Superdünner Boden mit krossem Rand und süßwürziger Tomatensoße macht die Pizzen aus. Foto: Stephan Rumpf

Wo Hits der Achtziger auf Halbmeterpizzen treffen

Das Mille Miglia ist kein Ort für ein besinnliches Mahl, der Laden gibt Gas – mit gutem Essen, großen Portionen und freundlichem Personal.

Lust auf einen romantischen Abend? In einem Restaurant mit lauschigen Ecken, wenigen Tischen, dezentem Licht und ruhiger Musik? In dem man schweigt im Kerzenschein und sich tief in die Augen blickt? Dann bitte das Mille Miglia streichen.

Wer sich aber fragt, ob es noch Läden gibt, in denen gut vernehmbar “Live is life” von Opus läuft, “I like Chopin” von Gazebo oder andere Hits aus der Giftküche der Achtziger, der wird hier nicht enttäuscht. Die Pizzabäcker arbeiten in bunter Discolichtkulisse, der Tischnachbar ist bisweilen sehr nah. Winters noch näher, dann findet die Außenbestuhlung im u-förmigen Gastraum auch noch ihr Plätzchen.

Verhältnisse geklärt? Okay, los geht’s. Das Mille Miglia ist keine Partyhölle, zu später Stunde steht keiner auf dem Tisch, aber der Laden gibt Gas, was passt, schließlich ist er benannt nach dem legendären italienischen Autorennen, das von 1927 bis 1957 stattfand. Die Idee lebt in dem Lokal im Westend bis in den letzten Winkel. Der Motorblock eines gelben Abarths beherbergt Servietten und Besteck, Pokale stehen auf Regalen, Fotos von Rennwagen zieren die Wände, auf der Damentoilette parken neben Deo und Haarspray Rennreifen.

Zwischendrin empfiehlt Alfons Schuhbeck von Fotos herab die “beste Pizza Münchens”. Das macht hellhörig, aber auch wieder nicht so sehr, wenn man weiß, dass “Schuhbecks Pizza” am Platzl von den Bäckern des Mille Miglia zubereitet wird.

Ob es die beste Pizza der Stadt ist, lässt sich schwer überprüfen, dazu müsste man jede Pizza der Stadt gegessen haben. Aber von denen, die wir verzehrt haben, zählen die Pizzen im Mille Miglia zu den besten. Und wohl auch zu den größten. Sie haben einen Durchmesser von fast einem halben Meter und sind nach Autos benannt.

Uns gefiel die Pizza Maserati mit Speck und Kartoffeln (9,50) sehr, belegt mit halbierten jungen Kartoffeln in der Schale mit Pancetta, schön würzig in fruchtig-süßer Tomatensoße. Auch die Pizza Audi R8 V 10 mit Büffelmozzarella, Rucola und Parmaschinken (14,90) war eine feine Sache, der Mozzarella großzügig bemessen, vom Rucola nicht zu viel. Nach mehreren Pizzen im Mille Miglia war klar, dass es fast egal ist, was drauf liegt (auch wenn das immer sehr gut war), denn der superdünne Boden mit dem krossen Rand und der süßwürzigen Tomatensoße ist es, was die Pizza hier ausmacht. Allerdings kann es durchaus eine Herausforderung sein, zwei Pizzen auf ihren Holzbrettern an einem Zweiertisch zu essen.

Im Mille Miglia muss man sich entscheiden. Wer eine Pizza bestellt, der schafft nicht mehr viel anderes. Vorher gibt es frei Haus reichlich schwarze Oliven und Ciabattascheiben mit feurigem Chiliöl. Die Vorspeise Mille Miglia (19,50) hatten wir zu zweit bestellt, sie hätte locker für drei gereicht. Die eingelegten Pilze und Auberginen fanden wir etwas zu kalt, auch hätte es etwas weniger von der zuckrigen Balsamicocreme als Streifendeko sein dürfen. Köstlich war der süßliche Ziegenkäse auf Babyspinat und die Mischung aus Meeresfrüchten, bei der der Pulpo sehr frisch und buttrig war, das Kalbfleisch fürs Vitello Tonnato war für unseren Geschmack zu grob geschnitten.

Ein anderes Mal hatten wir das Carpaccio vom Rind (11,90), was nach 20 Minuten köstlich war, bis dahin an manchen Stellen aber noch gefroren. Die vegetarisch essende Begleitung wählte das Carpaccio aus Scamorza (11,90), der fein in Scheiben geschnitten war und mit Olivenöl, Pinienkernen und Pfeffer abgeschmeckt. Bei drei bis vier Scheiben des Käses schmeckte das interessant, dann aber etwas eintönig, zudem sättigte der Käse zu sehr als Vorspeise.

Bei einem der pizzalosen Besuche wählten wir schwach gewürzte Tagliatelle mit Auberginen, Hüttenkäse und Minze (13,90) und hervorragend erdige Pilzravioli (14,90) mit wohldosiertem, frisch gehobeltem Trüffel. Die gegrillten Calamaretti (15,90) waren außen knusprig, innen zart, aber geschmacklich eher fad. Die Tagliata (21,90) war zart, die kulinarisch kundige Begleitung monierte aber, dass für ihren Geschmack das Rinderfilet vor dem Schneiden schärfer hätte angebraten sein müssen, um den schönen Gegensatz zwischen Saftigkeit innen und Röstaroma außen hinzukriegen.

Die Weinkarte ist mit zehn Weißweinen (18,50 bis 27,50 die Flasche) und zehn Rotweinen(22,50 bis 79 die Flasche) übersichtlich, aber es gibt auch Feinheiten abseits der Karte, die von Weinhändler Garibaldi bestückt wird. Ein Dutzend der Weine ist offen, wir wählten einen fruchtigen, aber sonst ein wenig eigenschaftslosen Nero D’Avola (3,60/0,1) zur Tagliata, einen Gavi di Gavi (4,90/0,1), der es fruchtigtrocken gut mit der Speckpizza aufnehmen konnte und einen gefälligen, würzigen Primitivo (4,50/0,1) zu den Auberginennudeln.

Der Service war bei unseren Besuchen immer vorzüglich. Freundlich bei der Reservierung, alert beim Empfang und sehr aufmerksam während des ganzen Besuchs, selbst wenn das Restaurant proppenvoll war, also immer. Reservieren sollte man, sonst wartet man mitunter lange im zugigen Windfang am Eingang. Die Zeit kann man auch nutzen, um noch schnell zur Bank gegenüber zu gehen, denn mit der Karte zahlen kann man hier nicht.

Das Mille Miglia ist sicher nichts für Menschen, die einen Ort für ein besinnliches Mahl suchen. Für alle anderen aber ist es ein quirliger Laden, in dem alle wirken, als wären sie sehr gerne hier: die Gäste und auch die Kellner. Das ist nicht überall der Fall. Und satt werden wirklich alle. Wenn nach dem letzten Gang die Teller abgeräumt sind, überreicht der Service auf Wunsch eine weiße Papiertüte mit den Resten. Bei unseren Besuchen stand auf jedem Tisch am Ende eine Tüte.