Von der See an den See

Das Wirtspaar der “Fischerrosl” in St. Heinrich stammt aus Büsum und Maising – und vereint das Beste beider Welten.

Die Fischerrosl hat den kleinen Ort St. Heinrich am Starnberger See berühmt gemacht. Schließlich war die gleichnamige Erzählung, die der Schriftsteller Maximilian Schmidt 1885 als eine von vier “Starnberger-See-Geschichten” König Ludwig II. widmete, im 19. Jahrhundert ein Bestseller. Auch heute noch ist die Fischerrosl von St. Heinrich überregional bekannt. Allerdings nicht wegen der anrührigen Liebesgeschichte von der begnadeten Fischerin, die sich zwischen dem Jäger Castl und dem Fischer Toni entscheiden muss, mit der Schmidt ein farbiges Bild des Lebens am Starnberger See um 1840 hinterlassen hat. Sondern wegen des Gasthauses, das nach seiner Romanfigur benannt ist. Das prominent zwischen Beuerberger- und Buchscharnstraße gelegene Haus aus dem 16. Jahrhundert wird von Gästen aus der gesamten Region, aus München und von Touristen besucht, die vor allem eines wollen: guten Fisch essen.

Dass die Fischerrosl heute wieder für Qualität steht, liegt an den Wirten Kai und Magdalena Michaelsen. Als sie die Wirtschaft 2003 übernommen haben, waren die Voraussetzungen andere: Das Gasthaus, in den Achtzigerjahren noch beliebtes Ausflugsziel für ein gehobenes Münchner Publikum, hatte längst einen schlechten Ruf. “Die Fischerrosl war am Boden, als wir sie übernommen haben”, sagt Kai Michaelsen. Das habe nicht nur für die Küche gegolten, sondern auch die Einrichtung: Die Tische in der dunklen Gaststube seien nach Art der Siebziger mit Holzgittern abgetrennt gewesen, “wie im Gefängnis”, sagt Michaelsen. Aber: “Ich habe das alte Haus gesehen und mich gleich verliebt.”

Für das junge Paar war die Übernahme des Betriebs ein Wagnis, aber auch ein Traum. “Unser Ziel war immer die Selbständigkeit”, sagt Kai Michaelsen. Der gelernte Koch stammt aus Büsum an der Nordsee und kam vor 20 Jahren nach Starnberg, wo er seine Frau kennenlernte. Magdalena Michaelsen ist in Maising aufgewachsen, wo ihre Eltern einen landwirtschaftlichen Betrieb hatten, und arbeitete nach dem Abitur als Aushilfe in der Wirtschaft “Waldhaus”, die Kai Michaelsen ein Jahr lang führte. Als die Fischerrosl zur Pacht stand, erzählt sie, habe sie der alte Gasthof zunächst abgeschreckt: “Ich wollte lieber was Neues.” Heute aber liebe sie die “warme Atmosphäre” des Hauses.

In der Küche hat die bayerisch-holsteinische Ehe einen kulinarischen Ausdruck gefunden. Die Fischerrosl vereint das beste aus zwei Welten: dem See und der See. Zwar finden sich auf der Karte auch schmackhafte Fleischgerichte wie Zwiebelrostbraten und Tafelspitz. Das Hauptaugenmerk aber gilt dem Fisch. Schon der “kleine Gruß aus der Küche” ist vielversprechend: ein zartes Stück geräuchertes Saiblingsfilet auf knackigem, hauchdünn geschnittenen Fenchelsalat. Die Vorspeisenvariation für zwei liefert dann die ganze Essenz von Michaelsens Philosophie: Perfekt glasig gegrillte Scampi mit Aioli, dazu erneut der feste, dezent würzige Räuchersaibling, der hervorragend zum knusprigen Kartoffelrösti mit Crème fraîche schmeckt. Eine Offenbarung ist der Matjes von der Renke, den die benachbarte Fischerin Susanne Huber selbst herstellt: ebenso butterzart, aber lange nicht so salzig wie sein Namensgeber vom Hering, sondern unaufdringlich mild, mit leichter Wacholdernote. Dazu gibt es Räucherlachstatar, Kartoffelrösti und selbstverständlich Büsumer Krabben, die bei der “Fischerrosl” immer im Sortiment sind. Bestens begleitet wird die geschmackliche Seefahrt vom empfohlenen Weißwein, einer sommerlich-leichten Cuvée aus Rheinhessen.

Als Hauptgerichte kommen ein Saibling nach Müllerin Art und das “Büsumer Fischpfanderl”: Der Saibling stammt von der Ammerländer Fischerei Sebald und ist auf den Punkt gebraten, sein rosa Fleisch fest, aber nicht trocken, die Haut knusprig. Dazu Petersilkartoffeln und Salat, mehr braucht es nicht. In der gusseisernen Pfanne kommen Filets von Zander, Renke und Wolfsbarsch, ebenfalls mit kross gebratener Hautseite, Scampi und ein Stück Lachs auf einer cremigen Hummersauce mit edler Krustentiernote. Dazu gibt es reichlich lockeren Duftreis. Alle drei Teller sind mit Preisen zischen 20 und 25 Euro nicht billig, die Portionen aber großzügig. Zum Abschluss bringt die freundliche Kellnerin eine cremig-feste Schmandtarte mit Karamellkruste an roter Grütze mit Sahne und eine luftige Toblerone-Mousse mit Ananasstückchen.

Kai Michaelsen, der sich selbst einen “Fischkopf” nennt, steht seit vier Jahren nicht mehr selbst in der Küche und setzt auf sein gut eingespieltes Team. “Die Qualität ist das A und O”, sagt er. “Der Gast muss sich darauf verlassen können.” Es gehe nicht nur darum, ein Niveau zu erreichen, man müsse es auch halten. “Der Fisch darf nicht am Mittwoch hervorragend schmecken und am Samstag, wenn das Haus voll ist, trocken sein.” Michaelsen spricht als Restaurantbesitzer. Denn nach fünf Jahren Pacht haben er und seine Frau das Haus, das einmal das älteste Fischereirecht am Starnberger See hatte, 2008 gekauft – bei einer Zwangsversteigerung. Der Besitzer war insolvent, “eine dramatische Geschichte”, wie sich Michaelsen erinnert. 800 000 Euro hätten sie für das Haus bezahlt – “aus heutiger Sicht ein Schnäppchen”. Die Gaststuben sind stilvoll eingerichtet und haben mit ihren knarzenden Eckbänken und Holzdecken den antiken Charme behalten. An schönen Tagen aber sitzt man draußen. Dass die Terrasse an einer viel befahrenen Straße liegt, stört die Gäste nicht. Die Tische sind selten frei.

Jahrelang haben Magdalena und Kai Michaelsen in Seeshaupt gewohnt. Vor einem Jahr sind sie mit ihrer dreijährigen Tochter Johanna nach Vohburg bei Ingolstadt gezogen, wo sie ein Hotel betreiben. Nach St. Heinrich kommen sie nur noch an zwei Tagen pro Woche: sie montags, er freitags. “Wir sind jetzt eher verwaltend tätig. Aber unser Herzblut steckt noch in der Gastronomie”, sagt Magdalena Michaelsen. “Die Rosl”, fügt die 37-Jährige zärtlich hinzu, “ist schließlich auch unser Kind.”



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