Wie bei Oma im Garten

Mit ihrem Eckcafé hat sich Julia Tripp in Haidhausen ein gastronomisches Zuhause geschaffen. Bis ihre Gäste wieder auf ihrer kleinen Terrasse sitzen dürfen, serviert sie ihnen Stullen, Kuchen und Drinks zum Mitnehmen.

Als Julia Tripp den Mietvertrag für das kleine Eckcafé in Haidhausen unterschreibt, ist der erste Lockdown gerade vorbei. Hätte sie mit dem Wissen, dass auf den ersten ein zweiter und ein dritter Lockdown folgen würden, trotzdem unterschrieben? Die 35-jährige Münchnerin weiß es nicht – und ist eigentlich froh, dass sie es damals nicht wusste. Denn sonst gäbe es das Stulle und Stoff an der Metz-/Ecke Preysingstraße heute vielleicht nicht.

Tripp ist gelernte Köchin, lange hat sie auf hohem Niveau gekocht. "Das ist wahnsinnig anstrengend", sagt sie heute über diese Zeit. So anstrengend, dass sie sich zwischenzeitlich komplett aus der Gastro-Szene verabschiedete – nur um dann doch wieder im Preysinggarten zu bedienen und im Polka als Köchin anzuheuern. In dieser Zeit merkte sie, dass sie sowohl gerne kocht, als auch gerne Kontakt zu den Gästen hat. Beides, so dachte sie sich, geht nur mit einem eigenen Laden.

Dass dann das kleine Eckcafé in Haidhausen eben dieser Laden wurde, war trotzdem eher Zufall, und ja: auch Glück. Denn trotz Pandemie interessierten sich auch viele andere für das Café, als die vorherige Betreiberin bekanntgab, dass sie aufhören wollte. Als Tripp davon erfuhr, ging sie jeden Tag dort Kaffee trinken und so ergab das eine das andere. Und obwohl Tripp eigentlich überlegt hatte, mal das Viertel zu wechseln und zum Beispiel im Westend einen Laden zu mieten, ist sie heute froh, dass sie nur drei Minuten zur Arbeit braucht. Denn trotz Lockdown, verkürzter Öffnungszeiten und reinem To-go-Geschäft haben ihre Tage gerade gut und gerne einmal bis zu 16 Stunden. "So ist das eben, wenn man sich selbstständig macht", sagt sie.

Was gibt es da und was kostet es?

Obwohl Tripp jahrelang in gehobenen Restaurants am Herd stand, kocht sie in ihrem eigenen Laden bevorzugt einfache Gerichte zu fairen Preisen. Neben täglich wechselnden Mittagsgerichten bekommt man bei ihr und ihrem kleinen Team zudem alles, was man für ein Frühstück auf die Hand braucht: Cappuccino (2,80 Euro), Matcha Latte (3,40 Euro), heiße Zitrone (2,80 Euro) und frisch gepressten Orangensaft (0,2 l für 3,60 Euro, 0,4 l für 5,60 Euro) und dazu je nach Wunsch Süßes oder Herzhaftes.

Probieren sollte man auf jeden Fall die namensgebenden Stullen. Zur Auswahl stehen verschiedene Toasts (je 3,40 Euro) – etwa mit Salami-Mozzarella, dreierlei Käse und Schmorzwiebeln oder Kimchi-Mayonnaise und Cheddar – aber auch ein Focaccia mit Wasabi-Mayo, Rotkraut und Pilzen (5,40 Euro) sowie ein Thunfisch-Tramezzini (3,60 Euro) und belegte Semmeln (ab 3,40 Euro).

Wer es morgens lieber süß mag, der kann einen Blick in die Vitrine des Cafés werfen: Ein paar Kuchen-Klassiker gibt eigentlich immer, andere Sorten variiert Tripp, je nachdem, was gerade Saison oder worauf sie selbst Lust hat. Das gilt im Übrigen für alles, was sie in ihrer kleinen Küche zaubert. Jeden Tag das Gleiche kochen, das wäre ihr zu langweilig, sagt sie.

