Weggehen im Wohnzimmer des Zugvogels

In der Bar Holzkranich in der Maxvorstadt bekommt feine Cocktails in gemütlichem Ambiente – allerdings zunächst nur für ein Jahr.

Vor zwei Monaten ist er in der Maxvorstadt gelandet, der Holzkranich. Hat sich ein Nest gebaut in einem ehemaligen Literaturcafé in der Georgenstraße. Nicht dort, wo die anderen Bars und Restaurants hausen, sondern etwas westlich des Josephsplatzes. Das stört ihn aber nicht weiter, denn sein Nest füllt sich in schöner Regelmäßigkeit mit Gästen. Trotz oder gerade wegen seiner Lage.

Großgezogen haben den Holzkranich Michael Pointl, Michael Meleschko und Robert Benke, die ansonsten gemeinsam Sonntags-Open-Air-Feste, Streetfoodmärkte oder Clubparties organisieren. Die Ayinger Brauerei, mit der sie dafür zusammenarbeiten, hat ihnen den leer stehenden Raum in der Maxvorstadt angeboten. “Wir haben nicht lange überlegt”, sagt Michael Pointl. Eine eigene Bar zu eröffnen, das war auch für die drei Veranstalter ein Traum. Und die Räumlichkeiten in der Georgenstraße sind eine geeignete Spielwiese: Das Lokal verteilt sich auf zwei Ebenen, auch ein Keller gehört dazu. Wohnzimmer, Esszimmer und Spielzimmer nennen sie die Bereiche jetzt liebevoll.

Die Sommerwochenenden verbrachten Michael Pointl, Michael Meleschko und Robert Benke auf Flohmärkten, bei Antiquitätenhändlern und Trödlern. So verwundert es nicht, dass das Wohnzimmer, welches der Gast als erstes betritt, aussieht wie die gute Stube der Großeltern. Quietschende Sessel, ein breites Sofa, bunt gemusterte Teppiche und eine Wand voller Bilder: Abbildungen von München, gezeichnete Landschaften, Scherenschnitte, aber auch leere Bilderrahmen hängen an der Wand.

Über eine Treppe gelangt der Gast zu dem als Esszimmer firmierenden Raum. Hier kann er am Tresen sitzen oder mit seinen Freunden an einem der Tische Platz nehmen – wenn denn gerade einer frei ist. Und ein Tisch kann durchaus praktisch sein, denn im Holzkranich gibt es nicht nur Getränke, sondern auch Brotzeiten. Einfache Kost, für deren Zubereitung keine Lehre in einem Fünf-Sterne-Haus nötig ist: Fleisch- oder Gemüsepflanzerl mit Kartoffelsalat, Couscous- oder Linsen-Bulgur-Salat, alles für jeweils 6,90 Euro; Brotzeitbretter, Antipasti oder Brote mit Aufstrichen, vom Obazda mit Brot für 4,90 Euro bis zum großen Brotzeitbrettl für 18,90 Euro für zwei bis vier Personen.

Eine faire Preisgestaltung also, was in der Gegend durchaus geschätzt wird. Vor allem ältere Studenten finden sich im Wohn- und Esszimmer ein, trinken ein halbes Helles vom Fass gezapft für 3,50 Euro, Longdrinks (8,50 Euro) oder einen Gin Basil Smash (9,50 Euro). Die Cocktailkarte ist, wie auch das Sortiment der Küche, klein, aber sorgsam ausgewählt.

Der Vertrag für den Laden ist befristet

Das Spielzimmer im Keller wird nur geöffnet, wenn es vermietet wird. Geschlossene Gesellschaften können hier gegen einen Mindestumsatz unter sich sein.

Wenn der Frühling wieder kommt, werden die Gäste des Holzkranichs ihre Nasen auf der Terrasse in die Sonne halten können. Es wird auch darüber nachgedacht, die großen Glasscheiben gegen Fenster auszutauschen, die man öffnen kann. Das hängt allerdings davon ab, wie der windschnittige Vogel seinen ersten Winter in München erlebt und ob er länger als ein Jahr bleiben wird. Vorerst ist der Vertrag auf ein Jahr befristet. So kam Pointl, Meleschko und Benke auch die Idee, sich den Namen eines Zugvogels für ihr Lokal zu leihen.

Derweil machen es sich die Gäste des Kranichs auf den federnden Sesseln bequem oder lehnen am Tresen, manche tragen Perlenohrringe, manche eine Punkfrisur. Es ist ein entspanntes Beisammensein bei Musik in Zimmerlautstärke.

Wer nachts durch den dunklen Straßenzug streift, kommt nicht umhin, einen kurzen Blick in das belebte Wohnzimmer zu werfen. Warm und gemütlich sieht es hinter dem Schaufenster aus. Wie in einem Nest.