Wie damals am Strand

Die Speisekarte ist voll mit allem, was man aus dem Urlaub kennt: Das Restaurant Dionysos in München-Obermenzing versteht sich auf griechische Klassiker von Auberginensalat bis Zaziki. Erfreulicherweise hat Wirt Tryfon Tsagdis die Preise der Umgebung angepasst.

Der Grieche hat sich zur Bewältigung der Alltagsprobleme einen gewissen Pragmatismus angeeignet. Dazu gehört, dass er mit Emotionen im Vergleich zu anderen Mittelmeervölkern eher gelassen umgeht. Findet er etwas angemessen gelungen, sagt er “endaxi”, was man in Bayern in etwa mit “haut scho” übersetzen könnte. Ist dagegen etwas ganz außergewöhnlich gut, kommt ihm schon mal ein “einai katapliktiko” über die Lippen. Was man am besten mit “das ist aber saugut” ins Bairische übertragen könnte.

Nimmt man diese beiden Begriffe und bringt sie in Zusammenhang mit dem griechischen Lokal Dionysos in Obermenzing, dann kann man sagen, dass der Wirt Tryfon Tsagdis mit der Rückkehr in seine Wahlheimat München eine Entscheidung getroffen hat, die er wohl mit mindestens “endaxi” bewerten würde. Die Obermenzinger aber riefen damals, vor drei Jahren, ganz laut “einai katapliktiko!”

In dem Haus gibt es ein W-Lan-Netzt namens “Zockerhöhle”

Denn nun war ja “ihr Grieche” wieder da, den sie schmerzlich vermisst hatten. War es doch so, dass Tsagdis und seine Familie Anfang des Jahrtausends beschlossen hatten, ihr Lokal in der Verdistraße aufzugeben, um zurückzukehren in die geliebte Heimat nahe Pylos an der Westküste des Peloponnes. Dorthin, wo ein sensationell feiner Rosé wächst; dorthin, wo Berge und Meer eine wunderbare Symbiose eingehen; dorthin, wo Griechenlandkenner die beste Küche (neben der des Dodekanes) geortet haben.

Was ihn dann bewog, nach einiger Zeit doch wieder die Koffer zu packen und nach Obermenzing zurückzukehren, ist wohl Familiensache. Jedenfalls war da ein Wirtshaus frei geworden gleich bei der Abbiegung von der Verdi- in die Pippingerstraße, ein Haus zwar mit zweifelhaftem Ruf (noch immer leuchtet auf dem Handydisplay die W-Lan-Verbindung “Zockerhöhle” auf), aber mit ein paar Strichen hübsch renovierbar und im besten Sinne verkehrsgünstig gelegen.

Kulinarisch, oder um es im Altphilologischen verwurzelt zu sagen: Lukullisch fing man im Dionysos wieder dort an, wo man einst aufgehört hatte – mit der klassischen hellenischen Küche. Wobei klassisch bedeutet, dass es sich vornehmlich um Gerichte handelt, die vor allem auf den Inseln in der Post-Zorbas-Phase kreiert wurden, um dem aufkeimenden Tourismus gerecht zu werden. Bis dahin war ja Griechenland vor allem auf dem Lande eher vegetarisch geprägt. Man kannte kaum Butter, hatte man doch herrliches Olivenöl. Und Viehwirtschaft war größtenteils dem Norden vorbehalten.

Nun aber ist die Speisekarte voll mit allem, was man vom Urlaub her kennt: kalte Vorspeisen von Auberginensalat bis Zaziki, warme von Dolmades bis Saganaki, alles reichlich und mit Liebe und Können zubereitet (der gemischte Teller jeweils 15,50 Euro). Fleischfans kommen beim Griechen heutzutage ohnehin voll auf ihre Kosten.

Um sich einen hurtigen Überblick zu verschaffen, nutzten Ivan Lende und die Seinen das sehr griechisch pragmatische Angebot der gemischten Platten vom Paros-Teller über die von Kos und Santorin bis zu dem von Athen (11,50 bis 13,80). Sie unterscheiden sich in den Kombinationen aus Kalamari, Souflaki, Gyros und Lammkotelett, alles war angenehm deftig gewürzt – aber mit den Küchen der namensgebenden Inseln und der Hauptstadt haben sie nichts zu tun.

Der Vegetarier ordert am besten einen selbst kombinierten großen Vorspeisenteller oder greift, wenn es ihm seine Lebenseinstellung erlaubt, zum Fisch (12,20 bis 18,90). Die Dorade in Olivenöl und Zitrone jedenfalls wurde mit dem Satz geadelt: “Schmeckt wie damals in Nidri!” Damals in Nidri war es die beste Dorade des Lebens. Ebenfalls zu den Klassikern gehört Stifado (12,90), eine Art Kalbsgulasch mit ganzen Zwiebeln und einer Prise Zimt, beides wohl geraten und von erlesener Zartheit.

Preise der Umgebung angepasst

Zur Sensation geriet die Nachspeise, die mangels Platz im Magen aus einer Portion Baklava für alle bestand (3,90). Dieses eigentlich türkische Dessert war dermaßen gut gelungen, dass alle am Tisch mit sich haderten, vorher alles aufgegessen zu haben, offenbar eine unausrottbare deutsche Eigenart, über die Griechen nur lächeln können. Hier jedenfalls hatte die Küche eine so perfekte Ausgewogenheit zwischen Honig und den weiteren Ingredienzien erreicht, dass spätestens jetzt ein Wiederkommen beschlossen wurde – bei Dionysos, dem Gott des Weines und der Ekstase.

Die Weine sind guter griechischer Durchschnitt, am besten schmeckte der weiße Mantinia von der Ostseite des Peloponnes (0,2 Liter für 4,40). Vielleicht sollte Tryfon Tsagdis den Rosé aus seiner Heimat importieren. Das wäre ein Grund mehr, nach Obermenzing zu pilgern. Apropos Obermenzing: Die Preise sind hier der Umgebung angepasst. Die gehobene Bürgerschicht spart nicht beim Griechen, sondern holt sich hier auch und gerade im Winter ein bisschen Urlaubsgefühl.