Wirtshaus mit Launen

Der Weinbauer in Schwabing hat alles, was ein bayerisches Lokal ausmacht – und noch ein bisschen was aus internationalen Küchen. Speisen und Bedienungen lassen Raum für Diskussionen – und bayerische Traditionspflege.

Es war Zufall und eine plötzliche Erinnerung an alte Zeiten. Zwischen einem Nachmittags- und Abendtermin trieb sich Ivan Lende an der Münchner Freiheit herum, bekam Hunger und beschloss, einen lange nicht mehr gesehenen Bekannten aufzusuchen: das Wirtshaus Weinbauer in der Fendstraße, einem kleinen Gässchen stadteinwärts parallel zur grässlichen Feilitzschstraße verlaufend. Kaum war die Türe aufgestoßen, schoben sich die Gedanken an früher ganz weit nach vorne. An große Trinkabende, an große Schnitzel, an große Soli beim Schafkopfen .

Mit letzter Erinnerung outet sich Lende zwar als alter Sack, weil Schafkopfen in den meisten Wirtshäusern vor gefühlt zehn Generationen der Gewinnmaximierung geopfert wurde. Aber diese Atmosphäre von holzgetäfelten dunklen Wänden, gemütlichen Holztischen und fröhlichem Gebrabbel an den Tischen, sie ist so wie damals, als natürlich alles besser war. Zumindest hat die Halbe damals noch keine 8,20 Mark gekostet, sprich 4,10 Euro.

Ein Freund Lendes hatte, nachdem dieser von einem ersten Testbesuch im Weinbauer erzählte, seinen Vater zitiert, einen echten Altschwabinger, der beklagte, man sei dort als oft tagende Runde älterer Anrainer nicht mehr gern gesehen, weil man nur sitze, ratsche und trinke, anstatt flugs zu speisen und den Tisch zu Wiederbesetzung freizumachen. Lende widersprach: An mindestens drei der ohnehin nur ein gutes Dutzend Tische im Hauptraum (dazu kommen noch das kleine Jagdstüberl und das Gamsstüberl mit nur einem Tisch!) hätten potenzielle Mitglieder der Grauen Panther gesessen und sich köstlich amüsiert. Ein andermal aber, es war ein früher Samstagabend, war der ganze Weinbauer voller Jugend, nur Lende & Co. hoben das Durchschnittsalter etwas über die Twen-Grenze.

Die Eindrücke sind unterschiedlich

Ähnlich unterschiedlich auch der Eindruck, was Service und Küche angeht. Einmal von erlesener Freundlichkeit (“Passt der Tisch oder wollen S’ woanders sitzen?” inklusive sofort servierter Hundetränke), dann wiederum – nach Reservierung für vier Menschen inklusive Hund – ein harscher “Hier!”-Befehl – an den engsten aller Tische, obwohl der Rest noch fast völlig frei war. Dann wieder Köstlichstes aus der Küche: ein Biergulasch (13,90), saftig, zart und mit sämiger Soße mit dem typisch leichten Bittergeschmack der Grundflüssigkeit, dazu ein Weinbauern-Schnitzel (11,90), welches im weitesten Sinne ein Münchnerisches war, das sich vom Wiener durch die Behandlung der Schweineoberschale mit Senf und Meerrettich unterscheidet und sowohl durch Größe als auch Zartheit beeindruckte.

Ein andermal eine Pfannkuchensuppe (4,20), deren Namensgeber verkocht war und die der ihr gewidmeten Empfehlung auf der Speisekarte (“A guade Rindskraftbrüh richt da d Wadl viere”) Hohn lachte. Ja, jetzt ist es heraus: Auch der Weinbauer pflegt jenes Speisekartenbairisch – garniert mit der Ablichtung eines jungen Mädchens nur in Lederhose mit Träger oder dem jungen FJS mit Weißbier -, bei dem es dem Einheimischen eigentlich den Magen so umdrehen müsste, dass sich jede Essensorder erübrigt. Lende und die seinen aber aßen brav weiter.

Lob und Tadel

Zum Beispiel einen Zwiebelrostbraten (19,90). Er wurde auf Nachfrage “durch” geordert, kam aber zunächst weniger als “englisch” bluttriefend daher. Nach der Korrekturphase dann erwies er sich als durchaus schmackhaft und fast richtig zart. Ein anderer Kombattant war scharf auf die Vorspeise Spargelsalat mit Flusskrebsschwänzchen, nicht unbedingt sehr bayerisch, aber dann doch sehr schmackhaft, also dem Preis fast angemessen (12,20). Wobei man anzufügen hatte, dass zu einem Vorspeisensalat eigentlich Brot, am besten ein Korb mit Auswahl, gereicht werden sollte. Auch die Kartoffelcremesuppe (4,50) mundete, provozierte aber die Diskussion, warum man eine Kartoffelsuppe als ” . . . creme” angereichert servieren müsse.

Großes Lob kam dann vom anderen Eck des Tisches, an dem Spargel mit “Fleischpflanzer’l” (bei diesem Zitat aus der Speisekarte dreht es einem den Magen noch mal um, mit Glück in die richtige Richtung), denn trotz Rechtschreib-Sechser kriegt der Koch hier einen Einser (13,50).

Lende schließlich orderte bittschön einen Tafelspitz, aber noch mal bittschön mit Röst- statt Salzkartoffeln (17,80). Der kam dann doch mit Salzkartoffeln, na ja, Samstagabend halt. Als Lende dann aber nach einem Schoppen Grünen Veltliners (4,10) einen Primitivo (5,90) bestellte, kam erstens wieder ein Grüner Veltliner und trat zweitens nach dem Hinweis, man habe eigentlich was Rotes wollen, jener Gesichtsausdruck beim Service zu Tage, der eine eindeutige Kategorisierung dieses Gastes unter dem Rubrum “Depp” verriet. Professionelle Bedienungen wissen so etwas zu übertünchen. Aber eigentlich gilt solcher Grant schon wieder als Traditionspflege in München . Wie damals, als man noch Schafkopfen durfte im Wirtshaus.



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