Zu Besuch bei einer alten Legende

Bratkartoffeln meets Schickeria: Der Münchner Charles Schumann betreibt seit mehr als 25 Jahren die wohl berühmteste Bar der Welt.

Boris Becker spricht von einem “Stück Zuhause”, Produzent Bernd Eichinger von der “besten Bar der Welt”. Kultregisseur Helmut Dietl hat sich den einen oder anderen Drink hier genehmigt und auch Kanzlerin Angela Merkel war schon da. Die Rede ist vom Schumann’s – neben dem P1 Münchens einziger echter Inladen, der sich über die Jahrzehnte gehalten hat. Selbst den Umzug an den Odeonsplatz 2004 hat die Bar scheinbar unbeschadet überstanden.

Und während das P1 seinen Mythos der berüchtigten Auslese am Eingang verdankt, hat es die Bar von Charles Schumann ganz ohne Türsteher zu Deutschlands bekanntestem Tresen geschafft. Einfach durch die Tür gehen – und schon ist man drin. Wirklich dabei ist aber nur, wer einen der dauerreservierten Tische ergattert. Manche warten ein Leben lang darauf, dass der Kellner sie einmal zu einem der privilegierten Sitzplätze führt.

An diesem Samstagabend haben allerdings auch gewöhnliche Touristen das Wunder vollbracht. Manch Weitgereister zeigt sich dennoch ein wenig enttäuscht, als er sich in den neuen Räumen umsieht und entdecken muss, dass das Ambiente lange nicht so edel ist wie gedacht. “Stand im Reiseführer nicht das ist DIE Bar?”, fragt die Dame am Nebentisch in lautem Sächsisch und wirft die blondierte Mähne zurück.

Dabei lohnt es sich auf die Details zu achten: Die schlichten Holztische harmonieren perfekt mit den roten Lederbänken und die ordentlich aufgereihten orangen Campari-Flaschen spiegeln sich nur scheinbar zufällig in der grünen Marmorwand hinter der Theke. Der hohe Raum hat der Bar den Spitznamen “Kathedrale” eingebracht.

Die Fenster sind mit roten Bannern gegen neugierige Blicke abgeschirmt, das Licht ist schummrig, im Hintergrund erklingen leise Pianoklänge vom Band. Wir studieren die Karte, blättern uns an den Globalisierungsdrinks wie dem Sake-Shake vorbei und wählen den Klassiker des Meisters. Schumanns berühmteste Erfindung, der Swimmingpool, feiert gerade 30. Geburtstag.

Dennoch gelingt es dem süßen, türkisfarbenen Drink noch immer, uns in den Tropenhimmel zu versetzen. Dabei ist Schumann der Meinung, ein Barkeeper müsse nicht in erster Linie gute Cocktails machen können, denn neumodische “Mixologen” sind ihm zuwider. Lieber beschreibt er sich als “Sozialpädagoge” und Dompteur.

“Ein guter Barkeeper ist aufmerksam, aber nicht aufdringlich, ein guter Handwerker eben”, erklärt er gerne. Seine Bar betrachtet er als “Wohnzimmer”, als “Ort, wo man zu Hause ist und trotzdem gehen kann, wann man will”. Nach Glamour klingt das nicht, aber vielleicht ist es genau diese Erdverbundenheit, die die Schickeria über die Jahre hinweg so magisch angezogen hat.

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“Tiefgarage mit Lüftungsschlitzen”

Charles Schumann, Jahrgang 1942, heißt eigentlich Karl Georg Schuhmann und stammt aus einer Oberpfälzer Bauernfamilie. Nach Jesuiteninternat, Bundesgrenzschutz und Hotelfachschule landete er in München, wo er 1982 in der Maximilianstraße seine erste American Bar aufmachte. “Tiefgarage mit Lüftungsschlitzen”, schrieb damals ein respektloser Kollege. Inzwischen traut sich das keiner mehr. Das Schumann’s ist nicht nur in München eine Legende – wenn auch eine etwas antiquierte.

Den alten Leuchtschriftzug kann man heute im Stadtmuseum bewundern und sogar die Bratkartoffeln des Chefs haben inzwischen Kultstatus erreicht. Doch selbst die zeitlose Einrichtung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Mehrzahl der legendären Gäste längst aus dem Nachtleben verabschiedet hat.

Vielleicht aus Verzweiflung darüber hat Deutschlands berühmtester Barkeeper vor einigen Jahren eine Tagesbar in den Fünf Höfen aufgemacht. Im Schumann’s selbst sind die Umgangsformen demokratischer geworden, die festen Stammtische aufgehoben – wohl aus Angst den Anschluss zu verlieren.

Schumann’s, Odeonsplatz 6/7, 80539 München-Zentrum, Tel.: 089/229060. Mehr Informationen unter www.schumanns.de