Zu Gast bei Monsieur Houillot

Seit 31 Jahren führt ein Bretone das “Seehaus” am Ammersee – ein edles Lokal in Riederau mit bewegter Historie.

Schon die Lage des Restaurants am See ist einmalig. Von der Terrasse schweift der Blick über die Wiese, auf der die Tricolore weht, zum gegenüberliegenden Ufer, über dem die Andechser Klosterkirche in der Abendsonne leuchtet. Sogar auf dem Wasser kann man hier dinieren: An diesem lauen Sommerabend sind auch auf dem Bootssteg Tische gedeckt. Und dann das Essen:

Seit Mitte der Achtziger Jahre hat sich das “Seehaus” einen Ruf als mediterran geprägter Gourmettempel mit asiatischem Akzent erarbeitet. Nein, ein Geheimtipp ist das Lokal in Riederau schon lange nicht mehr, war es eigentlich nie. Daher ist es auch für Hochzeiten oder andere geschlossene Gesellschaften höchst beliebt – weshalb es sich grundsätzlich empfiehlt, zu reservieren, wenn man hier zum Schlemmen sitzen möchte.

Seit 31 Jahren bewirtschaftet Hubert Houillot dieses gastronomische Filetstück am Westufer. Ein Bretone, der am Ammersee dauerhaft vor Anker ging, bezirzt von einer Frau und einem Haus. Und natürlich geleitet von der Liebe zum guten Essen. Die beiden letztgenannten Objekte der Begierde hegt er noch immer. Von der ersten ist immerhin eine Tochter geblieben, die nach beruflichen Ab- und Seitenwegen doch noch in die Fußstapfen des Vaters getreten ist.

Doch auch weit über die vergangenen drei Jahrzehnte hinaus hat das Lokal eine bewegte Historie: Das in den Dreißiger Jahren errichtete Gebäude diente einst als Boots-, Tee- und Klubhaus. Manfred Curry, eine der schillerndsten Figuren des Ammersee-Westufers, ließ es zur Ergänzung seines Riederauer Wohn-Anwesens am Ufer bauen. Als erfolgreichster deutscher Binnensegler nahm er an 1400 Segelregatten teil, als Tüftler und Erfinder brachte er die Segeltechnik voran: Heute gibt es kaum noch ein Boot ohne die von ihm entwickelte Curry-Klemme. Er schrieb Bücher und drehte Filme, als Arzt befasste er sich mit Erdstrahlen und “Bioklimatik”. Und als Ammersee-Anlieger ließ er den Amperdampfer “Mooskuh” zum “Tiger”, einem Hausboot in Stromlinienform mit Telefonanschluss, umbauen.

Nach dem Tod des Universalgenies 1953 betrieb Currys Witwe im herrschaftlichen Wohnsitz in Riederau eine Klinik und Pension; heute gehört es einer Bank, die es zur Fortbildung nutzt. Das Teehaus wandelte Currys Sohn Charles in ein Segelklubheim um, 1967 zog dann mit dem “Curry’s Inn” erstmals gehobene französische Gastronomie ein. 1973 kam Hubert Houillot vom Londoner “Savoy” an den Ammersee, lernte dort seine erste Frau Franziska kennen und übernahm die Regie in der Küche. Von 1975 an arbeitete er zehn Jahre lang in der “Post” Schondorf, bis er schließlich das “Seehaus” pachtete.

Im SZ-Archiv findet sich eine 15 Jahre alte “Kostprobe”, die der “Seehaus”-Küche “gute, meist sogar vorzügliche” Arbeit attestiert. Daran hat sich nichts geändert, doch manche Portion fällt in Relation zum Preis ein bisschen zu übersichtlich aus: Etwa die Vorspeisen wie roh marinierte Hamachi-Makrele mit Rettich und Passionsfruchtgel (15 Euro) oder die Blaukraut-Essenz mit einem Hauch Entenbrust (9 Euro). Klein, aber fein zeigen sich auch die Hauptspeisen (20 bis 29 Euro): Am Duett vom Kaninchen mit Linguine, Pfifferlingsrahm und gegrillter Melone etwa gibt es nichts auszusetzen.

Am stärksten aber bleibt das Pfifferlings-Brombeerrisotto (19 Euro) im Gedächtnis, das – mit Blauschimmelkäse und Mandelkrokant bereichert – als kulinarische Offenbarung gelten darf. Der Service ist liebenswürdig – daher ist es verzeihlich, wenn an diesem Abend in dem voll besetzten Lokal das bestellte Essen nicht auf Anhieb zum Tisch findet.

“Jetzt habe ich jeden Tag Urlaub”

Selbst wenn Rindfleisch aus USA oder Niederbayern bezogen wird, kommen bevorzugt regionale Produkte auf die Karte. Lamm etwa stammt aus der Uttinger Schäferei Ludwigshöhe. Aus dem Ammersee landet viel Fisch auf den Teller, jährlich etwa 100 Kilogramm Hecht und 400 Kilo Zander. Als dem Dießener Fischer und Urgestein Simon Rauch 2011 kurz hintereinander zwei Rekordwaller von 33 und 44 Kilo ins Netz gingen, wurden auch sie in Riederau verarbeitet.

Normalerweise wird die Menükarte im Zwei-Wochen-Rhythmus umgeschrieben. Nur zweimal im Jahr bleibt das Restaurant geschlossen: An Heiligabend und zum Betriebsausflug. Die Houillots legen Wert auf ein gutes Arbeitsklima in Küche und Gasträumen – und es scheint dort auch vorzuherrschen. So ist auch Küchenchef Florian Kiening vor sechs Jahren ins Seehaus zurückgekehrt, wo er 2006 seinen Meister ablegte.

Zwischendurch hatte er in Südafrika und andernorts in Sternerestaurants gekocht. Houillots Tochter Sandrine ist übrigens noch mehr in der Welt herumgekommen. Unter anderem war sie ein Jahr auf dem Kreuzfahrtschiff ” Europa ” als Weinstewardess unterwegs. Aber eigentlich hat sie Tierarztpflegerin gelernt und auch als Berufsreiterin gearbeitet. Das ist längst zum reinen Hobby geworden, aber noch immer hat Sandrine ein Pferd in Utting.

“Jetzt habe ich jeden Tag Urlaub”, sagt Hubert Houillot lachend – aber natürlich arbeitet der mittlerweile 66-jährige Patron auch nach der Übergabe an Sandrine oft abends noch mit. Obwohl der Bretone immer noch im Garten vor dem Seehaus die französische Fahne hisst, fühlt er sich in seiner Wahlheimat sehr wohl – auch wenn er schon seit Jahren um eine Erweiterung seines Lokals und einen Wintergarten kämpft.

Seit mittlerweile elf Jahren sind die Houillots Eigentümer des Seehauses – ein Grund, warum die Chancen gut stehen, dass sie dort noch viele Jahre ihre Gäste verwöhnen. Gerade ist der Seniorchef aus der Bretagne zurückgekehrt: “Meine Mutter ist 100 geworden”, erzählt er und zeigt ein Foto von der Geburtstagsfeier. Auf dem Bild ist eine mindestens 20 Jahre jünger wirkende Frau im großen Familienkreis zu sehen.



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