Unhappy Hour in den Bars

Theatergäste, die nach der Vorstellung noch schnell einen Drink bestellen, Gäste, die leer ausgehen, Lokale, die schon um kurz nach 22 Uhr schließen: Eindrücke vom ersten Abend mit Ausschankverbot.

Auf der Tafel an der Fassade des Traditionswirtshauses Zum Spöckmeier im Rosental steht: "Happy Hour! Mo – Fr 14 – 18 Uhr, Halbe Helles 3,90". Die Happy Hour ist da schon ein paar Stunden alt, jetzt ist die Unhappy Hour angebrochen in der ganzen Stadt. Es ist kurz nach 22 Uhr an diesem Mittwoch, dem 14. Oktober, und nichts geht mehr.

Vor ein paar Minuten ist das Alkoholausschankverbot in Kraft getreten, das die Stadt wegen der Corona-Pandemie und das Überschreiten des Schwellenwerts von 50 Infizierten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen verhängt hat. Den Spöckmeier betrifft das heute gar nicht, dort ist es um kurz nach zehn schon dunkel, die Lichter sind es, die Kellner haben schon aufgestuhlt. Das gleiche Bild bietet sich auch drüben beim Viktualienmarkt in der Gaststätte Pschorr bei der Schrannenhalle. Auch dort ist alles dicht.

Um Viertel vor zehn war am Gärtnerplatz noch etwas losgewesen: Denn im Staatstheater war der letzte Vorhang gefallen, die Gäste strömten schnell nach draußen, die hauseigene Bar Salon Pitzelberger ist geschlossen. Einige Ortskundige zieht es hinüber in die Klenzestraße zur Theaterklause, ein kleines Lokal mit typischem Münchner Boazn-Charme. Barkeeper Leo, der nicht aufs Foto will, sagt: "Alle haben sich ganz vorbildlich benommen und rechtzeitig zur last order noch bestellt."

Erfreulicherweise seien die Vorstellungen im Theater derzeit ja alle vor 22 Uhr beendet, manche dauerten nur 90 Minuten – Zeit genug also, um vor 22 Uhr noch ein letztes Feierabendbier zu bestellen. "Man muss halt schnell sein", sagen die Gäste und lachen, "am besten schon vor dem Schlussapplaus raus!" Leo rechnet damit, dass die Theaterklause künftig unter der Woche früher schließt: "Normalerweise machen wir um zwölf Uhr zu, aber so lange bleibt ja keiner für ein schönes Wasser." Nun überlege man, vielleicht sonntags früher aufzumachen, zum Ausgleich. Vielleicht schon um 15 Uhr.

Keine Option fürs Holy Home. Die Bar in der Reichenbachstraße ums Eck ist schon ein Klassiker, was das etwas spätere Ausgehen rund um den Gärtnerplatz betrifft. Das Publikum ist eher jung, so zwischen 20 und 30. Sonntags um 15 Uhr, wenn man sich recht erinnert, steht man in diesem Alter eher auf oder geht brunchen, aber nicht in eine Bar. Am Mittwoch, kurz vor 22 Uhr, ist der Andrang überschaubar, eine kleine Gruppe sitzt am Tresen beim Bier. Ein Pärchen bestellt gerade rechtzeitig noch zwei Radler, dann schaut die Barfrau Sophie auf den Wecker, der im Regal hinter ihr steht: Es ist soweit, Schankschluss. Dann kommt ein Gast zur Tür herein, ganz aufgeregt: "Gibt's noch was? Oder bin ich zu spät?" Zu spät, sagt Sophie, es tue ihr leid. "A geh!", sagt der Gast und wendet sich zum Gehen, aber er muss dann doch lachen: kein Bier nach zehn, schon etwas skurril auch wieder.

"Das ist schon so eine Art Todesurteil für eine Bar, oder?" Sophie spricht das sehr gelassen aus, dabei hätte sie wirklich Grund, sich aufzuregen. In einem Laden wie dem Holy Home geht es nach zehn eigentlich erst richtig los; jetzt ist nach elf Uhr schon tote Hose. "Um Mitternacht sieht es auch mit den Trinkgeldern viel besser aus", sagt Sophie, "und den Umsatz, der uns jetzt fehlt, können wir zu anderen Zeiten nicht mehr reinholen." Vielleicht macht das Holy Home jetzt sonntags früher auf, aber viel wird das nicht bringen. Für Sophie schon gar nicht, sie wird stundenweise bezahlt. "Von so einem Abend wie heute kann man jedenfalls nicht leben."

Das sagen auch gestandene Wirte in der Altstadt, rund um die Frauenkirche zum Beispiel. Gegen halb elf sitzen in den meisten Wirtshäusern nur noch kleine Gruppen an den Tischen, das Restaurant Leger am Dom könnte jetzt auch Schee leer am Dom heißen: Es hat bereits geschlossen. Im Augustiner Klosterwirt ist noch am meisten los. Ein paar Stammtische treffen sich halt doch. "Wir kommen alle vier Wochen hierher", erzählt ein Mann, "wir sind sieben Leute. Heute mussten wir uns deshalb auf zwei Tische aufteilen, mit einer Plexiglaswand dazwischen. So ein Schmarrn!" Klar, mit Corona sei nicht zu spaßen – aber das sozusagen "betreute Trinken" in Gaststätten sei doch offenbar kaum gefährlich: "Oder hat sich in München tatsächlich schon mal jemand im Wirtshaus angesteckt? Das müsste man ja wissen, von den Listen her."

Das fragt sich auch Gregor Lemke, der Klosterwirt selber. Er ist auch Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, und ein bisschen ist ihm mittlerweile schon auch zum Verzweifeln. "Es hagelt jetzt die Stornos rein, dass dir schwindlig wird", sagt er. Gerade war es wieder eine Veranstaltung mit 100 Personen, die abgesagt wurde. Am Schlimmsten sei, dass der Politik trotz des geringen Infektionsrisikos vor allem Maßnahmen gegen die Gastronomie einfielen: "Bei den Gästen bleibt davon nur das Gefühl: Im Wirtshaus ist's gefährlich, obwohl das nachweislich nicht stimmt."