Manche Sachen schmecken aber auch ihr selbst so gut, dass sie immer auf der Karte stehen: Zum Beispiel der Toblerone-Brownie (2,80 Euro), dessen Rezept sie von ihrem einstigen Chef Dieter Sögner, der auf Mallorca das Restaurant "Colón" betreibt, gelernt hat. "Der ist simpel und einfach auf den Punkt", findet Tripp. Sehr beliebt sei allerdings auch ihr Rübli-Dinkel-Limetten-Kuchen.

Noch macht das Stulle und Stoff spätestens um 18 Uhr zu. Wenn Tripp allerdings, wie sie hofft, demnächst ihre Ausschankgenehmigung bekommt und ihre Gäste wieder auf der kleinen Terrasse vor dem Café Platz nehmen dürfen, dann will sie erst um 21 Uhr schließen und bis dahin Drinks ausschenken. Das ist, anders als man zunächst denken könnte, der Stoff im Namen. Wobei guter Stoff für Tripp nicht nur Alkohol, sondern auch gute Gespräche und andere gute Dinge sind, die das Leben lebenswert machen. Schon jetzt gibt es den guten, alkoholischen Stoff in Form von Augustiner und Radler (je 2,50 Euro), Weinschorle (5 Euro), Vodka Spicy Ginger (7,50 Euro) und Aperol Spritz (6,50 Euro) zum Mitnehmen. All das passt im Übrigen auch bestens zum Brunch im Freien an einem sonnigen Wochenende.

So ganz daneben liegt aber übrigens auch nicht, wer bei Stoff tatsächlich an Textilien denkt. Denn: Julia Tripp entstammt der Familie Schmittner. Ihre Mutter hat heute noch ein gleichnamiges Gardinengeschäft, das nur wenige Minuten vom Café entfernt liegt. Und der Urgroßvater, daran hat sich Tripps Großvater erinnert, als er das erste Mal ins Café kam, hatte von 1933 bis 1935 sein Textilwarengeschäft sogar im gleichen Haus, in dem seit Februar das Stulle und Stoff zuhause ist. Obwohl Tripp eigentlich nicht besonders abergläubisch ist, hält sie das für ein gutes Omen.

Wer geht da hin?

Noch darf Tripp all ihre Gäste nur über den provisorisch installierten Tresen an der Tür bedienen. Schon jetzt kann man sich aber vorstellen, dass ihr das gelingen könnte, was ihre Vorgängerinnen aus irgendeinem Grund nicht geschafft haben: auf Dauer einen Ort zu schaffen, an dem Menschen sich wohlfühlen. Geht es nach der neuen Inhaberin, dann sollen sich die Menschen bei ihr fühlen "wie bei Oma im Garten, wo man auch mal die Schuhe ausziehen kann". Und nicht nur für ihr Gäste will Tripp so einen Wohlfühlort erschaffen. Auch für sich selbst sucht sie nach all den Jahren, in denen sie mal hier, mal dort gearbeitet hat, ein gastronomisches Zuhause.

Solange man noch nicht in dem kleinen, gemütlich eingerichteten Café Platz nehmen darf, kann man es sich entweder gleich auf der Parkbank direkt gegenüber gemütlich machen oder man spaziert mit Kaffee und Kuchen durchs Viertel.

Übrigens: Wenn Tripps Idee aufgeht, dann kann man sich ihre Stullen und ihren Stoff schon bald auch nach Hause liefern lassen, zumindest wenn man in Haidhausen wohnt. Zusammenarbeiten will sie hierfür nicht mit großen Lieferdiensten wie Lieferando oder Wolt, die für kleine Läden kaum rentabel sind, sondern sie will einen eigenen kleinen Lieferdienst auf die Beine stellen, am liebsten mit ein paar anderen inhabergeführten Cafés aus dem Viertel. Bis es so weit ist, kann man sich die Zeit, in der man vor dem Eckcafé auf seine Bestellung wartet, aber auch mit einem Ratsch mit Tripp vertreiben oder schon einmal ein Guttisackerl mit Süßigkeiten (1,20 Euro) vernaschen.

Stulle und Stoff, Metzstraße 37, 81667 München, vorübergehende Öffnungszeiten: Di. bis Do. 8 bis 16 Uhr, Fr. 8 bis 18 Uhr, Sa. u. So. 10.30 bis 18 Uhr, Instagram: @stulle_stoff