divino” liest, läge auch mit einer Übersetzung als “Göttlicher Punkt” durchaus richtig. Denn man speist in der Tat hier wie Gott in Italien, respektive in dessen Norden, denn wenn nicht alles täuscht, hat das Punto Di Vino seine Heimat im Piemont.

Darauf verweist auch die Aussage des Wirts, man könne heute leider die Vorspeisenorder “langsam gekochtes Ei und Trüffel” nicht annehmen, denn die Trüffeln aus dem Piemont kämen erst am Mittwoch. Scusi. Aber es gibt doch auch Trüffel in den Marken oder auf der Hochebene von Castellucci? Ja, schon, sagt der Chef mit nur dezent unterdrücktem piemontesischem Stolz, aber die aus eben dem Piemont, nun ja, wir nehmen halt nur die. Was eine Wiederkehr am Mittwoch nötig macht.

Dann also Gamberetti mit Avocado. Und Bruschetta mit Orangenpesto und Sardine. Und Melone mit Ziegenkäse. Und am besten das alles noch dreimal, weil es so köstlich mundet. Geht aber nicht. Hauptspeise und Nachtisch müssen auch noch Platz finden. Es wäre auch schade gewesen, zum Beispiel um die Dorade vom Grill. Nun ist das ja eher ein Allerweltsfisch, der, weil recht flach, auch problemlos auf dem Grill oder in der Pfanne zubereitet werden kann. Aber zum einen zeigt sich schon bei der Auswahl der Ware eine große Qualitätsspanne, zum anderen ist es ja die Kunst gerade italienischer Küche, dem Fisch seinen Geschmack zu lassen und diesen trotzdem zu verfeinern. Was hier dank der kräftig gewürzten Haut über dem festen Fleisch prächtig gelang.

Lendes Gegenüber wurden dann Tagliolini al nero kredenzt, mit – natürlich – Tintenfisch. Schwarz ist überhaupt kein Ausdruck, tiefstes Schwarz auf dem weißen Teller, da muss man sich immer noch dran gewöhnen. Aber nach dem ersten Bissen ist der Augenschock überwunden, alles schmeckt nach feinen Gewürzen – und nicht nach Farbe. Und Lende selbst? Schwelgte in seinen Fettuccine mit Straccetti, zartesten Filetstreifen. Die Crème brûlée hätte es da wirklich nicht mehr gebraucht, wurde aber verputzt, weil wohl gelungen; noch köstlicher: die Torta della casa, eine fruchtige Variation des Tiramisu.

Dann aber der Mittwoch, diesmal nicht an der Straße, auch nicht im kleinen, sparsam elegant gehaltenen Gastraum, sondern im Hinterhof, für den der Begriff “heimelig” nicht ganz passt, man fühlt sich eher wie in einem riesigen Kamin des Hochgebirges angesichts der in den Himmel ragenden Wände außenrum. Aber ruhig ist es hier. Und Trüffeln gibt es wieder nicht. Sind noch nicht angekommen aus dem Piemont. Macht aber nix, dafür gibt es für die Dame ein Risotto mit Jakobsmuscheln, bei dem Lende seine Abneigung gegen Reis endgültig vergisst, obwohl er selbst mit seinen Calamari & Garnelen auf gebratenen Zucchini auch sehr gut bedient ist. Das Steinbeißerfilet, leicht paniert mit Polenta, erwies sich, wie Tage vorher die Dorade, als Treffer. Das als Variante fürs Entrecote empfohlene Stück Rind war zwar wirklich zart und saftig, hier aber war der Koch mit der Gewürzmischung dann doch arg zurückhaltend. Es ist ja sinnvoll, den Geschmack des Fleisches herauszuarbeiten, aber ein paar Flöckchen Peperoncini hätten hier nicht geschadet. Die beigelegten Kartoffelscheiben hatten auf der Schnittfläche eine zarte Haut – wunderbar, offenbar im Rohr etwas nachgebraten.

Punto Di Vino ist natürlich eine unerschöpfliche Quelle guten Weins. Der Primitivo war nicht schwer, aber voller Tiefe, der Montepulciano dagegen etwas flach; nachhaltig die Weißen, der Pecorino intensiv, der Arneis dann einer, den man sich sofort nach Hause liefern lassen möchte. Zu zweit lässt man hier am Abend gut 100 Euro. Aber die sind, man kommt ja nicht alle Tage, sehr gut angelegt.

Adresse: Sendlinger Straße 62 | 80331 München | Telefon: 089/26023101 | Montag bis Samstag 12 bis 15 Uhr und 18 bis 23 Uhr |