Von der Tafel auf den Tisch

Wenig Schnick-Schnack, hier zählt das Wesentliche: Das “Goldmarie” im Schlachthofviertel punktet mit Essen, Wein und Atmosphäre.

“Oh, ja das ist gut, dass Sie anrufen”, sagt die Dame am Telefon, als wir einen Tisch reservieren wollen. Was soll das heißen? Ist das Restaurant so ausgebucht, dass wir Glück haben können noch ein Plätzchen zu ergattern oder freut die Dame sich über die Aussicht auf Kundschaft? Immerhin wollen wir montags kommen, nicht gerade der meistfrequentierteste Tag zum Ausgehen.

Als wir im “Goldmarie” in der Schmellerstraße stehen, wird uns klar: Hätten wir nicht reserviert, hätten wir jetzt keinen Platz. Im Laufe des Abends kommen immer wieder Gäste, die sich freuen, dass sie sich bei uns noch dazu setzen können, bevor wieder ein Tisch frei wird. Dann verabschieden sich unsere zeitweiligen Tischnachbarn wieder, um die freigewordenen Plätze zu ergattern.

Die Einrichtung ist schlicht und angenehm unaufgeregt. Vom Vorgänger-Lokal “Zum Schmeller” wurden die Holzbank übernommen, die sich fast durch den ganze Raum zieht und auch die dunklen Holzvertäfelungen im Eingangsbereich sind noch da. Sie stehen zwar im Kontrast zu den hellen, unlackierten Holztischen, machen das Lokal aber auch gemütlich. Die restliche Dekoration besteht aus mattgoldenen Decken- und Wandlampen und Kerzenlicht auf jedem Tisch.

Zungen-Bizzler und Sattmacher

Wir bestellen einen badischen Grauburgunder (0,2l, 5,30 Euro), der sehr aromatisch ist und auf der Zunge bizzelt und einen Rotwein aus Apulien (0,2l, 4,80 Euro) – auch er mit viel Aroma und Geschmack – sowie eine Flasche Wasser (0,75l, 4,20 Euro). Dann studieren wir die Karte. Die gibt es im “Goldmarie” mit Kreide auf einer Tafel angeschrieben. Wenn man gestern hier etwas Leckeres gegessen hat, kann man nicht davon ausgehen, es morgen wieder zu bekommen – die Gerichte wechseln ständig. Küchenchefin Julia Schneider hat sich zum Ziel gesetzt, immer das auf die Teller zu bringen, was die jeweilige Saison bietet – Pfirsiche im Dezember wird man im “Goldmarie” nicht finden.

Als Vorspeise wählen wir einen Frühlingskräutersalat mit karamellisierten Äpfeln und Croutons (5,10 Euro) und geröstetes Bauernbrot mit Rucola, marinierten Bohnen und Pecorino (4,20 Euro). Allerdings kommt die Kellnerin sofort mit unserem Hauptgang und wir müssen daran erinnern, dass wir auch eine Vorspeise bestellt haben. Der Hauptgang wandert zurück und wir können uns kurz Zeit später der Vorspeise widmen.

Beim Frühlingskräutersalat tummelt sich viel knackiges Grünzeug auf dem Teller. Lediglich ein paar Apfelstücke und Croutons mehr wären schön gewesen, um das sehr zitronige Dressing ein wenig zu neutralisieren. Das geröstete Bauernbrot ist eine gute Idee für eine kleine Mahlzeit und leicht zuhause nachzumachen. Es türmt sich ein Berg aus Rucola, Bohnen und Käse auf der dicken Scheibe mit toller, fester Kruste, was sehr gut zusammenpasst. Leider ist es als Vorspeise fast zu sättigend und bietet sich daher an, wenn man beim Ausgehen noch Lust auf etwas zwischen den Zähnen bekommt.

Seite 2: Das Zeug zur Lieblingskneipe

Während eine Bedienung unsere leeren Teller wegräumt, kommt die andere schon mit dem Hauptgang – hoffentlich wurden unsere zu früh gebrachten Gerichte einfach auf die Wärmeplatte gestellt . Auf einem Teller häuft sich ein Berg Linguine mit Lammragout (9,10 Euro). Die Nudeln sind bissfest, zum Glück sind die Restaurant-Tester Al-dente-Liebhaberin. Beim Fleisch dagegen ist Kauen fast nicht mehr nötig – so zart ist es, dass es fast von allein im Mund zerfällt.

Der andere Teller sieht auf den ersten Blick unspektakulär aus: Südtiroler Kasnocken (6,50 Euro) liegen sternförmig beieinander, zerlassene Butter und Parmesan um sie herum. Farblich macht das nicht viel her, aber geschmacklich. Die dicken Griesnocken sind fein gewürzt und von Käse durchzogen, mehr als warme Butter und ein bisschen Parmesan braucht es da nicht. Bei den ausreichenden aber nicht überbordenden Portionen, bleibt Platz für ein Dessert.

Das Zeug zur neuen Lieblingskneipe

Zwei Alternativen stehen zur Auswahl, die wir beide probieren wollen. Österreichische Palatschinken kommen mit warmer Marillenmarmelade (2,90 Euro), die Panna Cotta mit schwarzer Johannisbeersauce (4,10 Euro). Beides nicht spektakulär, aber gekonnt zubereitet. Dazu trinken wir einen Riesling aus der Nahe-Region (0,2l, 5,30 Euro) und eine Rotwein-Cuvée aus Terra Alta in Spanien (0,2l, 4,50 Euro). Wieder ein Volltreffer, beide Weine schmecken ausgezeichnet.

Ein rundum gelungener Abend, mit angenehmem Publikum und nettem Service, der wahrscheinlich noch zuvorkommender gewesen wäre, wenn eine Person mehr mitgeholfen hätte – aber bei erst wenigen Wochen Öffnungszeit sind solche Fehlplanungen verzeihbar. Das “Goldmarie” könnte für die Bewohner des Schlachthofviertels zu einer neuen Lieblingskneipe werden. Ein Besuch macht Lust auf mehr.

Goldmarie, Schmellerstraße 23, 80337 München. Telefon: 089/51669272. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 18 bis 24 Uhr.



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