Betritt man das Neni, noch beeindruckt von der rauen Seite des Hauptbahnhofs, taucht man ein in eine andere Welt, die Design und Heimeligkeit gelungen verbindet. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Wo der Zeitgeist mit Vergnügen speist

Das Restaurant “Neni” im Hotel “25 hours” ist ein Szenelokal, in dem die Küche des östlichen Mittelmeerraums und noch ein bisschen mehr zu Hause ist

Natürlich kann man sich jetzt das Hirn auswringen und in Länge einer Diplomarbeit beschreiben, was es warum im Restaurant Neni zu essen gibt. Man kann aber auch einfach die Gründerin Haya Molcho zitieren, die ihre Küche so erklärt: “Nach dem Zweiten Weltkrieg hat jede Mutter ihre Kultur nach Israel gebracht. Deutsche, Wiener, rumänische, türkische, marokkanische Juden. Und diese Mütter haben die Küche Israels geprägt.” So ist es, das gibt es im Neni, ergänzt um Noten aus Ländern wie Spanien, Korea, Indien und den USA, in denen sie mit ihrem Mann, dem Pantomimen Samy Molcho, einmal gelebt hat – oder die sie inspiriert haben. Weltküche sozusagen.

Lehrbücher nennen die Speisen des östlichen Mittelmeerraumes die Küche des Levante, und viele kennen ihren hippen Starkoch: Yotam Ottolenghi. Die Küche ist einer der Foodtrends 2018, auch, weil sie sich aus vielen Schüsseln teilen lässt, was wieder sehr dem Zeitgeist des Sharing entspricht.

Ohnehin ist Zeitgeist das Wort, welches das Neni am besten beschreibt. Das Restaurant gehört zur Hotelkette “25 hours”, die Design und Heimeligkeit gelungen verbindet. Betritt man das Neni, noch beeindruckt von der rauen Seite des Hauptbahnhofs, taucht man ein in eine andere Welt. Fröhliche amerikanische Großfamilien sitzen hier im Fauteuil inklusive Säugling und Oma, was den Geist des Neni gut trifft, die Molchos sind ein Familienunternehmen aus Wien. Am langen Gruppentisch treffen sich Menschen, die im Hotel wohnen und zusammen irgendwo auf der Welt arbeiten – oder sie lernen sich hier kennen. Es gibt trubelige Tische nahe der offenen Küche oder ruhigere Plätze im mittleren Teil des Neni. Die Lampen laufen zuweilen im Sparmodus, da fällt es schwer, die Karte zu lesen. Es gibt Palmen und Spiegel und Teppiche und Leuchtschrift zu Musik, die kuratiert zwischen Soul, Habibi Funk und Art Rock wechselt. Sollte man das Neni einordnen, würde man “Szenelokal” dazu sagen.

Wir wählten bei unseren drei Besuchen zweimal das “Best of Neni” (38 Euro), bei dem man sich quer durch Mezze, Hauptgänge und Desserts kostet, bei einem Besuch wählten wir à la carte. Gemein war allen Speisen, dass es vor allem Gemüse gab und dies immer mit vielen Kräutern und Gewürzen verfeinert war. Exorbitante kulinarische Höhenflüge erlebten wir nicht, aber einen überaus freundlichen Service.

Wir starteten bei allen Besuchen mit Hummus, dem Püree aus Kichererbsen, Sesampaste, Zitrone, Knoblauch und Kreuzkümmel. Da ist das Dreierlei (10,50) zu empfehlen, bestehend aus der klassischen Variante, Curry-Mango und Rote-Beete-Meerrettich. Der Hummus war angenehm temperiert, was Cremigkeit und Geschmack diente. Zweimal war das dazu gereichte Pitabrot ofenwarm, einmal kalt, was womöglich daran lag, dass es ein eher schwach besuchter Fußballsamstag war und die Brote nicht in der gewohnt hohen Frequenz geordert wurden, aber vorbereitet dalagen. Von fein rauchigem Aroma aber für unseren Geschmack zu kalt war das Sakuska (8,00), ein rumänischer Aufstrich aus Paprika, Tomaten und Auberginen. Auch das Babaganoush (7,5), ein libanesisches Püree aus Auberginen vom Grill, konnte seine Aromen nicht entfalten. Die Falafel (6,00) waren aber köstlich, außen knackig, innen saftig, dazu famoses Zhug, ein scharfes Koriander-Chili-Pesto.

Bei den Salaten gefiel uns vor allem der Korean Fried Chicken Salad, ein asiatisch inspirierter Salat mit Granatapfel und Erdnüssen in Karotten-Sake-Vinaigrette (16,00), bei dem das außen schön krosse Hühnerfleisch innen etwas saftiger hätte sein können, dafür war es in köstlicher Sojasoße mariniert. Der Quinoasalat mit grünem Spargel (15,50) war im Feuer der anderen Gerichte wohltuend dezent gewürzt, abgerundet durch griechischen Joghurt, Datteltomaten und Kalamata-Oliven.

Bei den Hauptgerichten schätzten wir das gegrillte Doradenfilet (24,00) mit geröstetem grünem Spargel, Erbsen, Zucchini und Thai-Basilikum wegen seiner fein abgeschmeckten Note, der Fisch hätte aber etwas weniger trocken sein können. Die karamellisierten Auberginen (14,50) mit Ingwer, Chili, geröstetem Sesam und japanischem Reis hingegen war eine wunderbare Komposition aus scharfen und süßen Aromen, der Jerusalem-Teller (19,50) mit gegrilltem Hühnerfleisch, Hummus, Tahina und vielen frischen Kräutern ebenso.

Leicht ist die Küche im Neni nicht, die würzigen Speisen brauchen einen Gegenspieler. Aus der Karte mit knapp 30 Positionen wählten wir den Syrah des Weinguts Gamla, das auf den annektierten Golan-Höhen beheimatet ist. Preislich ist der im Barriques gereifte Wein durchaus ein Wort (0,2 Liter/11,00, Flasche/39,00), aber er nimmt es – körperreich und intensiv nach Pflaumen und Schokolade kostend – spielend mit den Speisen auf. Die machen durstig, die Wasserpauschale (4,00/Person) für gesprudeltes oder natürliches Soda dient da sehr.

Für ein Dessert waren wir bei allen Besuchen zu wohlgesättigt, aber weil der Nachtisch zum Menü gehörte, kosteten wir doch gerne. Serviert wurde ein Brett mit Cheesecake, Zitronensorbet mit Litschi-Schaum und Knafeh, ein Engelshaarnest mit Mozzarella-Ricotta-Füllung und Joghurteis. Alles weiß, alles mit Zitrusaromen, alles mit Pistazie, was ein schöner aber etwas uniformer Abschluss war. Bei einem der Besuche hatte der Schaum bei der Zubereitung Freundschaft mit einer Zwiebel geschlossen, aber abgesehen davon, war das Dessert wie die gesamte Küche des Neni ein feines Vergnügen.