Wo die K.-u.-k.-Tradition grüßt

Deftiges aus gewaltigen Töpfen: Im Gasthof Humplbräu werden gut bürgerliche Gerichte ohne Firlefanz serviert.

Im Unterschied zu modeorientierten Stadtlokalen zeichnet sich der Gasthof auf dem Land im besten Fall dadurch aus, dass er Avantgarden und wechselnden Vorlieben trotzt. Man sieht ihm nicht an, welche Stürme ideologischer und meteorologischer Natur an ihm vorübergezogen sind, er steht beharrlich, wo er immer stand. Das gilt auch für den Humplbräu in Wolfratshausen , ein alteingesessenes Wirtshaus, das seit 1620 an der Marktstraße thront. Die breite Front, unterbrochen von einem ausladenden Torbogen, ist schon manchem Gast der an der ehemaligen Isartalbahn gelegenen Flößerstadt einladend vorgekommen.

So saß zum Beispiel Herbert Achternbusch hier gerne beim Bier, was bei einem Teil der Einheimischen nicht gut ankam. Dass der provokationsfreudige Regisseur in ihrem Ort seine Satire “Der Depp” gedreht hatte, mochte vielleicht noch durchgehen. Aber der wegen angeblicher Blasphemie zeitweise verbotene Film “Das Gespenst” traf in den achtziger Jahren die katholische Seele Bayerns so tief, dass während Achternbuschs Besuchen in Wolfratshausen die Leute in der Pfarrkirche St.Andreas gebetet haben sollen, der Künstler möge samt seiner obskuren Bagage bald wieder verschwinden.

Der Humplbräu ist also so etwas wie der Platzhirsch im Zentrum der Kreisstadt an der gemächlich dahinfließenden Loisach. Der stattliche Bau steht in der hübschen Altstadt dicht neben der Andreaskirche, an deren schlankem Zwiebelturm der britische Exzentriker D.H.Lawrence vor hundert Jahren besonderen Gefallen gefunden hatte – auch ein Gast, den die Wolfratshauser eher argwöhnisch beäugten. Bräu und Kirche waren im 17. Jahrhundert zusammen abgebrannt, ihren heutigen Namen bekam die Wirtschaft von dem Besitzer des neu errichteten Gebäudes, dem Bierbrauer Hans Humpl. Inzwischen betreibt die Familie Fagner den Gasthof in der vierten Generation, gebraut wird leider seit 1909 nicht mehr.

Hausgemachte Gerichte ohne Firlefanz

Könnte sich der Stadtrat dazu durchringen, den Verkehr aus der Altstadt zu verbannen, lägen Kirche, Humplbräu und Marienbrunnen in geradezu idyllischer Eintracht da. So aber rauschen direkt neben den Tischen im Freien die Autos auf der Marktstraße vorbei. Auch der eher schmucklose Innenhof ist keine Alternative, weshalb sich die Gäste meist mit dem angejahrten Charme der Wirtsstube begnügen. Man sitzt dort zum Beispiel unter dem Miniaturmodell eines Brauereigespanns, flankiert von bäuerlichen Mariendarstellungen. Es fehlte nur die gute alte Maggiflasche auf dem Tisch – dass Nachwürzen hier nicht nötig ist, wurde aber rasch klar.

Eine weit offen stehende Tür gibt den Blick frei auf den Herd und die gewaltigen Töpfe. Wer zum Auftakt eine der Suppen probiert, die auf dem Feuer simmern, bekommt einen guten Eindruck von der soliden Qualität der Küche. In der kräftigen Brühe lagen Pfannkuchenstreifen (3 Euro) oder ein Leberknödel (3,20). Beide waren hausgemacht.

Im Humplbräu kommt eben kein Firlefanz auf den Teller. Auch die Bedienungen sind angenehm zurückhaltend, und es scheint, als trügen sie ihre Dirndl tatsächlich als Reminiszenz an die Tradition des Hauses und nicht, um volkstümlich zu wirken. Bei so viel Bodenständigkeit sind allerdings keine kulinarischen Experimente zu erwarten. Nur wenige Gerichte auf der umfangreichen Karte zeugten von Ambitionen des Kochs jenseits des gängigen Repertoires – leider. Denn die Hubertusnudeln (9,50) zum Beispiel, eine üppige Portion schmaler Bandnudeln mit einer Art Reh-Bolognese, schmeckten kräftig, aber keineswegs zu streng.

Rehmedaillons und Rumpsteak ohne Makel

Der Koch fühlt sich offenbar an den Fleischtöpfen zu Hause. Dazu passt, dass für die Küche im Humplbräu eine hauseigene Metzgerei betrieben wird. Vom Ochsenfleisch (10,80) einmal abgesehen, das, da es ziemlich durchwachsen war, auch ein frischer Kren nicht mehr retten konnte, gerieten die Klassiker tadellos. Die Rehmedaillons mit Nussspätzle (15,80) lagen schön zart und rosa auf dem Teller. Den mürben Kalbsbraten, eine dünne, aber große Scheibe, begleitete ein perfekter Semmelknödel (11,20). Auch beim Rumpsteak gab es an Qualität und Zubereitung nichts zu mäkeln, besonderes Lob bekamen die frischen grünen Bohnen, deren Eigengeschmack etwas Bohnenkraut verstärkte.

Überhaupt kam auch den Gemüsen eine für bayerische Traditionswirtschaften überraschende Sorgfalt zu. Zum frischen schottischen Lachsfilet (15,80) wurde ein Gratin aus fein gehobelten Kartoffeln serviert. Und die Spargelstangen zum Zanderfilet (12,80) hingen weder auf der Gabel durch, noch waren sie holzig. Die dazugehörigen Kartoffeln allerdings waren kalt geworden, ehe sie den Gast erreichten. Angekreidet wurde der Küche an unserem Tisch auch der Hang zur Schmalz- und Butterdose – vor allem bei der Zubereitung des Fisches. So musste es letztlich bei zwei Nachspeisen am Vierertisch bleiben: vorzüglichen Erdbeerknödeln aus Kartoffelteig mit Bröseln und einem feinen Topfenpalatschinken (beide 4,85) – in Wolfratshausen sind die Berge schon ganz nah, man versteht sich offenbar auf Mehlspeisen in bester K.-u.-k.-Tradition.

Gasthof Humplbräu, Obermarkt2, 82515 Wolfratshausen, Telefon 08171/483290. www.humplbraeu.de . Geöffnet dienstags bis samstags von 9 bis 24 Uhr und Sonntag von 9 bis 15 Uhr.