Vom Oktoberfest ins Seehaus

Markus Sulzmann war Chef der Ochsenbraterei. Nun serviert er in St. Heinrich Feines aus dem Wasser.

Das Kleine Seehaus lässt sich wohl kaum noch als Geheimtipp bezeichnen. Zu prominent ist die Lage an einer kleinen Halbinsel am Ostufer des Starnberger Sees direkt nördlich von St. Heinrich. Von der Terrasse mit 60 Sitzplätzen und auch durch die Fenster des kleinen Holzhauses reicht der Panoramablick über den See, Seeshaupt bis hin zur Alpenkette rund um das Zugspitzmassiv.

Und wenn das Wetter passt, versinkt die Sonne als feuerroter Ball hinter den Moränenhügeln am westlichen Seeufer. Weil das Restaurant zudem mitten im Badegelände steht, sind die Tische auf der von Blumenhecken umgebenen Terrasse oft schnell belegt. Wer einen Sitzplatz ergattern möchte, sollte daher mindestens zwei Tage vorher reservieren.

Ein kleiner Bach fließt direkt neben der Halbinsel in den See. Um vom Parkplatz zum Restaurant zu gelangen, müssen die Gäste erst eine kleine Holzbrücke überqueren. Da ist es kaum verwunderlich, dass die Küche vor allem auf Feines aus Süß-, aber auch Salzwasser setzt. Damit lockt das Wirtepaar mit Markus Sulzmann und Veronika Tauber auch viele Münchner an den Abenden in ihr Restaurant – geöffnet ist täglich außer montags von 17 Uhr an. Bei schönem Wetter zieht zudem seit vier Jahren die zugehörige Beach-Bar mit echtem Sand unter Liegestühlen und Biergartentischen tagsüber das Publikum an.

Sulzmann will seinen Gästen vor allem “ehrliche Küche” bieten. “Alles, was wir zubereiten, würden wir auch selbst essen.” Damit der Eigengeschmack möglichst unverfälscht herauskommt, würzt er den Fisch fast nur mit ein wenig Salz. Ein Händler aus München liefert täglich frischen Fisch und Meeresfrüchte. Süßwasserfische wie Renken stammen je nach Angebot direkt aus dem Starnberger See. Bekannt ist die Küche etwa für die Bouillabaisse “nach Art des Hauses” (als Vorspeise 9,90 Euro).

Kleine Stücke etwa von Wildlachs, Steinbutt, Zander oder St. Pierre schwimmen – genauso bissfest, wie sie sein sollten – in einem mit Safran und Pernod abgeschmeckten Sud. Für den Fond greift Sulzmann fast nur zu Wildlachs. Fein geschnittenes Gemüse gibt der Bouillabaisse zusätzliche Frische. Dazu gibt es Weißbrot und Rouille, eine würzige Mayonnaise mit Knoblauch – eine wirklich runde Sache.

Zu den Klassikern der Karte zählt der Hauptgang “No 1”: Steinbuttfilet, Jakobsmuschel und gebratene Tiger Prawn ruhen auf einer feinen Hummer-Sahnesauce. Als Beilage serviert die Küche Marktgemüse (34 Euro). Die Idee zum Scampi-Gröstl (26 Euro) kam Sulzmann, als er den Kühlschrank öffnete und nur Scampi, Kartoffeln und Kirschtomaten fand. Er warf alles zusammen in die Pfanne – und kreierte so ein neues Gericht. Die Sauce mit Thai-Ingwer, Zitronengras, Honig, roter Paprika, Essig, Chili und Rohrzucker verstärken die süßlich-pikanten Geschmacksnuancen. Allenfalls eine geringe Prise Salz mehr wäre wünschenswert gewesen. Fehlen darf auch nicht der “Seehaus Fischteller” mit gebratenen Filets nach Tagesangebot, frischem Blattspinat und Pellkartoffeln (25 Euro).

Zu dem Fisch passt der Lugana aus dem Veneto (0,2 Liter für 7,50 Euro) ausgezeichnet. Daneben kann der Gast aus rund 80 verschiedenen Flaschenweinen (von 30 Euro an aufwärts) wählen. Wer keinen Fisch mag, muss im Kleinen Seehaus genauso wenig verzichten: Je nach Saison steht auch Wild aus der Region auf der Karte. Zu den Hauptgängen gibt es Wiener Schnitzel aus der Kalbslende mit Bratkartoffeln und Preiselbeeren (24 Euro) oder Rinderfilet mit sautierten Pfifferlingen, Marktgemüse und Rösti (35 Euro). Zum Nachtisch locken Erdbeer-Rhabarbergrütze oder Schokoladentarte mit Maracujasorbet.

“Das war praktisch eine Bretterbude”

Der 52-jährige Sulzmann hat im Königshof in München Restaurantfachmann gelernt. Er arbeitete in exklusiven Häusern in der Schweiz , organisierte Banketts für tausende Gäste und war auch schon Geschäftsführer der Ochsenbraterei auf dem Münchner Oktoberfest. 1995 machte er sich selbständig und pachtete das Gasthaus “Fischerrosl” in St. Heinrich.

1996 kam der Kiosk am früheren ADAC-Badegelände dazu – dem heutigen Standort des Seehauses. “Das war praktisch eine Bretterbude”, erzählt Sulzmann. Um das Jahr 2000 herum gab er die “Fischerrosl” auf, um das kleine Holzgebäude zum heutigen Restaurant auszubauen. Er hat selbst angepackt, Fliesen verlegt, Decken und Wände isoliert. Eine Hecke mit Rosen grenzt die Terrasse zum übrigen Gelände ab. “Jedes Jahr bauen wir ein bisschen um.”

Für Hochzeitsgesellschaften, die das Restaurant wegen des romantischen Ambientes buchen, bereitet Sulzmann auch Speisen an verschiedenen Ständen zu. “Wir machen zehn bis zwölf Gänge. Direkt vor den Augen der Gäste bereiten wir etwa Lambchops, Bouillabaisse oder Thai-Curry zu.” Die beiden letzteren Gerichte serviert das Küchenteam auch in der Beach-Bar. Die ist bei jungen Leuten und bei Eltern mit Kindern beliebt. Die Kleinen können im Sand spielen, während die Erwachsenen ihren Sundowner genießen.

Im Restaurant ändert sich die Speisekarte mit wenigen Gerichten alle paar Wochen, ganz nach der Philosophie von Tauber und Sulzmann: “Weniger ist oftmals mehr.” Regelmäßig helfen auch die beiden 18 und 20 Jahre alten Söhne von Sulzmann mit. Und wenn der Wirt einen Ausgleich sucht, mäht er den Rasen auf dem rund 40 000 Quadratmeter großen Badeareal. Für dessen Pflege ist das Wirtspaar auch noch zuständig.

Mit der von Wasser umspülten Halbinsel und dem gemütlichen Restaurant verbindet Sulzmann eine ganz besondere Beziehung. Ganz in der Früh, noch bevor die ersten Gäste kommen, setzt er sich gerne vor die Terrasse und genießt das Panorama. “Das ist Balsam für die Seele.”